Interview mit Enoch zu Guttenberg
„Ich will nicht lau sein“
Der Dirigent Enoch zu Guttenberg ist Mitbegründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Seine Konzerte nutzt er gerne für Ansprachen im Sinne des Umweltschutzes. Im Interview spricht er über seinen emotionalen Zugang zur Musik, seinen Kampf gegen den Klimawandel und seinen Sohn, den neuen Bundeswirtschaftsminister.
Von Georg Etscheit (Quelle: ZEITonline)
Der Baron ist noch nicht eingetroffen. Seine Hausdame öffnet die Tür des Guttenbergschen Zweitwohnsitzes, eines alten Bauernhauses in Neubeuern bei Rosenheim. Ein wenig Zeit, sich umzusehen. Das Ambiente ist gediegen in dem gewölbtem Raum, in dem das Gespräch stattfinden soll, dem früheren Kuhstall. Eine geschmackvolle Sitzgruppe, ein Klavier, viele alte Bücher in barock anmutenden Regalen, opulente Gestecke aus Seidenblumen, Ölgemälde an den Wänden. Überall stehen Familienfotos in Silberrahmen, wie es sich für ein altes Adelsgeschlecht gehört: Der Baron zusammen mit seinen Söhnen bei der Gamsjagd, der ältere Sohn aus erster Ehe, Karl-Theodor, seit kurzem Bundeswirtschaftsminister, in jungen Jahren beim Reiten, der zweite Sohn Phillipp im Kilt zusammen mit seiner Frau, einer MacDonald - schottischer Hochadel. Etwas atemlos schneit der Hausherr plötzlich zur Tür herein: „Fangen Sie an. Stellen Sie ihre Fragen!“.
Sind Sie genervt von dem Medienrummel, Herr zu Guttenberg?
Enoch zu Guttenberg: Ich bin Medien müde. Seit mein Sohn zum Minister berufen wurde, sind bei uns in Guttenberg sicher 30 Filmteams gewesen, hinter jedem Baum steckte ein Journalist.
Sie sind aber doch sicher stolz auf Ihren Sohn. Schließlich ist er mit seinen 37 Jahren der jüngste Bundeswirtschaftsminister den das Land je hatte.
Natürlich freue ich mich wahnsinnig über seinen gradlinigen Weg und seine Bereitschaft, in diesen Zeiten schwere Verantwortung zu übernehmen. Und ich freue mich, dass man ihm hierfür das nötige Vertrauen schenkt.
Ihr Sohn ist musikalisch ja auch sehr begabt, spielt hervorragend Klavier. Er hätte Musiker werden können, ging aber in die Politik. Bei Ihnen war es umgekehrt…
Mein Vater wollte unbedingt, dass ich Politiker werde. Ich habe mich dann aber für die Musik entschieden. Ein homo politicus bin ich geblieben. Das liegt bei uns im Blut.
Sie sind berühmt-berüchtigt, weil Sie hin und wieder vor Konzerten politische Ansprachen halten. Meist geht es darin um Fragen des Umweltschutzes.
Natur und Ökologie beschäftigen mich seit meiner Kindheit. Damals, in den 50er Jahren, besaßen wir noch das Weingut Reichsrat von Buhl in Deidesheim in der Pfalz. Irgendwann zog da der „Fortschritt“ ein. Von einem Tag auf den anderen wurden die schönen belgischen Ackerpferde einen Kopf kürzer gemacht. Dann ruinierte die Flurbereinigung die alten römischen Weinbergsmauern. Und in Oberfranken haben sie die schönen Täler des Frankenwaldes mit Straßen zubetoniert. Das kann nicht gut sein, habe ich mir gesagt, das sind Verbrechen, für die wir einmal furchtbar zahlen müssen. Heute schon überschreiten die Rechnungen alles Vorstellbare.
Was hat eigentlich Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ mit der Klimaerwärmung zu tun?
Haydn erzählt darin von der Jahrtausende alten Symbiose zwischen Mensch und Natur, wie ich sie als Kind noch ansatzweise gesehen habe. Ich weiß, dass Haydn bei seinen Besuchen in England die ersten Schritte der Industrialisierung miterlebt hat. Gut möglich, dass er sich dachte, er sei einer der letzten, die noch sehen könnten, wie diese Symbiose funktioniert. Wenn ich das Werk dirigiere, bekomme ich jedes Mal großes Heimweh nach einer verlorenen Zeit
Eine Flucht ins untergegangene Arkadien?
