1. Ist Atomkraft im Kampf gegen den Klimawandel hilfreich?
Nein.
Dass Atomkraft gebraucht wird, um das Klima zu retten, glauben viele Menschen. Denn es wird ihnen ja pausenlos von der Stromlobby eingeredet.
Aber in Wirklichkeit ist diese Behauptung nichts weiter als ein rund 20 Jahre alter, mit viel Geld publizierter Werbeslogan der Atomlobby, der nach Tschernobyl die Felle davonschwammen. In der Realität ist dieser Spruch nicht mit Fakten belegbar.
Die Stromkonzerne haben die Chance, mit Atomstrom den CO2 -Ausstoß ihrer Kraftwerke zurückzudrängen, nicht genutzt. In Deutschland wurden mit dem Ausbau der Atomkraft auch die Steinkohlekraftwerke ausgebaut. Denn Absatzsteigerung war das Ziel, nicht Klimaschutz.
Und so kam es, dass der Kohlendioxidausstoß trotz Atomkraft weltweit ungebremst anstieg und der pro-Kopf-CO2 -Ausstoß in Ländern mit Atomkraft nicht geringer ist als in Ländern ohne Atomkraft.
Und in Zukunft ist die "Hilfe" noch kümmerlicher: Noch vor Öl und Gas wird das Uran weltweit erschöpft sein.
Atomstrom deckt nur 2,7 % der Weltenergieversorgung, weniger als Wasser, Wind und Sonne.
Der Weltenergiereport 2004 der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke schreibt (auf den Seiten 44 und 46):
"Der Anteil des elektrischen Stromes am Endenergieverbrauch der Welt liegt heute bei 16%." Nur ein knappes Fünftel davon stammt aus Kernkraftwerken.
Atomstrom trägt also nur 2,7% zur Versorgung mit Endenergie bei.
Die Uranreserven sind zu klein
Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Braunschweig (BGR) veröffentlicht regelmäßig die Bilanz der Welt-Uranreserven. Die Uranreserven haben in den letzten Jahrzehnten nicht zugenommen. Etliche vermutete Uranlager wurden sogar gestrichen.
Aus den Angaben ergibt sich eine statische Reichweite der gesicherten Reserven von 49 Jahren, der vermuteten von 22 Jahren. Optimistisch gerechnet also 71 Jahre (wenn der Verbrauch nicht ansteigt). Das Bayerische Wirtschaftsministerium gab sogar das Jahr 2035 als voraussehbares Ende an. (vgl. Frage 3)
In jedem Fall gibt es zu wenig Uran, um damit etwas gegen die fossilen Brennstoffe auszurichten. Uran enthält nur knapp 3% der Energie, die noch in den fossilen Reserven Kohle, Öl und Gas steckt.
Wollte man den gesamten fossilen Energieverbrauch (ca. 85 % der Weltenergieversorgung) durch Atomkraft ersetzen (also auch den Energieverbrauch im Straßenverkehr, bei der Heizung etc.) müsste man den Uranverbrauch um mehr als das 30-fache steigern. Dann wäre aber das Uran, das bei gegenwärtig gleich bleibend niedrigem Verbrauch noch maximal 71 Jahre reicht, in etwas mehr als zwei Jahren erschöpft. Dies zeigt, wie absurd es ist, mit Atomkraft gegen den Treibhauseffekt vorgehen zu wollen.
Uranreserven siehe auch: 3. Ist Atomkraft nachhaltig?
Atomstrom konnte weder in der Vergangenheit etwas gegen den Treibhauseffekt ausrichten noch kann es dies in Zukunft.
Bisher kein CO2 zurückgedrängt
Die Atomkonzerne haben es – entgegen ihrem derzeitigen Werbeslogan – bisher versäumt, Strom aus Kohle zurückzudrängen. Stattdessen war die Absatzsteigerung (d.h. die Stromverschwendung) ihr Ziel. Trotz Ausbau der Atomkraft stieg der CO2 -Ausstoß kräftig an. Der CO2 -Ausstoß verschiedener Länder hängt nicht davon ab, ob sie nun Atomstrom produzieren oder nicht.
Während sich in Deutschland die Leistung der Atomkraftwerke zwischen 1980 und 2000 mehr als verdoppelte, wuchs die der Steinkohlekraftwerke um 25 %. Nicht "entweder – oder" sondern "sowohl – als auch" war damals die Devise der Stromkonzerne.

Autoaufkleber von Siemens-KWU aus den achtziger Jahren
In der Studie "Nachhaltiges Deutschland" kritisierte das Umweltbundesamt dies als "die angebotsorientierten Strukturen unserer Energiewirtschaft", eine freundliche Umschreibung der Tatsache, dass die Stromkonzerne ihren Absatz steigern, statt die Wünsche der Stromkunden zu erfüllen.
