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Der Reichswald hat Naturschutzgeschichte geschrieben

Im Interview: Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern (BN) und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) begleitet die Geschicke des Reichswalds seit mehr als vier Jahrzehnten.

Sie haben sich bereits Anfang der 70er-Jahre für den Nürnberger Reichswald eingesetzt und mit dem von Ihnen (mit)entwickelten Reichswaldprogramm eine entscheidende Wende eingeläutet. Wie stand es damals um den Reichswald?

Um die Bedrohung des Reichswaldes zu erkennen, brauchte es in den 70er-Jahren nicht viel: Der Wald war praktisch Verfügungsmasse für alle Flächenansprüche der Städte und Gemeinden, der staatlichen Behörden sowie der Industrie. Man konnte zuschauen, wie die Fläche schrumpfte: Bis zu 300 Hektar Wald verlor der Großraum damals pro Jahr! Hintergrund war die negative Grundeinstellung zum Reichswald in der Öffentlichkeit. Diffamiert als „Steckerleswald“ war er ein reiner Altersklassen-Kiefernforst mit wenig Attraktivität für die Erholungsnutzung. Dazu kam der massive politische Druck vor allem der Kommunalpolitik, Bauflächen möglichst billig zur Verfügung zu stellen. Diesem Druck hat die bayerische Staatsregierung bereitwillig nachgegeben. Die Förster – allein auf sich gestellt – waren politisch zu schwach, um den Reichswald zu verteidigen. Mit dem Reichswaldprogramm 1972 haben wir aufgezeigt, was man tun müsste, um dem Wald eine Zukunft zu geben, nämlich ökologischer Waldumbau in Richtung Mischwald und vor allem Erhalt der Waldflächen als vorrangige Aufgabe, da jeder Wald im Ballungsraum unverzichtbar für die Trinkwasserversorgung, die Luftreinhaltung, den Klimaschutz, die Erholung und für die waldbewohnenden Tier- und Pflanzenarten ist.


Was hat sich dort in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert? 

Nachdem sich eine breite Bürgerbewegung unter dem Motto „Rettet den Reichswald“ unter Führung des BN entwickelt und mit den Kundgebungen am Schmausenbuck und anderswo für Öffentlichkeit gesorgt hatte, konnten die damaligen Politiker wie der SPD-Bürgermeister Willy Prölß im Nürnberger Stadtrat und Rolf Langenberger im Landtag Beschlüsse mit großer Mehrheit, d.h. auch mit Unterstützung der CSU-Politiker, durchsetzen. Diese sind noch heute grundlegend für den Schutz des Reichswaldes: Auf der Grundlage des BN-Programms entstand das staatliche Reichswaldprogramm für den Waldumbau. Mit der Ausweisung der ersten bayerischen Bannwälder Sebalder Reichswald, Lorenzer Reichswald und Südlicher Reichswald ab 1979 war der Durchbruch geschafft. Bannwald bedeutet, dass die Walderhaltung vorrangig ist vor allen anderen Flächenansprüchen an den Wald. Seitdem bauen die Forstbehörden den Wald um, und jeder größere Angriff auf den Wald wird zum Politikum. Die Bevölkerung im Großraum hat zwischenzeitlich den Reichswald als Naherholungsgebiet schätzen gelernt. Dies zeigen allein die vielen Leserbriefe, die eingehen, wenn irgendwo mit dem Harvester Bäume gefällt werden. Heute werben die Städte der Metropolregion Nürnberg und sogar Firmen mit dem weichen Standortfaktor Reichswald.


Was macht den Reichswald so einzigartig?

Kaum eine Großstadt in Europa hat einen so großen, zusammenhängenden Wald direkt an der Bebauungsgrenze. Im Reichswald kann man nicht nur lange wandern, ohne auf eine Siedlung oder eine Straße zu stoßen, hier gibt es Natur pur in maximal einer halben Stunde von der Wohnung entfernt und zum Teil sogar mit der Straßenbahn erreichbar. Er ist unsere grüne Lunge und Kühlschrank in heißen Sommern.


Seit 1979 ist der Reichswald größtenteils als Bannwald geschützt. Mit welchen Aktionen hat der Bund Naturschutz dies erreicht?

