Tschernobyl
Der havarierte Reaktor
In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 ereignete sich die bisher folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der Atomenergie: der Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl (am Dreiländereck Ukraine, Russland, Belarus, damals noch Sowjetunion) explodierte, weil das Betriebspersonal vorliegende Bestimmungen bei Experimenten nicht beachtete, weil lange bekannte Konstruktionsmängel nicht behoben wurden.
Am 26.4. 1986 um 1.24 Uhr hat sich als Folge eines Fehlversuchs in Sekundenbruchteilen die Leistung verhundertfacht. Explosionsartig flog der Reaktordeckel weg, sämtliche radioaktiven Edelgase, 50% des Jods, 10% des Cäsiums und 3% der festen radioaktiven Stoffe wurden über den halben Globus verteilt, von einem Feuer, das über eine Woche loderte, wie ein 1000 Meter hoher Kamin den Reaktorinhalt in die Atmosphäre hochzog und je nach Windrichtung in alle Himmelsrichtungen verteilte.
Glück im Unglück: der Reaktor war erst kurze Zeit in Betrieb, das radioaktive Inventar also noch vergleichsweise gering.
Am 28.4. schnellten die Messgeräte in Schweden nach oben.
Am 29.4. kam die Wolke nach Deutschland, um 18 Uhr meldeten die Messgeräte in Erlangen (Messgerätefabrik Kugelfischer) einen drastischen Anstieg der Radioaktivität.
Am 29.4. um 20 Uhr antwortet Innenminister Zimmermann in der ARD auf die Frage nach der Gefährdung: "absolut auszuschließen. Denn wir sind 2000 Kilometer weg."
Die Freisetzungsdauer durch den lichterloh brennenden Kohlenstoff-Reaktorkern betrug 10 Tage mit sich ständig ändernden Windrichtungen und Wetterverhältnissen.
Dadurch ergab sich eine Verteilung der radioaktiven Ablagerung von 70 % in Belarus und je 15 % in der Ukraine und in Russland. Die lokalen Regenfälle erzeugten eine sehr inhomogene Verteilung der Radionuklide in den betroffenen Gebieten.
Auch nach Deutschland (insbesondere Bayern und Baden-Württemberg) wurden große Mengen Radioaktivität getrieben.
(Nach der damals geltenden Strahlenschutzverordnung durfte man sich ab einer Strahlenbelastung von 37 000 Bq pro Quadratmeter nur noch im Strahlenschutzanzug bewegen. Demnach hätte ab Ende April in Bayern und vielen benachbarten Ländern niemand mehr ohne Schutzanzug aus dem Haus gedurft, die Niederschlagsfolgen lagen weit über diesem Grenzwert. Strahlenlabors war verboten Flüssigkeiten mit mehr als 2 Bq/Liter ins Abwasser zu schütten. Kleinkinder mussten nach Tschernobyl Milch mit bis zu 500 Bq/Liter schlucken.)
Tschernobyl hat die Strahlenschutzverordnung außer Kraft gesetzt, wie ein Mitarbeiter des Forschungszentrums Neuherberg im Fernsehen feststellte.
Tschernobyl – die Folgen
In Belarus wurden 7 000 km² zur Sperrzone und Zone strikter Kontrolle erklärt, in der Ukraine 1 000 km² und in Russland 2 000 km². Im Oblast Gomel (Verwaltungsgebiet
größer als Baden-Württemberg) wurde erst im Jahr 1991/92 im Rajon Wetka – 40 km nordöstlich der Gebietshauptstadt Gomel und 140 km von Tschernobyl entfernt – ein großes Gebiet evakuiert und zur Sperrzone erklärt. Nach der Schätzung der WHO liegt die Zahl der Liquidatoren (Soldaten und Arbeiter, die an der Löschung des Reaktors und der Beseitigung des strahlenden Materials beteiligt waren) bei 800 000. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden in der Ukraine sind dort mindestens 15 000 Liquidatoren gestorben.
In Abwägung der Angaben der verschiedenen Quellen kann man davon ausgehen, dass bis heute 50 000 bis 100 000 Liquidatoren seit dem Tschernobyl-Unfall gestorben sind. Nach russischen Angaben sind heute ein großer Teil der Liquidatoren Invaliden und leiden u.a. an Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Problemen, Lungenkrebs, Entzündungen des Magen-Darm-Bereichs, Tumoren und Leukämie.
Im Oblast Gomel hat im Zeitraum 1989 bis 1999 die Häufigkeit aller Krebserkrankungen deutlich zugenommen. In dieser Zeit stiegen die Krebsfälle von 240,8 auf 346,0 pro 100 000 Personen, d. h. vom niedrigsten zum höchsten Niveau in der Republik Belarus.
Aus: 20 Jahre Tschernobyl, Prof. Edmund Lengfelder
Anders als z.B. nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima sind weder von den Liquidatoren noch von den Bewohnern des verseuchten Gebietes Strahlenbelastungswerte bekannt. Abschätzungen oder Hochrechnungen der Opferzahlen sind also äußerst schwierig.
Diese fatale Datenlage wird von den Befürwortern der Atomenergie (z.B. IAEO) zur Beschwichtigung missbraucht. Angeblich seinen keine Folgen nachgewiesen, Erkrankungen sind auf das schlechte Gesundheitssystem der UdSSR-Nachfolgestaaten zurückzuführen oder gänzlich Einbildung.
Selbst in Deutschland, das weit weniger von den radioaktiven Niederschläögen betroffen war, wurden vermehrte Totgeburten, Missbildungen und Krebs festgestellt.

