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Mehr als Moor: Biotopkomplex Murnauer Moos

Der Wahl-Murnauer Wassily Kandinsky liebte den Kontrast der warmen Moortöne zum Dunstblau der Berge – genau wie viele Maler, die noch heute regelmäßig ins Murnauer Moos kommen. Das Farb- und Formenspiel mächtiger Bergsilhouetten und filigraner Vegetationsstrukturen ist ein Erlebnis für jeden Augenmenschen.

Doch auch über die weniger sichtbaren Fakten darf man staunen: Auf 4200 Hektar fügen sich Moore, Feuchtwiesen und besondere Waldgesellschaften zu einem einzigartigen Mosaik. Rund 1800 Tierarten und 1000 höhere Pflanzenarten kommen hier vor, darunter über 160 Rote-Liste-Arten wie Karlszepter, Buchsbaumsegge oder Braune Schnabelbinse. Stark bedrohte Vogelarten wie Braunkehlchen oder Wachtelkönig brüten noch im Moos.

Eine Besonderheit ist das enge Nebeneinander seltener Biotoptypen. Seine Entstehung verdankt das Murnauer Moos harten Gesteinen: Bei Murnau ragen parallel zur Alpenlinie die Grate der Faltenmolasse auf. Sie widerstanden den Gletschervorstößen und bildeten den Rand eines großen Beckens, das sich mit Geröll füllte und Wasser nur langsam abfließen lässt. Je nach Feuchte und Untergrund entstanden darin unterschiedliche Moortypen.

In flächig vom Grundwasser durchströmten Bereichen Niedermoore, in dauerhaft staunassen Zonen auch Hochmoore. Stellenweise ist das Grundwasser zusätzlich aufgestaut, etwa durch die aus der Tiefe aufragenden Köchel. Südlich der eiszeitlichen Rundhöcker quillt das Grundwasser förmlich aus dem Boden und bildet kleine Quellseen und -moore.

Für die Bauern bedeutete das Moor seit jeher viel Arbeit, wenig Ertrag. Sie beschränkten sich darauf, die weniger nassen Flächen einmal jährlich zu mähen und das magere Heu als Einstreu zu nutzen. Im Lauf der Jahrhunderte entstanden dadurch artenreiche Feuchtwiesen, die das ökologische Portfolio der Gegend eher bereicherten. Im 19. und 20. Jahrhundert griffen dann neue Techniken: Industrieller Torf- und Gesteinsabbau, Entwässerung und Melioration setzten dem Murnauer Moos stark zu.

Dank eines gut finanzierten und von der Bevölkerung getragenen Naturschutz-Großprojekts kann das Murnauer Moos heute als langfristig gesichert gelten. Rund die Hälfte der Fläche ist in Besitz von Naturschutzverbänden und der öffentlichen Hand.


Steckbriefe

Karlszepter (Pedicularis sceptrum-carolinum)

Das mehrjährige Kraut liebt kalkhaltige Flachmoore und lebt halbparasitisch: Sie zapft ihre Wirtsgräser mit Saugwurzeln an. Das Karlszepter ist stark gefährdet und kommt in Deutschland nur noch in einigen Moorgebieten Bayerns vor. Als eiszeitliches Relikt zählt es zu den potenziellen Opfern des Klimawandels.

Hochmoorgelbling (Colias palaeno)

Der Falter ist stark gefährdet, weil er auf eine – immer seltenere – Lebensraumkombination angewiesen ist: Als Raupe findet er seine Futterpflanzen Heidelbeere und Rauschbeere im Hochmoor. Als geschlüpfter Falter saugt er Nektar an Streuwiesen-Pflanzen.