Klimaschutz seit den UN-Berichten
Der UN-Klimabericht schockiert die Welt: Nur noch bis 2020, gerade 13 Jahre, bleibt Zeit für Maßnahmen, um katastrophalen Unwettern, Überschwemmungen und Wirbelstürmen in der zweiten Jahrhunderthälfte zu entgehen. Die Zeit der kleinen Schritte im Klimaschutz muss nun endgültig vorbei sein. Von BN-Vorsitzendem Prof. Dr. Hubert Weiger
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Die Berichte des Klimarats vom Februar und April haben die Aussagen der letzten Jahre bestätigt, in ihrer Brisanz aber weit übertroffen. Ein »weiter wie bisher « mit zaghaften Veränderungen würde die Welt in den Abgrund führen. Vorrangig muss in den Industriestaaten umgehend der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) drastisch reduziert werden. Denn CO2 ist weltweit die Hauptursache der Klimaerwärmung, gefolgt von Methan – aus Mülldeponien, dem Reisanbau und der intensiven Rinderzucht – und Lachgas – vor allem aus der intensiven Stickstoffdüngung. Auch die weltweite Vernichtung der Wälder trägt mit bis zu 20 Prozent zum dramatischen Klimawandel bei. Seit 1980 wissen die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, was zu tun ist. Die Studie Global 2000 des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und der seinerzeitige Bericht der Bundestags-Enquete-Kommission haben klare Anweisungen gegeben, dieselben, die heute in allen Zeitungen stehen: effiziente Energienutzung, Energieeinsparung, erneuerbare Energien. Aber die verantwortlichen Politiker hielten ihre Versprechen nicht, Strom-, Öl-, Gas- und Kohlekonzerne setzten ihre verschwenderischen Ausbauziele durch.
EU-Ziele zu niedrig
Wegen der Versäumnisse der letzten Jahrzehnte werden die jetzt von der EU geforderten einschneidenden Maßnahmen – 20 Prozent CO2-Reduzierung bis 2020 – längst nicht mehr ausreichen. Auch in Deutschland muss Energieeinsparung endlich beherzt vorangetrieben werden. Denn in den alten Bundesländern ist der CO2-Ausstoß noch immer so hoch wie 1990, die »Einsparung« in den neuen Bundesländern – Großkraftwerke und Schwerindustrie dort wurden stillgelegt – ist nicht wiederholbar. Der größte CO2-Verschmutzer ist nach wie vor die Stromwirtschaft, sie setzt mehr Klimagase frei als Haushalte und Verkehr zusammen. Deshalb ist Stromsparen und umweltfreundliche Stromerzeugung beim Klimaschutz besonders erfolgversprechend. Die Energieversorgung hat ihr zentrales Problem noch nicht ernsthaft angepackt: Die meisten Anlagen – sowohl produzierende als auch verbrauchende – stammen aus einer Zeit, in der es Energie fast zum Nulltarif gab. Deshalb hat die Energieverschwendung immense Ausmaße, an die sich viele leider gewöhnt haben. Die Verringerung des Energieverbrauchs durch Steige- rung der Effizienz ist unsere größte »Energiequelle«
Millionenfaches Sparpotenzial
Da Energie an Millionen von Verbraucherstellen vergeudet wird, müssen und können Millionen von Einzelmaßnahmen zur CO2-Vermeidung beitragen. Alle Verbraucher sollten wissen, dass es billiger ist, moderne Effizienztechnik und erneuerbare Energien zu kaufen, als weiterhin steigende Energierechnungen zähneknirschend zu bezahlen. Entscheidende Vorgaben und Rahmen muss aber der Staat setzen, zum Beispiel dürfen Kohle-, Öl- oder Gas-Kraftwerke ohne Kraftwärmekopplung keine Genehmigung mehr erhalten. Ein Tempolimit auf Autobahnen ist ebenso überfällig wie die Besteuerung von Flugbenzin. Die Produktion von Elektrogeräten mit Standby-Verbrauch muss verboten werden. Die Wirtschaft hat gezeigt, dass freiwillige Vereinbarungen nichts bringen, deren Zeit ist vorbei. Es ist auch Aufgabe des Staates, seine Bürger für einen klimaverträglichen Lebensstil zu gewinnen und einer Resignation entgegenzuwirken. Wenn alle an einem Strang ziehen, ist es noch nicht zu spät, das Klima zu retten.
