6. Kann Deutschland auf Atomkraft verzichten ohne vom Ausland abhängig zu werden?
Die deutsche Stromversorgung hat riesige Kraftwerksüberkapazitäten.
Selbst bei Spitzenstromverbrauch im Winter könnten alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Im Jahre 2004 hätten die nicht genutzten Kraftwerke weit mehr Strom erzeugen können als alle Atomkraftwerke zusammen. Selbst am Tag des höchsten Stromverbrauchs, am Mittwoch 15.12.2004 um 11 Uhr stand so viel inländische Kraftwerksleistung in Reserve wie die Atomkraftwerke zur selben Zeit erzeugten. Die Stromversorgung Deutschlands wäre also zu jeder Zeit sichergestellt gewesen, auch wenn alle Atomkraftwerke im Laufe des Jahres 2004 abgeschaltet worden wären.
Jahresstromerzeugung netto 2004 Inland | | 553 Mrd. kWh |
davon Atomkraft | | 158 Mrd. kWh |
verfügbare Kraftwerksleistung 15.12. | 91,9 GW | |
Überschuss | 19,4 GW | |
Leistung AKWs Dez. 2004 | 20,2 GW | |
mögliche zusätzliche Stromerzeugung der verfügbaren Kraftwerke 2004 | | 206 Mrd. kWh |
Nach Abschaltung der Atomkraftwerke gäbe es also keinen Bedarf für Importstrom. Der Strombedarf kann jederzeit im Lande gedeckt werden.
Stromimport, -export
In den 90er Jahren und Anfang dieses Jahrhunderts waren Stromimport und –export ziemlich ausgeglichen, weit unter 10 % der Gesamtstromerzeugung. Erst in den Jahren 2003, 2004 und 2005 expandierte der internationale Handel mit Strom. Es entwickelte sich ein deutlicher Überschuss bei den Stromexporten.
In Deutschland ist Strom also offensichtlich billiger und besser verfügbar als in unseren Nachbarländern.
Während die Im- und Exportwerte in den 90er Jahren zwischen 30 und 40 TWh (TeraWattStunde = Mrd. kWh) lagen, nahm der internationale Stromaustausch nach der Liberalisierung rasch zu und liegt jetzt über 50 TWh mit einem Nettoexport von 7 bis 8 TWh.
> Import/Export
Großes Potential für Kraftwärmekopplung
Viel wichtiger als Import- und Exportdaten ist die Frage nach dem Ersatzbau von Kraftwerken in den nächsten Jahrzehnten. Angeblich müssen 40 000 MW an den veralteten Kraftwerken ersetzt werden. Diese sollten, wie bei der Kraftwärmekopplung oder den Erneuerbaren Energien, möglichst CO2 -arm laufen.
Wärme, die in Heizkesseln oder Heizwerken erzeugt wird, könnte im Prinzip immer auch gekoppelt mit Strom erzeugt werden: Kraft- Wärme- Kopplung (KWK)
Diese Möglichkeit wird sehr unterschiedlich genutzt, wie schon der Blick auf die KWK- Statistik der EU15 zeigt: Der Anteil des in KWK erzeugten Stroms an der gesamten Stromerzeugung beträgt in Dänemark rd. 50%, in Finnland und den Niederlanden rd. 40%, im Durchschnitt der EU 15 wie in Deutschland rd. 10% und in Frankreich lediglich 3%.
In den 50er und 60er Jahren lag der Anteil von KWK-Strom in Deutschland bei mehr als einem Viertel. Die Stromkonzerne haben ihn unter Missbrauch ihrer Monopolstellung mit Dumpingpreisangeboten immer weiter zurückgedrängt. Würde man die hohen Temperaturen bei Prozesswärme und Heizung gleichzeitig zur Stromerzeugung nutzen, ergäbe sich in Deutschland ein KWK-Strompotential von 270 TWh/Jahr. Das entspräche rd. 50% der derzeitigen deutschen Stromerzeugung, also weit mehr als der Atomstrom beisteuert (160 TWh). Dies wäre ein Zustand, wie er schon heute in Dänemark vorzufinden ist.
Die deutsche KWK-Stromerzeugung betrug im Jahr 2000 nur rd. 60 TWh, (K. Traube 25.1.05) entsprechend 11% der gesamten Stromerzeugung. 40 % sind also noch frei. Es wird darauf ankommen, in den nächsten Jahrzehnten die Investitionen in KWK-Anlagen zu bündeln, soweit der Zubau fossiler Kraftwerke noch nötig ist.
Nach dem Schließen aller Atomkraftwerke sollten Ersatzkraftwerke vornehmlich in KWK-Technik errichtet werden. Richtig installiert, können KWK-Anlagen praktisch ohne CO2 -Ausstoß betrieben werden. Denn der CO2 -Ausstoß eines hocheffizienten Gas- und Dampf-Kraftwerkes (GuD) liegt nicht höher als der CO2 -Ausstoß der Ölheizungen, die mit seiner Abwärme ersetzt werden. Aber auch Kohle-Anlagen mit Kraftwärmekopplung stoßen pro kWh nur einen Bruchteil des CO2 aus, das ein Steinkohlekraftwerk ohne Abwärmenutzung verursacht.
Schon die Bundestagsenquete-Kommission "zukünftige Kernenergiepolitik" empfahl im Jahre 1980 den Ausbau der Kraftwärmekopplung. > 4 Pfade
"Im Bericht der interministeriellen Arbeitsgruppe (IMA) wird bereits 1997 die KWK als wichtigste Einzelmaßnahme zur Einsparung von Primärenergie und damit CO2 -Reduktion eingestuft". (Leitfaden für effiziente Energienutzung des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz)
Und die Bundestags- Enquete- Kommission "Nachhaltige Energieversorgung" befand 2002, es lasse sich in der längerfristigen Perspektive "selbst unter Maßgabe massiver Energieeinsparungen…in grober Näherung ein technisches Potential für die KWK- Stromerzeugung in der Bandbreite von 220 bis 380 TWh abschätzen". (Bundestags Drucksache 14/9400, Ziffer 870).
Die Behinderung der KWK ist somit das augenfälligste Beispiel für "die angebotsorientierten Strukturen unserer Energiewirtschaft, die ein Haupthemmnis für die Effizienzverbesserung" sind (Umweltbundesamt 1997) .
Wie ein Industriestaat wie Bayern umweltfreundlich ohne Atomkraft versorgt werden könnte, zeigt die EnergieVision Bayern des Bund Naturschutz.
Anmerkung: Diese Darstellung verwendet noch den Primärenergie-Maßstab, der aber das tatsächliche Problem unzureichend beschreibt. Sobald die nötige Datengrundlage vorhanden ist, wird das Diagramm ersetzt. Eine Diskussion der dahinter stehenden Problematik finden Sie unter "Primär-Endenergie".
Eine dezentrale Energieversorgung, die vollständig mit inländischen Energien auskommt, gibt auch keinen Anlass mehr für internationale Konflikte (Carter-Studie 80).