Prof. Dr. Meinhard Miegel
Interview mit Prof. Dr. Meinhard Miegel
Verschiebung zu immateriellen Werten!
Im N+U-Interview setzt Prof. Dr. Meinhard Miegel auf die Vernunft des Menschen, der ansonsten auf eine düstere Zukunft zusteuert. Der Wirtschaftsexperte fordert ein Umdenken des Westens.
Herr Professor Miegel, Umweltschützern kommt oft das Grausen, wenn sie an die Zukunft denken – etwa an die rücksichtslose Ausbeutung der Umwelt im Zuge der Globalisierung. Demografen warnen vor einem Kollaps unserer Sozialsysteme, Ökonomen befürchten eine drohende Weltwirtschaftskrise. In Ihrem Buch »Epochenwende « führen Sie all diese Aspekte zusammen und blicken dennoch unerwartet hoffnungsvoll in die Zukunft.
Auch wenn mich mitunter Zweifel beschleichen, glaube ich immer noch daran, dass Menschen vernunftbegabte Wesen sind, die die Grundlage ihrer Existenz nicht absichtsvoll zerstören. Im Übrigen finden die Warner heute ungleich mehr Gehör als noch vor wenigen Jahrzehnten. Umwelt und Bevölkerungsentwicklung werden als Themen mittlerweile sehr ernst genommen.
Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass der Patient Erde bei der Operation stirbt, weil der Kampf um die globale Vorherrschaft erst einmal zu einem noch erbarmungsloseren Umgang mit Menschen und Umwelt führt?
Der Mensch ist viel zu unbedeutend, als dass er das Ende der Erde herbeiführen könnte. Allerdings vermag er seine Lebensbedingungen drastisch zu verschlechtern. Daran arbeitet er gerade. Aber wie gesagt: Ich glaube und hoffe, dass schlussendlich doch seine Vernunft obsiegt. Sicher kann man sich da jedoch nicht sein.
Vordenker des Naturschutzes fordern seit vielen Jahren, wir müssten einen neuen Lebensstil entwickeln und lernen, mit weniger Konsum besser zu leben – mit bescheidenem Erfolg.Werden ökonomische Zwänge bewirken, was die Einsicht nicht zu bewirken vermochte?
Davon gehe ich aus. Schon seit geraumer Zeit gibt es in Ländern wie Deutschland, aber auch in vielen anderen, keine spürbare Wohlstandsmehrung mehr. Das Wachstum der Wirtschaft dient vornehmlich dazu, von Menschen verursachte Schäden zu beseitigen oder zu kaschieren. Wohlstandsmehrung ist das nicht. Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Bevölkerung das erkennt.
Selbst wenn der Westen seinen Konsum gezwungenermaßen reduziert, was hilft das, wenn die neuen Herren der Welt(wirtschaft) ihren neuen Wohlstand ähnlich gierig in Konsum umsetzen wie derzeit die osteuropäischen Neureichen?
Da sprechen Sie einen ganz heiklen Punkt an. Denn wir Völker des Westens können den anderen kaum Mäßigung predigen, solange wir selbst in materiellem Überfluss schwelgen. Gerade deshalb müssen wir aber vor unserer eigenen Tür kehren. Nur dann gibt es eine Chance, dass auch die aufstrebenden Völker einsichtig handeln.
Mal angenommen, die Menschheit kriegt noch rechtzeitig die Kurve: Wie sieht nach Ihrer Vision das Leben unserer Kinder und Enkel in 50 Jahren aus?
Das hängt entscheidend davon ab, ob der Menschheit schon bald fundamentale Durchbrüche bei der Nutzung der Sonnenenergie gelingen. Energie bedeutet nämlich Wasser und Wasser bedeutet Nahrung. Aber auch dann wird es nicht ohne eine Verschiebung materieller zugunsten immaterieller Werte gehen. Ohne eine solche Verschiebung dürfte es in 50 Jahren ziemlich düster aussehen. Das Interview führte Winfried Berner,Mitglied des BN-Landesvorstands und Unternehmensberater.
Das Interview führte Winfried Berner, Mitglied des BN-Landesvorstands und Unternehmensberater.
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