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Widerstand gegen die A 73 – die Geschichte des Protestes

Kein Jahr war seit der Wiedervereinigung vergangen, da gab es schon Pläne für verkehrspolitische Veränderungen. Die neuen Bundesländer sollten besser an den Westen angebunden werden. Die damalige Bundesregierung unter Kanzler Kohl setzte vor allem auf den Ausbau der Straßen. 

Ziel des Verkehrsprojekts „Deutsche Einheit Nummer 16“ war die Verbindung der Bundesländer Bayern und Thüringen durch eine neue Autobahn. Die Idee vom Bau der A 73 im Abschnitt zwischen Lichtenfels und Suhl wurde bald zur beschlossenen Sache. Im Jahr 1991 entwarf der Bund Naturschutz das erste Faltblatt gegen die Planung. Mit dem Slogan „Rettet das Maintal zwischen Vierzehnheiligen, Staffelberg und Kloster Banz“ machte sich die Kreisgruppe Lichtenfels stark gegen den Autobahnbau von 12,5 Kilometern Länge zwischen Lichtenfels und Ebersdorf bei Coburg. Die Kreisgruppe Coburg organisierte entsprechend den Widerstand zwischen Ebersdorf und der Landesgrenze bei Rottenbach.

Argumente gegen den Autobahnbau gab es viele: Die malerische Landschaft im so genannten Gottesgarten würde zerschnitten, das Ensemble aus den  oberfränkischen Denkmälern Vierzehnheiligen, Staffelberg und Kloster Banz optisch auseinander gerissen. Der Lebensraum für Tiere und Pflanzen sollte sich durch viele Tonnen Asphalt völlig verändern. Hinzu käme der Verlust schutzwürdiger Biotope sowie landwirtschaftlicher Nutzflächen.

Alternativen und Lichtblick

Protest gegen den Autobahnbau: Anton Reinhardt (links) und Werner Hoffmann stellen 1999 eine Tafel auf.

Mit dem Prospekt „Heimat in Gefahr – Transitautobahn bedroht den Gottesgarten“ formierte der Bund Naturschutz 1995 den Widerstand gegen die A73. Der BN warb dafür, das vorhandene Straßennetz zu nutzen und gegebenenfalls auszubauen. Die Möglichkeit einer so genannten Zwei-plus-eins-Lösung, die den dreispurigen Ausbau der bestehenden Bundesstraße B4 zwischen Breitengüßbach und Coburg vorsah, hätte das Verkehrsaufkommen von damals täglich 20.000 bis 30.000 Fahrzeugen problemlos bewältigt und 30 Prozent der Kosten gespart. Dies ließ sich der BN 1999 von einem Kasseler Verkehrsplanungsbüro via Gutachten untermauern und reichte letztendlich sogar Klage beim Bundesverwaltungsgericht gegen zwei Planfeststellungsbeschlüsse ein. Der erste Spatenstich Anfang 2003 konnte trotzdem nicht verhindert werden, auch wenn es zwischenzeitlich einen Lichtblick gab: Ende März 2003 gab das Bundesverwaltungsgericht dem Eilantrag des BN statt und stellte den Bau der A73 im Abschnitt Rödental-Ebersdorf bei Coburg einstweilig ein. Das Gericht prüfte, ob in diesem Bereich ein Vogelschutzgebiet und ein Gebiet nach der FFH-Verordnung beeinträchtigt würden.

Niederlage und Zerstörung

2006, nachdem die Richter des Bundesverwaltungsgerichtes bei Lichtenfels Einsicht genommen hatten, kam die schlechte Nachricht, die Klage im entscheidenden Abschnitt beim Gottesgarten war abgewiesen worden. Der Bau durfte weitergeführt werden und der BN musste den Kampf gegen den Straßenbau im Maintal nach über 15 Jahren verloren geben. Der ökologisch hochwertige Lebensraum und die Kulturlandschaft  haben großen Schaden genommen. Dabei hatte selbst die Regierung von Oberfranken im Planfeststellungsverfahren eingeräumt, dass die Landschaft in dieser Region durch die A73 um zwei Drittel entwertet wird.

Im Bauabschnitt zwischen Lichtenfels und Ebersdorf wurden auf einer Fläche von rund 42 Hektar mehr als eine Million Kubikmeter Erdreich bewegt. Es wurden 12 Meter hohe Dämme errichtet, eine 650 Meter lange Maintalbrücke nahe Reundorf und eine 300 Meter lange Nestelgrabenbrücke nahe Gnellenroth gebaut. Auch ein 120 Meter breiter Hangeinschnitt bei Kösten wurde hingenommen und sogar der Main musste aus seinem Flussbett gehoben und verlegt werden – so stand es in den Bauplänen zum „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 16“.

Leere Versprechen und Schadensbegrenzung

Im September 2008 wurde der Abschnitt Lichtenfels-Suhl der A73 offiziell freigegeben. Das nach Ansicht der Planer „gelungene Projekt“ sollte vor allem den Tourismus und die Wirtschaft fördern, bis heute spüren die Bürger davon allerdings wenig: Weder ist die Region heute eine Touristenhochburg noch haben sich zahlreiche neue Firmen niedergelassen. Das deutschlandweit einmalige Beleuchtungskonzept der Köstener Brücke über die A 73 mit 26 Spezialleuchten aber kostet 1.900 Euro Strom pro Jahr, wofür 6,8 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft geblasen werden.

Noch ist kein Gras über die Sache gewachsen: Bürger, Bürgerinitiativen und die Kreisgruppe Lichtenfels bemühen sich weiterhin um Schadensbegrenzung, wie etwa um Tempolimits und den Ausbau des Lärmschutzes, damit den Anwohnern etwa nachts das „Klick-Klack“ der Autos, die über die Brückenstöße fahren, nicht den Schlaf raubt.

A 73 und B 289

Bei vielen Aktiven weckte der Kampf gegen die A 73 übrigens Erinnerungen an das Jahr 1978: Bereits damals waren die Verkehrsplaner im Obermaintal aktiv. Ihr Plan war der Neubau der B 289 von Lichtenfels in Richtung Coburg. Die Proteste gegen die Geld und Flächen verschwendende vierspurige Straße mündeten in der Gründung der BN-Kreisgruppe Lichtenfels, die fortan zahlreiche Gegenaktionen koordinierte.

Der BN kaufte ein Sperrgrundstück im Bereich des Straßenbauprojekts und hatte auch mit einer Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof Erfolg: Nach einem Urteil wurde der zuvor begonnene Bau 1992 eingestellt. In der Begründung hieß es damals, dem bislang völlig unberührten Obermaintal zwischen Kloster Banz und Vierzehnheiligen drohe die Zerstörung. Das ist schließlich eingetreten: Mit dem Bau der Autobahn wurde auch die B 289 – in einer veränderten Trassenführung – durchgesetzt, und die Richter haben in diesem Falle Recht behalten: Im Obermaintal ist nichts mehr wie es vorher war.