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Natur erleben durch die Windschutzscheibe?

Sportlich heizt der über zwei Tonnen schwere BMW X5 im frostigen Abendlicht durch die Kurve am Waldrand, dreht beim Runterschalten noch ein paar Dezibel auf und stürzt sich in die Steigung: 30 Grad bei zehn Grad Minus – ein Fall für xDrive und Traction Control. Noch Sekunden später rieselt Schnee von den Fichten ...

Auerhahn im Schnee
Der Auerhahn ist vom Aussterben bedroht. Im Wald bei Rettenbach findet er eines seiner letzten Refugien (Foto: Jussel/Wikimedia Commons).

Auch wenn der Traum vom Naturgenuss durch die Windschutzscheibe platzte: Der Wald hat seinen Teil bereits abbekommen. Im Vorgriff auf das sicher geglaubte Projekt hatte der Eigentümer bereits die nötigen Schneisen geschlagen. So fand der Wind mehr Angriffsfläche: Viele Bäume wurden entwurzelt oder geschwächt, was wiederum den Borkenkäfer anlockte. Inzwischen ist vom oberen Teil des Waldes kaum noch etwas übrig.

Doch der Bergmischwald am südlichen Steilstück präsentiert sich noch immer in ganzer Pracht. Auch rings um das vereitelte Trainingsgelände finden sich viele naturnahe Biotope. An der nördlichen Flanke zum Beispiel plätschert der Breithausbach. Er prägt das Landschaftsbild mit Ufergehölzen und Quellfluren. In der Senke daneben bietet ein Flachmoor- und Nasswiesen-Biotopkomplex Lebensraum für geschützte Orchideenarten wie das Breitblättrige Knabenkraut oder das Geöhrte Läusekraut.

Der Steilhang im Süden des Geländes fällt hinab zum Bett des Rettenbacher Mühlbachs. Dort fischt und jagt der Schwarzstorch. Weitere geschützte Vogelarten, die hier einen geeigneten Lebensraum finden, sind das Haselhuhn, die Hohltaube und der Rauhfußkauz. Auch stark gefährdete Schmetterlinge konnten Naturschützer im Gebiet nachweisen, darunter Eisvogel und Schwarzblauer Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Für sie und ihre Raupen ist das gesamte Gebiet ein wichtiger Baustein im Lebensraumgefüge.

Vom Dachstuhl der Kirche aus machen sich nachts die Fledermäuse auf die Jagd. Stark gefährdete und streng geschützte Arten wie die Nord- oder die Zweifarbfledermaus unterstreichen den besonderen naturschützerischen Wert des Gebiets. Für diese Tiere ist der Wald bei Rettenbach eines der letzten verbliebenen Refugien. Der BMW X5 findet auch anderswo, an geeigneterer Stelle seinen Platz.