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Mittelgebirge

Natur- und Umweltschutz in Mittelgebirgen

Der folgende Text skizziert neue Wege des Natur- und Umweltschutzes in Mittelgebirgen. Er wurde vom Bund Naturschutz im internationelen Jahr der Berge 2002 als Resolution beschlossen.

Im Rahmen des Internationalen Jahres der Berge 2002 verdienen neben den alpinen Regionen gerade auch die Mittelgebirge wegen ihrer spezifischen Probleme und Entwicklungschancen aber auch wegen ihres großen Flächenanteiles verstärkte Beachtung. Die Tagungsteilnehmer sehen deshalb im Internationalen Jahr der Berge 2002 einen wichtigen Impuls, um die Bedeutung und hohe ökologische Sensibilität der Mittelgebirge sowohl den politisch Verantwortlichen als auch einer möglichst breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen .

Die Erhaltung des Natur- und Kulturerbes in den Mittelgebirgsregionen muss wegen seiner herausragenden Bedeutung und der vielfach bereits eingetretenen Schäden ein wichtiges Ziel nicht nur für die Bewohner selbst, sondern auch für Gesellschaft und Politik sein. Dabei ist vor allem der Erhalt des individuellen Charakters und der lokalen Besonderheiten der verschiedenen Bergregionen nötig.

Die TeilnermerInnen der am 3.10.02 vom Bund Naturschutz zusammen mit dem BUND Hessen und Thüringen in Oberbach durchgeführten Tagung "Neue Wege des Natur- und Umweltschutzes in Mittelgebirgen" wenden sich deshalb mit folgenden Forderungen an die Politik:

 

1. Landesentwicklung

Trotz vieler Beschlüsse und Bekenntnisse zum Schutz der Berge sind die Berggebiete mehr denn je steigenden Nutzungsansprüchen und damit einer erhöhten Belastung ausgesetzt.

Wir fordern deshalb:

  • Die Ausrichtung aller übergeordneten und örtlichen Planungen und Projekte an den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung.
  • Die gezielte Förderung einer breiten Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung für die besondere Bedeutung und Empfindlichkeit der Bergregionen, insbesondere der Mittelgebirge.
  • Eine naturverträgliche und querschnittsorientierte Landes-, Raum- und Kommunalplanung, die verstärkt den Erfordernissen der Bergregionen Rechnung trägt.
  • Eine stärkere Unterstützung und Förderung regionsspezifischer Ansätze und Entwicklungskonzepte, die die jeweiligen besonderen ökologischen Bedingungen, die hohe Empfindlichkeit von Berggebieten gegenüber Eingriffen und Nutzungsänderungen und ihre besonderen Siedlungs-, Lebens- und Wirtschaftsformen berücksichtigen.

2. Verkehr, Siedlungsentwicklung und Tourismus

Insbesondere Verkehrs- und Siedlungsprojekte führen zu erheblichen Belastungen für die Mittelgebirge. Aber auch mit der weiteren Tendenz zu touristischen Großprojekten und –ereignissen sind hohe Risiken für Naturausstattung und das Landschaftsbild in den Mittelgebirgen verbunden.


Verkehr

Landschaftszerstörende Großprojekte wie die Fichtelgebirgsautobahn oder die ICE-Neubau-Strecke durch den Thüringer Wald zeigen, dass – trotz positiver Ansätze der Rot-Grünen-Bundesregierung – eine echte Verkehrswende noch lange nicht in Sicht ist.

Die Unterzeichner halten deshalb gerade für die Mittelgebirge ein wesentlich stärkeres Engagement von Staat und Wirtschaft für Strategien und Maßnahmen zur Verkehrsvermeidung und zur Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene für unabdingbar.

Wir fordern deshalb:

  • weiterer Ausbau der Öko-Steuer,
  • unverzügliche Einführung der beschlossenen LKW-Maut mit schrittweiser Erhöhung Erhalt und wo notwendig Sanierung der Flächenbahn;
  • Verzicht auf neue Autobahnen und autobahnähnliche Bundesstraßen (z.B. Fichtelgebirgsautoahn);
  • statt dessen vorrangig Ausbau entsprechender Bahnstrecken, Stopp der ICE-Neubaustrecke durch den Thüringer Wald und statt dessen die Modernisierung der der bestehenden Trassen, den verstärkten Einsatz moderner Zugtechnik und wesentliche Verbessrung der Logistik.

