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Bund Naturschutz gegen BMW: Chronik einer Schleuderpartie

Am Ende wiegelten die BMW-Leute ab: Rettenbach sei ja nur einer von vielen möglichen Standorten für das Trainingsgelände und die Proteste völlig unerheblich für den Rückzug. Was der Autokonzern da im Mai 2007 verlautbarte, klang arg nach Schadensbegrenzung.

Gelände des geplanten Schleuderkreisels. (Luftbild: Google Earth. Plan: Gerald Eska, Bogen. Montage: Schlagintweit.)

Hatte der Konzern doch jahrelang sehr konkret mit dem Grundbesitzer und Hotelier Josef Schmelmer verhandelt und geplant. Der konnte bieten, was BMW für die zahlungskräftige Klientel seiner Offroad- und Schleuderkurse suchte: ein schneesicheres bergiges Gelände in kaum besiedelter naturnaher Mittelgebirgslandschaft – mit benachbartem Wellness-Hotel.

2004: Detaillierte Pläne

Bereits die Pläne aus dem Jahr 2004, die dem Bund Naturschutz zur Stellungnahme vorlagen, waren weit mehr als nur Ideenskizzen: Detailliert wiesen sie die verschiedenen Übungsstrecken, Schikanen, Asphaltflächen und Geländemodellierungen aus. Auch Vorschläge für die fälligen Ausgleichsflächen waren enthalten sowie Klärungsteiche für das kontaminierte Oberflächenwasser der Schleuderplatte sowie kosmetische Gehölzpflanzungen.

Als der Rettenbacher Josef Muhr und seine Familie von dem geplanten Fahrtrainingsgelände in 200 Meter Entfernung Wind bekamen, waren die Weichen schon gestellt: Bürgermeister, Gemeinderat und die meisten Nachbarn erhofften sich Aufschwung für den schwächelnden Fremdenverkehr. Josef Muhr und andere besorgte Anwohner wie der Arzt Klaus Krumbacher sahen das anders: Besonders fürchteten sie den Schalltrichter-Effekt der umliegenden Berghänge. „Der sanfte Tourismus wäre im Lärm untergegangen“, ist Krumbacher überzeugt, „und das Prädikat Luftkurort stand ebenfalls auf dem Spiel“.

2005: Raus aus dem Landschaftsschutz

Trotzdem winkte im Oktober 2005 auch noch der Kreistag das Projekt durch – mit einer fragwürdigen Entscheidung von CSU und Freien Wählern. Denn eigentlich ist eine Asphalt-Orgie mitten im Landschaftsschutzgebiet gar nicht genehmigungsfähig. Deshalb beschloss der Kreistag im Oktober 2005 kurzerhand eine Änderung der Schutzgebietsgrenzen: Das Planungsgebiet wurde aus dem Naturpark Vorderer Bayerischer Wald gleichsam herausgestanzt.

„Eine krasse Fehlentscheidung“, kritisiert die Landschaftsarchitektin Karin Meindorfer aus Straubing. Sie hatte im Vorfeld der Sitzung für den Bund Naturschutz eine umfassende Stellungnahme verfasst. Denn Naturschutzbelange dürfen nur dann „weggewogen“ werden, wenn ihnen ein schwer wiegendes öffentliches Interesse  gegenüber steht. Profitiert hätten aber allein der Autobauer und sein Hotelier.

Außerdem hätten die Planer keinerlei Fakten über den Zustand der Natur und die ökologischen Auswirkungen geliefert. Die Kreistagsentscheidung war damit „formal und fachlich unhaltbar und verletzte bayerisches Naturschutzrecht“, so die Landschaftsarchitektin.

2006: Imageprobleme für den Autobauer

Doch der Bund Naturschutz ging weiter in die Offensive. Der nächste Schauplatz war die Jahreshauptversammlung von BMW im Mai 2006. BN-Vorstandsmitglied und Unternehmensberater Winfried Berner und der Gynäkologe Klaus Krumbacher machten dort als Aktionäre gezielt von ihrem Rede- und Auskunftsrecht Gebrauch – nicht ohne vorher Presse und Fernsehen informiert zu haben. Zu ihrer eigenen Überraschung erhielten sie von etlichen Aktionären deutlichen Applaus. Zwei ältere Damen boten dem BN sogar ihre – nicht unerheblichen – Stimmrechtspakete an. Zusätzlich protestierte Berner pressewirksam mit einem Transparent am eigenen Auto: „Dies ist mein letzter BMW ...“.

So schafften die beiden BMW-Kritiker den Sprung in populäre Sendungen wie das Umweltmagazin “Unkraut“, „Jetzt red’ I“ und die "Abendschau". Fürs Image des Autokonzerns wurde der geplante Schleuderparcours zusehends zur Schleuderpartie.
Unterdessen reichte der Bund Naturschutz eine Petition beim Bayerischen Landtag ein, um die Bezirksregierung zum Stopp des Projekts zu bewegen. Der Umweltausschuss beschloss einstimmig eine „positive Würdigung“ – was einer politischen Ohrfeige für den Kreis- und Bezirkstag gleichkam. Die aber hatten nicht die politische Kraft, ihre Fehlentscheidung zu korrigieren.

2007: BMW dreht ab

In der Öffentlichkeit setzte sich langsam der Eindruck durch, BMW wolle sein Projekt ohne Rücksicht auf die bayerische Naturlandschaft durchziehen. Im Winter fanden Spaziergänger dann auch noch einen verletzten Auerhahn in der Nähe des Projektgebiets. Naturkenner hatten schon eine ganze Reihe Raritäten wie Schwarzstorch, Haselhuhn oder Hohltaube nachgewiesen. Aufgrund der Habitatstrukturen vermuteten sie auch das Auerhuhn. Jetzt war bewiesen, dass die Rote-Liste-Art tatsächlich hier lebt. Wie kaum ein anderes Tier kennzeichnet es intakte Waldlebensräume.

BMW fühlte sich nun nicht mehr ganz so willkommen – trotz des roten Teppichs, den Gemeinde und Landkreis ausgelegt hatten. Während die Gemeinde weitere Planungsschritte einleitete, gärte es hinter den Kulissen vom BMW. Immer deutlicher zeichnete sich die Gefahr eines Imageschadens ab. Just am Tag vor der Hauptversammlung 2007 düpierten dann „ungenannte Firmenkreise“ die willfährigen Provinzpolitiker, indem sie der Lokalpresse ihre Sicht der Dinge steckten: Rettenbach sei ja nur einer von vielen möglichen Standorten gewesen, und eigentlich nie in der engeren Wahl ...