Wir haben Kundgebungen im Wald und in den Städten für den Wald veranstaltet, teilweise mit zigtausend Bürgerinnen und Bürgern, wir haben Petitionen und Briefe an die Parteien geschrieben und Gespräche mit Entscheidungsträgern geführt. Unser Glück war die große Unterstützung in der Bevölkerung und in der Lokalpresse, die über unsere Aktivitäten mit großem Wohlwollen berichtete. Dies war im Grunde genommen der Beginn der Bürgerbeteiligung und wir haben, zumindest hier in Nordbayern, damit positive Wald- und Naturschutzgeschichte geschrieben.


Vor rund 30 Jahren hat man begonnen, den Reichswald von einem Nadelwald in einen ökologisch stabileren Mischwald umzubauen, wie beurteilen Sie die Ergebnisse?

Der Waldumbau hat sich bisher schon gelohnt, er ist aber noch lange nicht am Ende. Im Reichswald müssen noch große Teile des staatlichen Waldes umgebaut werden und im südlichen Reichswald bewirtschaftet Faber-Castell noch riesige Wälder als Kiefernforste. Wo umgebaut wurde, wächst der Laubmischwald von morgen bereits auf acht Meter Höhe heran, noch überdeckt von älteren Kiefern. Das hilft dem Grundwasser und das schützt den Wald vor Massenvermehrung von Schadinsekten. Wo umgebaut wurde, ist z.B. der Sperber in den Wald zurückgekehrt, ein Greifvogel, der jahrzehntelang aus dem Reichswald ins offene Umland zum Jagen gezogen war und Hühner riss, weil er im Wald kein Auskommen mehr hatte. Heute ist er wieder da und zeigt, dass es positiv vorangeht. Der Reichswaldumbau ist mittlerweile zum Maßstab für den ökologischen Waldumbau in ganz Bayern geworden. Gleichzeitig sind im Reichswald alte Laubbäume stehen geblieben, so dass wir hier alle bayerischen Fledermausarten finden, darüber hinaus gibt es Spechte, wie den Schwarzspecht und die Hohltaube als typische Altbaumbewohner.


Ist der Reichswald durch die Bannwaldausweisung heute ausreichend geschützt?

Leider ist der Reichswald trotz Bannwaldausweisung, Meldung als europäisches Vogelschutzgebiet und Festlegungen im Waldfunktionsplan noch immer nicht vor Eingriffen bewahrt. Hier versagt die verantwortliche Politik, die auch den Vollzugsbehörden zu wenig Durchsetzungsfähigkeit gibt. Sie muss anerkennen, dass Bannwaldschutz heißt, dass der Walderhalt vor allen anderen Interessen Vorrang hat. Viel höhere Schutzinstrumente haben wir für Wald gar nicht – mal vom Nationalpark abgesehen, den wir aber für den Steigerwald haben wollen. Vor allem Straßenplanungen sind immer noch eine große Gefahr. Ohne Bürgerinnen und Bürger, die sich schützend vor den Wald stellen, wird es auch zukünftig keinen absoluten Schutz geben.


2012 lud der Bund Naturschutz zum 40. Mal zum Reichswaldfest. Gab es Grund zum feiern?

Wir haben eigentlich immer etwas zu feiern, und wenn es nur unsere gelebte Solidarität ist. 2012 haben wir noch dazu Jubiläum und kurz vor dem Reichswaldfest 2012 konnten wir feststellen, dass einige der aktuell umstrittensten Planungen vom Tisch sind, wie beispielsweise die Südumfahrung Buckenhof-Uttenreuth-Weiher und die Südspange zum Gewerbegebiet Nürnberg-Feucht. Die Nordspange zum Flughafen ist erst mal kräftig ausgebremst und der LKW-Parkplatz bei Moosbach wurde zurückgestellt.


Ist der Kampf um den Reichswald heute endgültig gewonnen?

Was ist schon endgültig? Wir bleiben dran! Gegen das geplante Gewerbegebiet bei Feucht oder den Sportplatz bei Tennenlohe, genauso wie gegen die gigantischen Planungen zum Ausbau der Autobahnen um Nürnberg, und was sich Planer noch so ausdenken mögen. Der Waldschutz ist eine Daueraufgabe, nicht nur für den Bund Naturschutz sondern für die gesamte Bevölkerung des fränkischen Ballungsraums.