 

Siedlung

In Deutschland werden heute jeden Tag ca. 132 ha Fläche überbaut und verbraucht. Mit 28.6 ha/Tag ist Bayern dabei unter allen Bundesländern Spitzenreiter.

Gerade in den ländlichen Regionen, zu denen die Mittelgebirge durchwegs zählen, besteht nur eine geringe Bereitschaft zum sparsamen Umgang mit Boden und freier Landschaft. Deshalb geht dort bis heute gerade vom Wohnsiedlungsbau und von Gewerbegebieten im ländlichen Raum ein enormer Zersiedelungsdruck auf die Landschaft aus, weisen die Gemeinden unverändert neue Baugebiete mit großen Parzellen und geringer Geschoßflächenzahl aus und werden immer noch neue Siedlungs- wie auch Gewerbeflächen im Außenbereich genehmigt.

Wir fordern deshalb:

  • Eine größere Zurückhaltung bei der Ausweisung und Genehmigung neuer Siedlungsflächen.
  • Die konsequente Anwendung flächensparender Bauprinzipien.
  • Die verstärkte Berücksichtigung ökologischer und landschaftsästhetischer Gesichtspunkte bei der Siedlungsentwicklung im Mittelgebirgsraum.

 

Tourismus

Neben vielen positiven Ansätzen zur Förderung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in den Mittelgebirgen, werden dort weiterhin in großer Zahl touristische Bauvorhaben und Events realisiert, die zu gravierenden Umweltbelastungen führen und die Mittelgebirge vielfach nur noch als austauschbare Kulisse missbrauchen und verbrauchen.

Wir fordern deshalb:

  • Die Abkehr von der immer weiter voranschreitenden Technisierung und Kommerzialisierung im Tourismus.
  • Die Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger und regionsspezifischer Tourismus-Strategien, für die eine intakte Natur wichtigste Grundlage ist.
  • Die verstärkte Berücksichtigung der besonderen charakteristischen Ausstattung mit landschaftlichen Reizen, Naturschätzen und kulturellen Besonderheiten der einzelnen Mittelgebirgsregionen bei der Tourismuswerbung.
  • Die Entwicklung und Förderung abgestufter Nutzungskonzepte, die neben genutzten Bereichen auch Tabubereiche und Zonen mit räumlichen, zeitlichen und Mengen-Beschränkungen (Kapazitätsgrenzen) sowie eine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung aller Freizeitnutzungen enthalten.
  • Die Ausweisung von Tabubereichen für Outdoor-Sportarten wie Kanufahren oder Schneeschuhgehen.
  • Den Verzicht auf Schneekanonen und weitere Kapazitätserhöhungen bei Liftanlagen.
  • Besonders strenge Anforderungen an die Natur- und Umweltverträglichkeit bei Gr0ßveranstaltungen.

 

3. Naturschutz

In den Mittelgebirgsregionen naturschutzfachlich besonders bedeutsam sind vor allem Bergwälder, Fließgewässer, Moore und Feuchtgebiete sowie Trockenrasen.
Die trotz allgemeiner Rückgangstendenz noch vorhandenen Bestände bedürfen eines besonderen Schutzes, der in abgestufte regionsspezifische Nutzungskonzepte integriert werden muss.

Wir fordern deshalb:

  • Die uneingeschränkte Erhaltung aller noch vorhandenen natürlichen und naturnahen Lebensgemeinschaften.
  • Vorrang v.a. in Naturschutzgebieten für die Belange des Naturschutzes.
  • Ausreichend fachlich geschulte Gebietsbetreuuer für alle großflächigen Schutzgebiete.

Besondere Beachtung müssen europäische Naturschutz-Vorgaben finden, v.a. Fauna-Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie, Vogelschutz-Richtlinie, Wasserrahmen-Richtlinie. Vor allem bei den kleineren Fließgewässern und den Wäldern bestehen eklatante Defizite in der bisherigen NATURA 2000 - Gebietsmeldung. So fehlen dort z.B. so wichtige Bereiche wie das ganze Hafenlohr –und Thulbatal, große Teil des Sinntals in der Rhön, weite Abschnitte der Lamitz und der Eger mit ihren Bachsystemen im Frankenwald und Fichtelgebirge, große Waldflächen des Spessarts sowie wichtige Bergwiesen und Bergwälder im Bayerischen Wald.

