MenuBUND Naturschutz in Bayern e. V.

Vom Försterforst zum stabilen Naturwald: Interview mit Hans Bibelriether

Im Interview: Hans Bibelriether. 1969 wurde der damals 36-jährige Oberforstmeister Hans Bibelriether der erste Leiter des Nationalparkamts Spiegelau. Er blieb bis zum Jahr 1998 Leiter der Nationalparkverwaltung. 

Herr Bibelriether, wie kam es eigentlich dazu, dass Sie diesen Posten erhielten? 

Ich wollte weg aus München, teilte mein Interesse an der Versetzung in den Bayerischen Wald dem zuständigen Ministerialrat der Staatsforstverwaltung mit und wurde dann von der Forstverwaltung für den Posten vorgesehen. Mein alter Schulfreund Georg Sperber war Hubert Weinzierls Kandidat für den Posten des Leiters des Nationalparks. Uns war klar: Einer allein würde die Aufgaben nicht schaffen. Es war uns egal, wer dort Chef wird und wer Stellvertreter. Ich wurde dann der Leiter, weil ich schon ein Jahr länger Beamter gewesen war. Georg Sperber war mein Stellvertreter. Wir arbeiteten hervorragend zusammen und sind heute noch Freunde. Tja. Und der Chef der Bayerischen Staatsforstverwaltung hat ein halbes Jahr später gesagt, das sei seine größte personalpolitische Fehlentscheidung gewesen.

Warum denn das?

Weil die allgemeine Meinung im Ministerium in München war: Die sollen dort mal drei Jahre Dienst tun, dann hat sich der Nationalpark erledigt. Wir haben uns aber von Anfang an für den Aufbau des Nationalparks und den Schutz seiner Wälder engagiert. Als wir angefangen haben, wusste keiner, was ein Nationalpark eigentlich ist. Wir haben weltweit Nationalparks besucht, in der Schweiz, in den USA, in Kanada. Und so nach ungefähr fünf Jahren stand der Entschluss fest, den Wald einfach wachsen zu lassen. In den griffigen Satz „Natur Natur sein lassen“ habe ich die Naturschutzzielsetzung dann später zusammengefasst. Es hat sich also nichts wie von oben erwünscht erledigt. Im Gegenteil. Die Zielsetzung, in Nationalparks nicht in die Natur einzugreifen, hat sich in ganz Deutschland durchgesetzt.

Und dazu hatten Sie politische Unterstützung.

Unterstützung und viel Glück. Der damalige Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann hat uns entscheidend unterstützt, später auch Alois Glück, ebenso der Grafenauer Landrat Karl Bayer und der damalige niederbayerische Regierungspräsident Johann Riederer. Und auch ohne Hubert Weinzierl wäre der Nationalpark nicht zu dem geworden, was er heute ist. Schon allein wegen dessen Zugang zu den Medien. Es entstand ein Netzwerk von Gleichgesinnten, das es ermöglichte, dass wir den Nationalpark zu einem echten Nationalpark entwickeln konnten. 

Und das Glück?

Das bestand darin, dass wir im Jahr 1972 an der Straße nach Waldhäuser nach einem Windbruch ein paar Dutzend Bäume liegenlassen durften. Normalerweise wird ein Windwurf ja immer gleich ausgeräumt. Hier nicht. Und als dann 1983 wiederum ein Sturm hektarweise Bäume umriss, konnten wir Eisenmann zeigen, wie sich auf der Fläche von 1972 der Wald von sich aus schon längst erholt hatte und ein neuer Wald heranwuchs. Und so folgte sein Beschluss: „Wir lassen die Bäume liegen. Wir wollen im Nationalpark einen Urwald für unsere Kinder und Kindeskinder.“ Das war auch deshalb möglich geworden, weil kurz zuvor im Bayerischen Naturschutzgesetz erstmals ein Nationalpark definiert worden war, in dem der entscheidende Satz stand, dass ein Nationalpark keiner wirtschaftsbestimmten Nutzung dienen darf. Den Satz hatte Alois Glück dort eingebaut. 

Das wilde Wachstum bot allerdings Anlass zu viel Streit und Widerstand in der Region.

Ja, damals ist mit dem Liegenlassen von Windwürfen die Auseinandersetzung losgegangen. Drei Jahre später kam dann eine erste  Borkenkäfermassenvermehrung – die durch Klimawandel verschärft wurde. Aber Wind- und Schneebruch und die Borkenkäfer machen ja nur aus einem offensichtlich instabilen Försterforst einen stabilen Naturwald. Damit hatten manche Forstkollegen Probleme. Für sie war es ja weniger ein sachliches, sondern eher ein psychologisches Problem: Erleben zu müssen, dass Wälder auch ohne sie wachsen. Nirgendwo auf der Welt sind die Wälder so aufgeräumt wie in Deutschland. Am unglaublichsten war die Diskussion um die Nationalpark-Erweiterung 1997. Ich habe sogar anonyme Morddrohungen bekommen. Die Erweiterung haben wir erstrangig Edmund Stoiber zu verdanken. Da ging es vor allem um die Vorreiterrolle Bayerns. 

Worin rühren denn Ihrer Meinung nach derlei Widerstände?

Viele Menschen, die im Bayerischen Wald wohnten, hatten Angst, das Bild ihrer Heimat könnte auf Dauer zerstört werden, wenn großflächig tote Bäume im Wald stünden und der Wald nicht mehr grün wäre. Früher waren die Bevölkerung und ihr Naturverständnis sehr geprägt durch die Bilder der Kulturlandschaft. Das ändert sich gerade und ist auch eine Generationenfrage. Es leben heute viel mehr Leute in den Städten. Und die Wildnis hat für Städter nichts Bedrohliches mehr. Inzwischen ist ein wilder, grüner Wald gewachsen. Für die Mehrzahl der Bewohner ist es inzwischen "ihr" Nationalpark. Dass das so schnell geht, hätte ich auch nicht gedacht. Ganz offensichtlich kann es die Natur eben besser. Und erkennt, wo der Boden für welche Vegetation am günstigsten ist. Wir Menschen wissen das nicht. Im wilden Wald wachsen die Bäume deshalb differenzierter und besser als im gepflanzten. Und: Liegengelassene Bäume verhindern beispielsweise auch auf vielen Flächen den Wildverbiss und die Schälschäden. 

Apropos Wildverbiss: Auch mit den Jägern hatten Sie Auseinandersetzungen.

Wir hatten zu Beginn massive Probleme mit dem Wildverbiss. Es gab einfach zu viel Rehe und Rotwild. Das war im Interesse der Jägerschaft. Und die war mächtig. So waren zum Beispiel damals fast 30 Prozent der Landtagsabgeordneten Jäger. Uns ist zum Beispiel verboten worden, einen Wildverbiss-Lehrpfad anzulegen. Das hat sich durch den Film von Horst Stern „Bemerkungen über den Rothirsch“ an Heiligabend 1971 nachhaltig geändert. 

Sie haben allen Grund, stolz auf ihre Zeit als Nationalparkverwalter zu sein.

Stolz ist für mich kein Thema. Ich bin dankbar, dass mir in meinem Berufsleben die Kraft und die Möglichkeit geschenkt wurde, ein Stück unserer Schöpfung für die Zukunft zu erhalten.