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Ringen um Lech und Litzauer Schleife

Das deutsche „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit ging mit einem gewaltigen Energiehunger einher. Und da sich schon damals kaum jemand dafür interessierte, wo der Strom herkam, fand in dieser Zeit ein gewaltiger Raubbau an unseren Flüssen statt, besonders an jenen, die mit viel Gefälle – und damit viel kinetischer Energie – aus dem Gebirge kommen. Den Lech traf es besonders hart. Nur die Litzauer Schleife und ein Flussabschnitt bei Augsburg blieben erhalten.

Der Lech ist verbaut, nur die gerettete Litzauer Schleife vermittelt noch einen Eindruck von der natürlichen Schönheit des Flusses in früheren Zeiten. (Foto: Berner)

Keinen deutschen Fluss hat es dabei so hart erwischt wie den Lech. Das Konzept des Totalausbaus sah vor, möglichst viel Energie aus ihm zu ziehen und „nutzlose“ freie Fließstrecken zu vermeiden. 26 Kraftwerke waren an den 90 Flusskilometern zwischen Roßhaupten und Augsburg vorgesehen  –  alle 3,5 Kilometer eines. 22 davon wurden gebaut, ohne Rücksicht auf bestehende Naturschutzgebiete und den Widerstand von Naturschützern.

Die Folge war ein gewaltiges Aussterben. Der einstmals wilde Alpenfluss verwandelte sich in eine langweilige, ökologisch minderwertige Kette von Stauseen, die nur noch von der eindrucksvollen Litzauer Schleife bei Schongau und von einigen Kilometern Fließstrecke bei Augsburg unterbrochen sind. Doch selbst hier gibt es in jüngster Zeit wieder Pläne, auch diese letzten freien Flussabschnitte zur Erzeugung „erneuerbarer“ Energie zu nutzen.

Rücksichtsloder Staustufenbau am Lech

Nur noch aus alten Fotografien kann man daher erahnen, wie eindrucksvoll der Lech früher gewesen sein muss: Mit vielen Haupt- und Nebenarmen in einer streckenweise mehrere Kilometer breiten, offenen Kiesfläche, in der der reißende Fluss sein Bett bei jedem Hochwasser verlagerte, wobei er aufkommenden Bewuchs immer wieder mit fortriss und so Raum für Pflanzen wie die Zwerg-Glockenblume, die Deutsche Tamariske oder das Kriechende Gipskraut schuf, die nur auf freien Kiesflächen gedeihen. Dazwischen lagen geschützte Inseln und Kiesbänke, auf denen Kiesbrüter wie Flussregenpfeifer und Flussseeschwalbe ungestört ihren Nachwuchs aufziehen konnten. Anrührende Zeugnisse davon finden sich in dem von Eberhard Pfeuffer herausgegebenen Bildband „Der ungebändigte Lech – Eine verlorene Landschaft in Bildern“ (Wißner Verlag, 2012).

Buchstäblich ohne Rücksicht auf Verluste betrieb die 1940 gegründete halbstaatliche Bayerische Wasserkraft AG (BAWAG, heute E.ON Wasserkraft GmbH) den Staustufenbau. Von 1950 bis 1954 wurde zunächst der heutige Forggensee als Kopfspeicher gebaut, trotz anhaltender Proteste von ortsansässigen Bauern und Naturschützern. Entgegen getroffenen Vereinbarungen mit dem Naturschutz und einem Beschlusses des Bayerischen Ministerrates wurde die Staumauer „aus geologischen Gründen“ an das untere Ende der unter Naturschutz stehenden Illasbergschlucht verlegt. Dieses einzigartige Naturdenkmal, von dem Zeitgenossen schwärmten, ist nun zusammen mit den Resten einer Jahrtausende alten Kulturlandschaft für immer unter dem künstlichen See verschwunden.

Der Forggensee als Kopfspeicher macht es möglich, die Kraftwerkskette im sogenannten „Schwellbetrieb“ zu fahren. Dabei wird die abgegebene Wassermenge nach dem Strombedarf ausgerichtet: Man lässt tagsüber mehr Wasser fließen als in der Nacht und im Winter mehr als im Sommer. Für die Ökologie des Flussufers sind die ständigen starken Schwankungen des Wasserstands alles andere als zuträglich: Nur wenige Pflanzen überleben es, regelmäßig tagsüber überschwemmt zu werden und nachts trockenzufallen. Und dass sich der Forggensee jeden Winter in eine Schlammwüste verwandelt, ist auch nicht nur ein landschaftsästhetisches Problem.