Wir fordern deshalb:

  • Die Schließung aller Lücken im Netz NATURA 2000 durch Nachmeldungen des Freistaates Bayern.
  • Die Beendigung des weiteren Ausbaus der Fließgewässer durch Wasserkraftwerke gerade in den Berggebieten.
  • Keine Genehmigung für neue Kleinwasserkraftwerke – insbesondere im Hinblick auf den hohen naturschutzfachlichen Wertes der letzten Reste naturnaher Bäche und Flüsse und der bislang kaum genutzten Energieeinspar-Möglichkeiten.

Deutschland hat eine internationale Verantwortung für den Moorschutz - zur Vielfalt der Moore tragen auch die Berggebiete in besonderem Maße bei. Neben den größeren Moorgebieten der Rhön, der Fichtelgebirges und des Bayerischen Waldes ist es v.a. in den Mittelgebirgen nötig auch kleinere Moore und Moorreste verstärkt zu optimieren und miteinander zu vernetzen.

Wir fordern deshalb:

  • Eine Intensivierung des Moorschutzes – u.a. durch Umsetzung der Moorschutz-Programme bzw. – Entwicklungskonzepte der einzelnen Bundesländer sowie durch Bereitstellung ausreichender Fördermittel.
  • Die langfristig gesicherte Bereitstellung von Mitteln für Bestandserhebungen von Flora, Fauna und Lebensräumen.


4. Forst- und Landwirtschaft

Die deutschen Mittelgebirge sind vor allem Waldland. Luftverschmutzung, Wildverbiss und naturferne Bewirtschaftungsformen beeinträchtigen jedoch die Erfüllung der Funktionen im Naturschutz sowie beim Schutz der Ressourcen Wasser, Boden und Luft.

Wir fordern deshalb:

  • Die Erhaltung aller natürlichen bzw. naturnahen Wälderbestände.
  • Eine naturnahe Waldbewirtschaftung auf ganzer Fläche.
  • Eine umwelt- und waldverträgliche Energie- und Verkehrspolitik.

Insbesondere sind dafür erforderlich:

  • Reduktion von Wild, insbesondere Reh- und Rotwild, auf ein Maß, das Wald und Natur vertragen,
  • Stopp der übermäßigen Fällung von dickstämmigem Altholz,
  • äußerste Zurückhaltung bei weiterem Forststraßen und –wegebau sowie den verstärkten Einsatz boden- und bewuchsschonender Holzbringungsmethoden, wie Seilzug, Rückepferde etc.,
  • Durchführung einer Waldbiotopkartierung, die alle für den Naturschutz besonders bedeutsamen Waldflächen erfasst.

Die außerhalb der Bergwälder gelegenen landwirtschaftlich genutzten Flächen haben als prägende Elemente der durch den Menschen entstandene Kulturlandschaften eine hohe Bedeutung für den Arten- und Lebensraumschutz sowie die naturgebundene Erholung. Jedoch setzt sich gerade bei den besonders wertvollen extensiv genutzten Grünlandbereichen der massive Schwund auch heute noch fort.

Wir fordern deshalb die Sicherung der extensiv genutzten Grünlandbereiche sowohl vor Nutzungsaufgabe als auch vor Nutzungsintensivierung.

Der ökologische Landbau und die regionale Vermarktung sind insbesondere in den Mittelgebirgen die einzigen ökologisch und ökonomisch sinnvollen Alternativen zur Intensivlandwirtschaft und Industrialisierung im Weltmarkt. Nur so lassen sich der landschaftliche Reiz und die Bedeutung landwirtschaftlich genutzter Flächen für Naturschutz und Erholung in den Mittelgebirgen auf Dauer sichern.

Wir fordern deshalb:

  • eine gezielte und deutlich verbesserte Finanzausstattung von Projekten zur Förderung des Öko-Landbaus und der Regionalvermarktung
  • besondere finanzielle Anreize für die Beibehaltung bzw. Ausweitung naturverträglicher Nutzungsformen vorrangig in den Natura 2000 - Gebieten.

 

Bund Naturschutz in Bayern e.V.
BUND Landesverband Hessen
BUND Landesverband Thüringen

 

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