Im Gegenteil! Wenn Sie die „Jahreszeiten“ so sehen, wie ich, ist das keine Flucht, sondern eine Anklage. Gegen das, was wir mit dem Planeten Erde treiben. Dass wir aufhören müssen, weiter an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Das drängendste Problem ist für mich die Klimakatastrophe. Leider habe ich persönlich keine Hoffnung mehr, dass uns hier ein Umschwenken gelingt.
Aber sie werden nicht müde, die Menschen überzeugen zu wollen. Ihre diesjährigen Herrenchiemsee-Festspiele stehen ja auch ganz im Zeichen der Umweltzerstörung und der drohenden Klimakatastrophe.
Ich will mir, wenn ich mal in die Grube fahre, sagen können, wenigstens alles versucht zu haben.
Wie denkt der neue Bundeswirtschaftsminister über die apokalyptischen Anwandlungen seines Vaters?
Guttenberg: In der Analyse, glaube ich, gibt er mir Recht. Im Gegensatz zu mir ist er aber ein hoffnungsfroher Mensch, der glaubt, dass es an seiner Generation liegt, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Wird er den Dauerkonflikt zwischen Ökonomie und Ökologie beenden?
Ich nehme stark an, dass er da etwas auf der Agenda hat. Ich glaube, wir können auf diesem Gebiet einiges von ihm erwarten.
Welches Verhältnis zur Macht hat Ihr Sohn?
Dass er seinen neuen Job nicht ausfüllt um der Macht willen, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Er ist unglaublich demütig, wenn ihm auch oft das Gegenteil angedichtet wird, weil er nun mal gut angezogen ist und gute Manieren hat.
Warum sind Sie eigentlich wieder in die CSU eingetreten?
Karl-Theodor hat mich dazu überredet. Die Umweltpolitik der CSU halte ich aber nach wie vor für falsch. Die Partei gehört dringend entbetoniert. Das geht am besten, wenn man dazu gehört.
Wenn man Sie am Dirigentenpult sieht, sind Sie immer so engagiert, dass man zuweilen um Ihre Gesundheit fürchtet…
(Lacht) Ich kann nicht lau sein. Musik ist für mich immer auch Träger einer Botschaft. Schauen Sie sich Verdis „Requiem“ an. Viele sagen, das sei Verdis beste Oper. Ich sehe da etwas ganz anderes, nämlich die Auseinandersetzung eines Atheisten, eines Revolutionärs und Garibaldianers, mit seinen alten Glaubenswurzeln. Ein gewaltiger Kampf. Wenn ich das nur als interessantes, schönes Kunstwerk hinstelle, mache ich etwas falsch.
Ganz leichte Kost sind Ihre Interpretationen nicht…
Schauen Sie, der hochgepriesene Karajan machte etwas sehr Gefährliches. Er hat, zumindest in seinen späteren Jahren, die Musik geglättet und zu einem international marktgängigen Produkt gemacht. Aber Musik ist kein Konsumgut. Wir dürfen Musik ebenso wenig verbrauchen wie wir unsere Erde verbrauchen.
Warum reizen Sie weniger die großen Starorchester als ein Außenseiter-Ensemble wie die KlangVerwaltung?
Mit der KlangVerwaltung habe ich ein Orchester, dass zu 100 Prozent umsetzt, was ich will. Die machen das, weil sie selbst von unserer gemeinsamen musikalischen Sprache überzeugt ist.
Wie stehen Sie zum Originalklang?
Guttenberg: Ich verehre Pioniere wie Nikolaus Harnoncourt, der ganz vielen Kollegen und auch mir die Türen aufgemacht hat. Allerdings ist das Wissen um die historische Aufführungspraxis nur eine Seite. Ich will Musik nicht museal, sondern auch emotional heiß machen, wie das etwa der große Leonard Bernstein konnte. Ich will, dass die Leute nach meinem Konzert an der Garderobe ihre Hüte verwechseln.
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