Bayern kein Musterknabe
Bayern geht entgegen den Aussagen der Staatsregierung nicht mit gutem Beispiel voran. Der CO2-Ausstoß des Freistaats hat seit 1990 kaum abgenommen. Bilanziert man auch den in der amtlichen Statistik nicht erfassten Tanktourismus und die Stromimport-/ -exportdaten hinzu, haben die Emissionen sogar zugenommen. Im Klimabündnis des BN mit der Staatsregierung wurden konkrete Vorschläge gemacht. Wenn etwa von 2004 bis 2010 jährlich fünf Prozent der Gebäude energetisch saniert würden, wäre schon viel erreicht. Der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung in Wohnblöcken, Verwaltungsgebäuden, Industrie- und Gewerbe-Immobilien könnte den Stromsektor von seinen großen Emissionen entlasten. Viele Hausbesitzer haben mit einer Sanierung schon begonnen, die CSU-Landtagsmehrheit aber hat für die »Vorbildwirkung der staatlichen Liegenschaften« noch immer kaum Finanzmittel zur Verfügung gestellt. Noch viel schwerer wiegt, dass die Staatsregierung vor allem in der Verkehrspolitik keine Abkehr von ihrer alten Wachstumsdoktrin vollzieht. Klimaschädliche Vorhaben wie eine dritte Startbahn am Münchener Flughafen oder ein Ausbau des Flughafens Hof, der Bau des Transrapid, weiterer Straßen- und Autobahnbau oder auch Schneekanonen werden einen Teil möglicher Einsparerfolge wieder zunichte machen. Die Erkenntnis ist noch nicht durchgedrungen, dass heute nur noch CO2-Einsparungen angesagt, Maßnahmen mit höherem CO2-Ausstoß aber passe sind.
Klimaschutz schafft Jobs
Das alte Argument, Klimaschutz sei wirtschaftsfeindlich, ist längst widerlegt. Im Gegenteil, durch Einspa- rung und Effizienz können sehr viele neue Arbeitsplätze entstehen, mehrere Hunderttausend allein im Mittelstand durch den Wärmeschutz in Altgebäuden. Der im Auftrag der britischen Regierung erstellte, im Oktober 2006 veröffentlichte »Stern-Report« sagt aus, dass die Folgen des Klimawandels die Weltwirtschaft zwischen fünf und 20 Mal so teuer kämen wie ein sofortiges Umsteuern bei der Energiepolitik, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Die größten Einsparpotenziale bieten Gebäude, Verkehr und Elektrogeräte. Erneuerbare Energien können Atom und Kohle komplett ersetzen. Der BN fordert, dass endlich in allen bayerischen Regionalplänen Vorranggebiete für Windkraftanlagen nach Kriterien des Landschafts- und des Naturschutzes ausgewiesen werden. Der BN fordert auch, den ökologischen Landbau als besonders klimaschonende Landnutzung stärker zu fördern.
Pioniere im BN
Der Bund Naturschutz hat seit 1980 in Hunderten von Pressemeldungen und Veranstaltungen gefordert, dass die Politik Konsequenzen aus dem Wissen über den drohenden Klimawandel ziehe – damals oft als Einziger auf weiter Flur. Und wir haben gehandelt; als Pioniere des Klimaschutzes haben unsere Basisgruppen gemeinsam mit dem Landesverband unzählige Initiativen für eine umweltverträgliche Energie-, Verkehrs-, Siedlungs-, Land- und Forstwirtschaftspolitik ergriffen. Dass Bayern heute zum Beispiel die weltweite Spitzenstellung bei der solaren Stromerzeugung einnimmt, ist nicht dem Staat, sondern vielen Energie-Visionären gerade im BN zu verdanken. Diesen Kampf für die Sicherung eines menschenverträglichen Klimas werden wir ebenso engagiert wie bisher weiterführen. Die von uns geretteten und betreuten Biotope sind gerade auch wegen des durch die Erwärmung drohenden Artensterbens als Ökozellen der Artenvielfalt notwendiger denn je. Wir alle sind gefordert, das Motto unserer BN-Arbeit »Klimaschutz konkret« umzusetzen.
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