Viele tausend Wölfe leben in Europa. Ihre Populationen erstarken, einzelne Wanderer erkunden neue Lebensräume, auch in Deutschland. Warum wir davor keine Angst haben müssen, zeigt der Blick in angestammte Wolfsregionen.
Bis etwa zum 17. Jahrhundert besiedelten Wölfe ganz Europa, Asien, Nordamerika und Teile Nordafrikas. In Nordamerika leben sie heute – teilweise sehr gefährdet – nur noch in Alaska, in Kanada und in wenigen US-Bundesstaaten. In Asien kommen die meisten Wölfe in den dünn besiedelten nordrussischen Regionen, aber auch in Indien, Iran oder im Himalaja vor. Auch in Europa ist die Wolfspopulation massiv zurückgedrängt worden. In vielen Gebieten West- und Mitteleuropas galt er als ausgerottet. Das letzte frei lebende Tier auf deutschem Gebiet wurde am 27. Februar 1904 in der Lausitz erschossen.
Doch seit etwa 40 Jahren verändert sich die Situation der Wölfe in Europa. Sie haben wieder die Chance, sich auszubreiten. Ihre Populationen etwa in Spanien, Italien, Slowenien, Kroatien und der Slowakei nehmen zu. Mehrere Regionen wurden wieder neu besiedelt, auch in den Alpen und in Deutschland.
Heimkehrer in der Lausitz
Vor zehn Jahren wurde das erste Wolfsrudel nach über 100 Jahren in der Lausitz gemeldet. Inzwischen leben hier zwei Pärchen und sechs Rudel mit Nachwuchs. Insgesamt halten sie sich auf einer Fläche von etwas mehr als 50 mal 50 Kilometer auf. Im Grenzgebiet von Sachsen-Anhalt und Brandenburg lebt ein weiteres Wolfsrudel mit Nachwuchs. Zusätzliche Nachweise gibt es in weiteren Regionen Sachsens und Brandenburgs, in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen – und seit kurzem auch in Bayern.
Auch in den Nachbarländern Polen, Tschechien, Österreich und Schweiz nimmt die Zahl der Wolfsnachweise zu. Damit nimmt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Wölfe nach Deutschland einwandern, zu. Da Jungwölfe auf der Suche nach einem Partner und einem neuen Revier leicht über 500 km weit wandern, können auch Tiere aus Norditalien, Frankreich, der Schweiz, Slowenien, Kroatien, der Slowakei, Tschechien und Polen bei uns auftauchen.
Maßnahmen regional anpassen
Wölfe greifen Nutz- und Haustiere an. Diese Tatsache wirft die Frage nach Schutzmaßnahmen und Entschädigungen auf. Hauptbetroffene sind Schäfer beziehungsweise die Besitzer von Schafen, Ziegen oder auch anderen Nutztieren. Sowohl die Schadenshäufigkeit als auch die Art und Weise, wie Tiere geschützt werden, unterscheiden sich in Europa von Region zu Region deutlich. Wo es traditionelle Schutzsysteme, wie Hirtenhunde, Zäune und den ständig anwesenden Hirten gibt, bleiben Schäden eher gering. In Rumänien etwa beläuft sich der jährliche Verlust an Nutztieren durch Wölfe und Bären auf etwa zwei Prozent des Bestandes.
Weil jede Region ihre Besonderheiten hat, kann man zum Beispiel in Bayern nicht einfach übernehmen, was anderswo funktioniert. Regional angepasste Lösungen müssen entwickelt werden. Ein Blick auf das Sammelsurium unterschiedlicher europäischer Ansätze kann allerdings eine Hilfestellung sein, um auch in Bayern den Umgang mit Wölfen wieder zu erlernen.
Was uns der Blick auf Europas Wolfsregionen auf jeden Fall lehren kann: Wölfe benötigen keine Wildnis, sie kommen sehr gut auch in Kulturlandschaften zurecht. Wölfe greifen unzureichend gesicherte Nutz-und Haustiere an, weil diese eine einfache Beute sind. Unfälle mit Menschen sind dagegen extrem selten. Wo Wölfe leben, sollten sich die Menschen aber entsprechend anpassen. Die bayerischen Alpen eignen sich gut als Lebensraum für Wölfe, Luchse und Bären. Die Wölfe werden allerdings nicht nur versuchen, die bayerischen Alpen wieder zu besiedeln, sondern viele weitere Regionen in den Alpen und in Deutschland.
Auch der Umgang mit Schäden ist sehr uneinheitlich geregelt. Denn es gibt in Europa keine einheitliche rechtliche Grundlage, ob und wie man Verluste durch Wölfe oder andere große Beutegreifer ausgleicht. Einige Länder unterstützen nur Schutzmaßnahmen, andere ersetzen jeden Schaden deutlich über dem Marktwert, andere wiederum nur die Hälfte. Manchmal werden präventive Maßnahmen gefördert und Schäden nur dann ersetzt, wenn diese Maßnahmen umgesetzt wurden.
Dieser Text ist in ähnlicher Fassung erschienen in "Natur & Umwelt" (Mitgliederzeitschrift des BN), Heft 1/2011: Beitrag des Wildtiermanagers Peter Sürth (www.derwegderwoelfe).
Weitere Infos zur Situation der Wölfe in Europa bei Euronatur: http://www.euronatur.org/Woelfe-in-Europa.57.0.html