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Rettung einer alten Haustierrasse

Auf den Gassenwiesen am Südhang der Langen Rhön sollte eine Ferienhaussiedlung entstehen. Heute grast auf dem Grundstück eine Rhönschafherde im Besitz des Bund Naturschutz. Eines der ersten Naturschutz-Beweidungsprojekte Bayerns rettete ein Biotop und bewahrte gleichzeitig eine alte Haustierrasse vor dem Aussterben.

Landwirtschaftsmeister Josef Kolb mit seiner Rhönschafherde. (Foto: Vossenkaul)

Eine „Erhebung botanischer und faunistischer Daten im Naturschutzgebiet Lange Rhön“ brachte in den 80er-Jahren den Stein ins Rollen: An dem Projekt des Landkreises Rhön-Grabfeld beteiligte sich der Naturwissenschaftliche Verein Würzburg e.V. mit seinem Vorsitzenden Prof. Dr. Gerhard Kneitz. Der Zoologieprofessor aus Bonn, der ursprünglich aus Aschaffenburg stammt, lernte bei den Arbeiten den Arzt Dr. Wolfgang Tränkle kennen, der ihn auf die vom Aussterben bedrohten Rhönschafe aufmerksam machte. Gleichzeitig erfuhr Kneitz von den Gassenwiesen, einem mosaikartigen Weidegebiet mit Hecken, Feuchtgebieten, Brach-, und Mahdflächen am Südhang der langen Rhön, das einer Ferienhaussiedlung geopfert werden sollte.

Deutschlandweite Spendenaktion erfolgreich

Gerhard Kneitz, 1975 Mitbegründer des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), lange Jahre Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats und stellvertretender Vorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern (BN), setzte sich für den Erhalt der einmaligen Offenlandschaft der Langen Rhön ein. Mit ihren Quellfluren, Bachläufen, Hochstaudenfluren und Magerrasen bildet diese eine einzigartige ökologische Nische für unzählige Tier- und Pflanzenarten. Unter anderem findet man dort noch seltene Tagfalterarten wie Schwalbenschwanz, Schwarzer Apollo, Kleiner Eisvogel, Moorgelbling, Hufeisenklee-Gelbl, Ameisenbläuling oder Moorperlmutterfalter. Um die Gassenwiesen zu kaufen, wurde deshalb unter dem Motto „Retten Sie ein Schmetterlingsparadies“ eine groß angelegte Spendenaktion ins Leben gerufen. Der Erfolg blieb nicht aus: 1985 konnte der BUND für 528.000 Mark das 32 Hektar große Areal nordwestlich der Ortschaft Ginolfs kaufen. So wurde die Ferienhaussiedlung verhindert und das ökologisch wertvolle Gebiet im Anschluss an das Naturschutzgebiet Lange Rhön gesichert.

Landschaftspfleger auf vier Beinen

Gerhard Kneitz engagierte sich gemeinsam mit dem damaligen BN-Vorsitzenden Hubert Weinzierl sowie dem BN-Geschäftsführer und Schatzmeister Helmut Steininger für die Rettung des Rhönschafs und für dessen Einsatz als vierbeiniger Landschaftspfleger: Zur naturschonenden Pflege der Gassenwiesen war das vom Aussterben bedrohte Rhönschaf ideal. Als es die Möglichkeit gab, eine kleine Herde von 39 Tieren aus dem Besitz von Dr. Tränkle zu erwerben, griff der BN zu. So entstand eines der ersten Naturschutz-Beweidungsprojekte Bayerns, das bis heute bundesweit als Vorbild dient. Auf der Suche nach einem Platz für die Tiere traf Prof. Kneitz 1985 auf Josef Kolb aus Ginolfs. Der Landwirtschaftsmeister suchte gerade eine neue Perspektive und begeisterte sich für das Rhönschaf. So kam es, dass die kleine Herde zunächst in der Scheune von Kolbs Vater in Weißbach Zuflucht fand.

Rhönschafbeirat als Begleitung

Da sich die Tiere gut vermehrten, musste rasch ein größerer Stall her: Helmut Steininger und die BN-Kreisverbände Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld halfen Zuschüsse und Spenden aufzutreiben, um damit am Ortsrand von Ginolfs ein Grundstück zu erwerben und 1988 einen großen Schafstall zu bauen. Der Gesamtbetrieb wurde vom BN an Josef Kolb und seine Frau Zita verpachtet und Josef Kolb als Betriebsleiter angestellt. Ein Rhönschafbeirat aus BN-Mitgliedern begleitete das erfolgreiche Projekt. Finanzielle Unterstützung erhielt das Rhönschaf-Projekt von der Adolf und Hildegard Isler-Stiftung aus Berlin, dem Bezirk Unterfranken und von vielen privaten Spendern.

Vermarktung muss sein

Heute ist die von Josef Kolb betreute BN-Herde auf rund 360 Tiere angewachsen; Jahr für Jahr kommen auf dem ökologisch bewirtschafteten Hof bis zu 350 Lämmer zur Welt. Seit 1996 vermarktet der Schäfereibetrieb Kolb Fleisch, Wurst, Wolle und die Felle seiner Schafe über einen eigenen Hofladen. Im Jahr 2012 wurde ein neuer Nutzungsvertrag mit dem Ehepaar Kolb abgeschlossen und damit ein Grundstein für die notwendige Erweiterung der Stallanlagen gelegt. Kein Wunder, dass das gute Beispiel Schule gemacht hat: Heute grasen in der Rhön wieder mehr als 4000 Schafe. In Ginolfs entstand eine Rhönschaf-Weidegemeinschaft, in Hessen erwarb der BUND 1997 eine Herde mit 250 Tieren und auch in Thüringen gab es Aufwind für das Rhönschaf. So konnte das Aussterben der Rasse erfolgreich verhindert werden. Das Rhönschafprojekt von BN und BUND in Ginolfs, das 2005 mit dem Bayerischen Biosphärenpreis ausgezeichnet wurde, steht damit für eine gelungene Verbindung von Ökologie und Ökonomie. Interessierte können die Rhönschafe auf dem Hof von Josef Kolb jederzeit besuchen sowie, als jährliche Highlights, den Weideabtrieb im Oktober oder das Rhönschaffest hautnah miterleben.