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Borkenkäfer im Nationalpark: Totengräber oder Geburtshelfer des Waldes?

Für viele von uns etwas Unbekanntes: die Begegnung mit lebenden und toten Bäumen im Nationalpark Bayerischer Wald. Unheimlich der Anblick von Baumleichen zwischen Rachel und Lusen. Manche Menschen sind erst einmal schockiert. 

Der Borkenkäfer wurde zum Symbol des Umbruchs im Wald (Foto: Rainer Simonis/Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald)
Der Borkenkäfer wurde zum Symbol des Umbruchs im Wald (Foto: Rainer Simonis/Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald)

Andere kommen aber extra wegen dieses einmaligen Erlebnisses von Leben und Sterben, Werden und Vergehen in den Nationalpark. Denn bei näherem Hinsehen zeigt sich: Der scheinbar tote Wald lebt. 1969 war das mit der Akzeptanz noch einfacher: Die »Waidler« demonstrierten selber in München – für einen Nationalpark. Sie hofften auf neue Einkunftsmöglichkeiten. Zu Recht, wie sich zeigte: Der Nationalpark beschäftigt heute doppelt so viele Menschen wie ein vergleichbarer Forstbetrieb, Tausende leben in der Region vom Tourismus, den der Nationalpark massiv ankurbelte. Doch dann kam der Borkenkäfer.

Seitdem steht der kleine Käfer im Zentrum der Diskussion um den vermeintlich toten Wald. Als Folge von großflächigen Windwürfen setzten in den 1980er-, 1990er und Mitte der 2000er Jahre drei intensive Borkenkäferwellen ein. Sie ließen rund 60 Prozent der Altfichten absterben, so die Nationalparkverwaltung in einem Bericht. Jedes Insektenweibchen legt bis zu 50 Eier, die Larven fressen sich in der Borke von links nach rechts, unterbrechen die Saftzufuhr der Fichte. Insgesamt können an die 40.000 Käfer dann den Baum verlassen und sich weiter ausbreiten.

Teilweise vermehrten sich die Käfer so massiv, dass sie stellenweise auch gesunde Bäume befielen. Spätestens jetzt hatten vor allem viele Waldbauern genug vom Nationalpark. Sie sahen ihre angrenzenden Nutzwälder bedroht. Daneben erkannten viele vor allem ältere Menschen im Borkenkäfer den Totengräber ihres heimatlichen Waldes. Das ungewohnte Waldbild mit vielen toten Bäumen entspricht nicht „ihrem Wald“, in dem sie seit Generationen leben und den sie bewirtschaften. Es ist ein neues, provozierendes Waldbild, das viele Fragen und Unsicherheiten aufwirft.

Der Borkenkäfer gehört zu Werden und Vergehen

Der Borkenkäfer ist nicht die Ursache, sondern die Folge des Waldsterbens aufgrund von Luftverschmutzung, Bodenversauerung, und hohen Temperaturen im Zuge des Klimawandels sowie unnatürlicher Monokulturen und gleichaltriger Wälder. Die starke Borkenkäfervermehrung, die ein Teil der Bevölkerung der Nationalparkverwaltung ankreidet, ist schlicht menschengemacht.

Der Borkenkäfer macht unter diesen Voraussetzungen dasselbe wie seit Tausenden von Jahren: Besser als jeder Förster erkennt er kranke Bäume, befällt sie, tötet sie ab und führt sie so dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen zu. Die toten Bäume sind Lebensraum vieler Tier- und Pilzarten, die gefallenen Stämme ein ideales Nährbett für neue Waldgenerationen; zudem bieten sie Schutz vor Wildverbiss. 

Was auf dem Gebiet des Nationalparks geschah und auch heute noch geschieht, ist ein in der Natur vollkommen normaler Prozess. Der Wald stirbt nicht. Im Gegenteil: Der Borkenkäfer bereitet auf natürliche Weise den Weg für einen neuen, an die gewandelten Verhältnisse angepassten, vielgestaltigen und stabilen Wald. Untersuchungen zur Artenvielfalt belegen für viele Artengruppen einen markanten Anstieg im Artenreichtum durch die vom Borkenkäfer geschaffenen Lebensraumbedingungen. Bemerkenswert war dabei vor allem ein signifikanter Anstieg von in Bayern und deutschlandweit gefährdeten Rote Liste-Arten."

Schutz-, Entwicklungs- und Naturzone

Im Schutz der alten, abgestorbenen Bäume wächst ein vielfältigerer und stabilerer Wald nach. (Foto: Holger Lieber)
Im Schutz der alten, abgestorbenen Bäume wächst ein vielfältigerer und stabilerer Wald nach. (Foto: Holger Lieber)

Die Borkenkäfer-Kalamitäten sorgen dafür, dass der Wald sich regeneriert und sich wieder näher an den Urwald-Zustand heranentwickelt – schneller und nachhaltiger als es der Mensch je könnte. Das wird von Teilen der Bevölkerung nicht oder äußerst kritisch gesehen. Sie fühlen ihr von Adalbert Stifter geprägtes Bild des Waldes bedroht, auch ihre Wirtschaftswälder. 

Die Nationalparkverwaltung nimmt diese Bedenken ernst und bekämpft die Käfer in einer rund 500 Meter breiten Randzone des Nationalparks, um die Ausbreitung in benachbarte Privatwälder zu verhindern. Auch in den Entwicklungszonen werden Windbrüche aufgearbeitet. Kein menschliches Eingreifen und mithin keine Borkenkäferbekämpfung gibt es in den Naturzonen des Nationalparks, die derzeit (Stand Ende 2015) 66,5 Prozent des Gebietes ausmachen und von denen keine Gefahr für umliegende Wälder ausgeht.

Die Mehrheit der örtlichen Bevölkerung sieht den Nationalpark mit seiner dynamischen Waldentwicklung übrigens eindeutig positiv, auch wegen seiner enormen wirtschaftlichen Bedeutung für die Region. Im Nationalpark-Altgebiet liegt die Zustimmung heute bei 88 Prozent, im Erweiterungsgebiet sind es immerhin 62 Prozent.