Ergebnis: Der CO2-Ausstoß stagnierte auf hohem Niveau bei rd. 700 Mio. t (alte Bundesländer). Der Stromsektor ist nach wie vor der mit Abstand größte CO2 -Emittent (weit vor Haushalten, Verkehr oder Industrie)
CO2 -Ausstoß 2001 Deutschland
Kraftwerke Industrie Gewerbe Haushalte Verkehr | 343 Mio. t CO2 161 Mio. t CO2 56 Mio. t CO2 131 Mio. t CO2 180 Mio. t CO2 |
Vergleich mit anderen Ländern
Auch der Vergleich verschiedener EU-Länder gibt keinen Hinweis auf einen Zusammenhang "je mehr Atomstrom desto weniger Kohlendioxid".
In den 15 alten EU-Ländern trägt der Atomstrom rund 6% zur (End-)Energie-versorgung bei.
Die Spannweite geht von 0% in den atomstromfreien EU-Ländern bis 14% in Frankreich, weltweit sind es 2,7%.
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Die Länder Österreich und Italien, die ihre Atomkraftwerke nach Volksentscheiden stillgelegt haben, liegen beim CO2 -Ausstoß pro Kopf mit dem Atomland Frankreich nahezu gleichauf (unterhalb des Europa-Durchschnitts von 10,6 t/Kopf.) Die fast atomstromfreien Niederlande (Atomanteil 0,7%) schneiden in dieser Bilanz besser ab als der Atom-Nachbarstaat Belgien mit einem 14mal so hohen Atomanteil. Die Atomstaaten Deutschland, Großbritannien, Belgien und Finnland liegen über dem Durchschnittswert, z. T. höher als atomstromfreie Länder wie Österreich oder Griechenland. (Daten der EU / Kyoto-Protokoll)
Die Daten liegen in der Realität viel weiter auseinander, als die theoretische Linie (100% CO2 für atomstromfreie Länder, 86% für Frankreich) erwarten ließe.
Ein Zusammenhang "je mehr Atomstrom desto weniger Kohlendioxid" ist im Ländervergleich beim besten Willen nicht festzustellen.
CO2 -Ausstoß wird nach Atomausstieg nicht nachhaltig steigen
Atomkraftbefürworter warnen vor dem Ausstieg, indem sie behaupten, die Stilllegung der Atomanlagen führe "zu einer Erhöhung des CO2 -Ausstoßes um 160 Mio. t in Deutschland". Aber auch diese Behauptung unterstellt die (falsche) Annahme, Atomkraft werde durch Kohlekraft ersetzt und ist daher unrealistisch. Denn es ist nicht sinnvoll (und wohl die dümmste aller Möglichkeiten) nach dem Ausstieg Atomkraft durch Kohle zu ersetzen.
Nach Stilllegung der Atomkraftwerke (entweder nach der nächsten Reaktorkatastrophe oder aus Einsicht schon vorher) werden zunächst die vorhandenen überschüssigen Kraftwerke einspringen, zumeist fossil befeuert. Dies ist aber nur kurzfristig nötig.
Daraufhin müssen kraftwärmegekoppelte Kraftwerke errichtet werden (siehe Frage 6), deren Betrieb den CO2 -Ausstoß (im Vergleich zu fossilen Kraftwerken ohne Abwärmenutzung) drastisch reduziert. Das Ausbaupotential der Kraft-Wärme-Kopplung ist riesig, weit größer als die Leistung aller Atomkraftwerke. Deutschland hat – im Vergleich zu den Niederlanden oder Dänemark auf diesem Gebiet noch einen sehr großen Nachholbedarf.
Bei der Wohnraumheizung und im Verkehrsbereich sind gleichzeitig große Einsparungen möglich und wirtschaftlich. Der CO2 -Ausstoß wird daher schon nach kurzer Zeit unter dem "Ausstiegsniveau" liegen und dann stark absinken.
Nach dem Atomausstieg könnten all die CO2 -Sparmaßnahmen nachgeholt werden, die die Bundestags-Enquete-Kommissionen seit 1980 erfolglos empfohlen hatten.
Der Betrieb von Atomkraftwerken hat den Ausbau der Energieeffizienz und der Erneuerbaren Energien praktisch blockiert, wie die Rückschau auf 1980 zeigt
Die bereits zitierte UBA-Studie kritisierte die Atomkraft als ein "Haupthemmnis für die Effizienzverbesserung" (Umweltbundesamt 1997).
Prof. Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes (1997 von der damaligen Umweltministerin Angela Merkel eingesetzt) hat am 10.11.05 in der Süddeutschen Zeitung festgestellt: "Es geht nicht nur um das Energieangebot, es geht auch um die Nachfrage. Und falls ich Grundlast -Kraftwerke wie Atomreaktoren länger am Netz lasse, eine Grundlast, die zudem weitgehend aus abgeschriebenen Anlagen stammt, habe ich extrem hohe wirtschaftliche Marktzutrittshindernisse für andere Energieträger."
Es bleibt die Frage, warum Atomkraft überhaupt in den Markt eingeführt wurde.
Die Kosten der CO2 -Minderung sind geringer als der Schaden, der entsteht, wenn der CO2 - Gehalt der Erdatmosphäre weiterhin ungebremst steigt. Atomkraft braucht man dazu nicht.