Landschaft ohne Schutz

Bis 1984 wurde Staustufe um Staustufe gebaut und gleichzeitig die Proteste von Anwohnern, Naturschützern und Wissenschaftlern nur als zeitraubende Belästigung behandelt. Einen so entstandenen Bauaufschub quittierte einer der BAWAG-Direktoren mit dem enthüllenden Vorwurf: „Für 32 Millionen ungenutzte Wasserkraft ist hier im vergangenen Jahr heruntergelaufen.“

Prof. Dr. Otto Kraus, der damalige Leiter der Bayerischen Landesstelle für Naturschutz und damit „erster amtlicher Naturschützer Bayerns“, kommentierte erschüttert: „Jahre dauerten die Auseinandersetzungen um diese als Naturschutzgebiet sichergestellte Flusslandschaft. Der hier nutzlos gewesenen Kompromissbereitschaft des Naturschutzes und der Wissenschaft stand der absolute Anspruch einer starken wirtschaftlichen Machtgruppe gegenüber, die in einem Alles-oder-Nichts-Standpunkt den restlosen Ausbau der unter Schutz stehenden Flusslandschaft forderte."

Lichtblick Litzauer Schleife

Einen Teilerfolg konnte ein breites Bündnis aus Anwohnern, Wissenschaftlern und Naturschützern im Fall der berühmten Litzauer Schleife bei Schongau erzielen: Die Staustufe Nr. 5 blieb ungebaut. Wie Otto Kraus in seinen Erinnerungen berichtet, „hatten sich zuletzt 32 Organisationen, darunter auch Universitätsinstitute, unter Führung von Prof. Alwin Seifert, dem damaligen BN-Vorsitzenden, zusammengefunden, die damals der Bayerischen Landesstelle für Naturschutz eine mächtige Hilfestellung boten.

„Die BAWAG kannte freilich kein Pardon“, berichtet der Wirtschaftshistoriker Stephan Deutinger: Sie „interpretierte ihre staatliche Konzession zum Lechausbau aus dem Jahr 1940 als gültige Generalvollmacht und wollte sich mit dem Widerstand dagegen nicht abfinden. Selbst als der Ministerrat 1957 Baumaßnahmen zwischen der Litzauer Schleife und Schongau untersagte, stellte die BAWAG die Vorbereitungen dafür nicht ein und ließ es auf eine offene Kraftprobe ankommen.

Als Kraus forderte, der BAWAG die Lizenz zum Lechausbau zu entziehen und einen Untersuchungsausschluss einzusetzen, versuchte man, ihn mit einstweiligen Verfügungen zum Schweigen zu bringen. Die BAWAG zog in diesem Fall den Kürzeren und musste sich 1960 in einem vielbeachteten Prozess vor dem Oberlandesgericht München vorhalten lassen, sie befinde sich „in einer offenen Auflehnung gegen Beschlüsse der Staatsregierung“.“

"Naturmuseum" in Flussruine

Trotz ihrer beeindruckenden landschaftlichen Schönheit ist es schwer, sich vorbehaltlos an der Rettung der Litzauer Schleife zu freuen. Sie ist ein Beispiel für die Zwiespältigkeit mancher Erfolge des Naturschutzes: Zwar konnte das Kleinod der Schleife gerettet werden, doch der Lech insgesamt wurde zerstört. Und so muss man die Litzauer Schleife wohl eher als ein „Naturmuseum“ inmitten einer Flussruine ansehen.

Zudem ist auch dieses verbliebene Idyll in Gefahr: Da dem Fluss das Geschiebe fehlt, verlagert er sein Bett nicht mehr. Infolgedessen verlanden und verbuschen die Inseln wie die Uferbereiche: Der einstmals wilde Lech hat sich in eine Kette stehender Gewässer verwandelt, die von unzähligen Stauwehren und Kraftwerken zerhäckselt werden. Der Lechexperte Dr. Eberhard Pfeuffer muss traurig feststellen: „Nach und nach haben sich die Wildflussarten verabschiedet, als eine der letzten der Kiesbank-Grashüpfer.“