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Zurück in die Vielfalt

Jahrhundertelange Übernutzung und monokulturelle Wiederaufforstung haben im Reichswald deutliche Spuren hinterlassen. Und dennoch: Wer genau hinschaut, entdeckt im ältesten Kunstforst der Welt ein Mosaik unterschiedlicher Waldlebensräume.

Aus dem Fenster eines Jets lässt sich die Größe des Reichswaldes ermessen: Türkis: Natura 2000-Flächen, violett: FFH-Gebiete

Die Pegnitz teilt den Wald in den südlichen Lorenzer Reichswald und den nördlichen Sebalder Reichswald. Das Gebiet, das sich im Süden bis zum Rothsee erstreckt, wird Südlicher Reichswald genannt. Alle drei Teile sind heute nahezu komplett als Bannwald geschützt und als Vogelschutzgebiet im Rahmen von Natura 2000 gemeldet, Teilflächen sind als Landschaftsschutzgebiet und Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Für den Ballungsraum Nürnberg-Erlangen-Fürth ist das riesige Areal von unschätzbarer Bedeutung: Es ist Klimaregulator, Garant für saubere Luft und Trinkwasser, Erholungsgebiet für mehr als eine Million Menschen und Heimat seltener Tier- und Pflanzenarten. Hier stößt man noch auf Haselhuhn,  Hohltaube, Sperlingskauz, Schwarzspecht und viele andere seltene Arten. 2011 wurde außerdem das verschwunden geglaubte Auerhuhn im Reichswald nachgewiesen, eine Art, die bundesweit auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten steht. 

Ein Mosaik an Lebensräumen

Die großflächigen Kiefern-Monokulturen gaben dem Reichswald den Spitznamen Steckerlaswald. Foto: M. Biebelriether
Die großflächigen Kiefern-Monokulturen gaben dem Reichswald den Spitznamen Steckerlaswald. (Foto: M. Biebelriether)

Mit rund zwei Dritteln des gesamten Baumbestandes dominiert heute die Kiefer das Areal. Ihren kahlen Stämmen verdankt der Reichswald seinen Spitznamen „Steckerlaswald“. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird sich das Gesicht des Reichswalds allerdings ändern. Seit Ende der 70er-Jahre und seit der Ausweisung des Reichswalds als Bannwald versucht man den Nadelwald Stück für Stück in einen standortgerechten, ökologisch stabileren Mischwald umzubauen. In sumpfigen Tälern entstehen Erlenwälder, auf mäßig trockenen Böden Buchen- und Eichenmischwälder und in den trockenen Sanddünengebieten bleibt der Flechtenkiefernwald erhalten.

Wer genau hinschaut, der entdeckt im Reichswald aber auch schon heute ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume: Hier findet man Binnendünen, Sandmagerrasen und Heiden sowie ein Netz aus Bächen und Kleingewässern. Neben den vorherrschenden sandig-trockenen Standorten stößt man auf lehmig-frische Biotope oder sumpfige Auen.  Außer den Kieferwäldern gedeihen Hainsimsen-Eichen- und Buchenwälder oder Sumpfwälder mit Erle und Esche.

Streifzug durch die Biotope

An vielen Ecken haben sich einmalige Biotope entwickelt: Der Irrhain bei Kraftshof am Westrand des Sebalder Reichswalds wurde im 17. Jahrhundert als Park angelegt. Seine zum Teil mehr als 300 Jahre alten Eichen sind Lebensraum für seltene Tierarten, wie verschiedene Spechte oder den auch Eremit genannten Juchtenkäfer, der auf der Roten Liste als stark gefährdet eingestuft wird. Daneben findet man auch richtige Moore im Reichswald: Bei Heroldsberg windet sich die Simmelbsberger Gründlach als eine der Lebensadern durch den Wald. In ihren sumpfigen Auen gedeihen Sonnentau und Wasserschlauch, zwei vom Aussterben bedrohte fleischfressende Pflanzen. Auch Ringelnatter, Erdkröte, Bitterling und Wollgras fühlen sich dort wohl. 

Ganz anders sieht es wiederum im Erlenstegener Forst nordöstlich von Nürnberg aus. Die Sanddüne in einer Waldlichtung nördlich des Tierheims ist eine Hinterlassenschaft der letzten Eiszeit. Hier leben wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten wie Zauneidechse, Sand-Laufkäfer oder das seltene Silbergras. Die Keulenschrecke, ein kleiner Grashüpfer, veranstaltet hier gelegentlich ein Zirpkonzert – auch sie steht auf der Roten Liste.