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Widerstand gegen den Kanal

Im Widerstand gegen den Rhein-Main-Donau-Kanal und die ihn begleitenden Verkehrsmaßnahmen war der Bund Naturschutz nicht allein. Kämpferische Mitstreiter waren die Mitglieder der Bürgerinitiative "Rettet das Altmühltal" um den Oberhofener Gastwirt Anton Mayer. Und auch der Bund der Steuerzahler hatte sich von Anfang an gegen das Projekt gewendet.

(Foto: BN-Archiv)

Der inzwischen verstorbene Mayer hat zu den Ereignissen das Buch "Verloren – aber nicht vergessen" verfasst. Und er hat den BN davon überzeugt, nicht allein auf die landschaftsplanerische Zusammenarbeit mit dem Büro Grebe und den Kanalbauern zu vertrauen. Ursprünglich war das die Intention gewesen, weil man aus der Bevölkerung keinen Widerstand gegen das Großprojekt spürte. Das änderte sich mit Mayers Bürgerinitiative. Der BN wurde kämpferisch, heute erinnern sich Mitstreiter vor allem an das Engegement des damaligen Beauftragten für Nordbayern und heutigen BN-Vorsitzenden Hubert Weiger. Schließlich galt auch noch nach dem Kanalbau Mayers Ausspruch: "Hätte ich nicht Widerstand geleistet, müsste ich mich heute schämen."

Fortschritt contra Traumlandschaft

(Foto: Christian Muggenthaler/Bund Naturschutz)

Tatsächlich ließen sich Gebietskörperschaften und Bürgerschaft schnell von dem Kanalbau überzeugen. Für ihn sprachen auf Gemeindeebene Verbesserungen in der Infrastruktur wie etwa der Bau neuer Straßen, um den Pendlerverkehr zu erleichtern, oder der Bau neuer Brücken und Radwege. Auch der Tourismus sollte gefördert werden. Die landschaftszerstörerische Wirkung dieser Maßnahmen wurde nicht registriert. Man subsumierte dergleichen in den 60er und 70er Jahren unter dem Begriff "Fortschritt". Die Ortschaft Riedenburg beispielsweise wurde stark umgebaut: Sie bekam eine Uferstraße, den Badesee St. Agatha, neue Brücken und eine Naherholungslandschaft hinmodelliert, die für den Naturschutz allenfalls kosmetische Wirkung hatten, allgemein aber als gefällige Naturaufhübschung angesehen wurden.

Viele Touristen empfinden das Altmühltal heute als "schön", jedoch nur, weil sie den vorherigen Zustand nicht kennen. Die Schäden sind durch eine pittoreske Kulisse getarnt worden. Anton Mayer: "Manch einer wird sich vielleicht noch mit Wehmut erinnern, daß die Landschaft vor Riedenburg, wo jetzt die Schleuse ist und unterhalb derselben, eine Traumlandschaft war." Sie ist es nicht mehr. Jetzt herrscht dort eine Gartenlandschaft, von Menschenhand geschaffen. Und der Ort wurde und blieb durch den Kanal entzweigerissen.

Totentanz und Fackelzug

Der Bau des Kanals verursachte nicht nur einen Riss in der Landschaft, sondern auch einen in der Bevölkerung. Gegner auf Seiten des Bundes Naturschutz wie Martha Krieger erinnern sich, dass nicht nur die Kanalgegner angefeindet wurden, sondern selbst deren Kinder in den Schulen. Beziehungen und Freundschaften wurden zerstört, der Widerstand wurde dämonisiert. Kritische überörtliche Berichterstattung wurde als Nestbeschmutzung und als tourismusfeindlich geschmäht.

Am 19. und 20. Mai 1979 fand ein "Totentanz im Altmühltal" statt, Organisatoren war die Wolfratshausener Künstlergruppe "Schwarzmaler". Groß war die Kritik daran, dass es hauptsächlich Auswärtige waren, die sich an der Aktion beteiligten – und sogar nackt in der Altmühl badeten. Man sprach von Berufsdemonstranten. Seinen bei einem Fackelzug mitmarschierenden Sohn riss der Vater die Fackel aus der Hand und warf sie in den Fluss. Es waren erstrangig die Jüngeren, die dem Widerstand zuneigten.

900.000 Unterschriften gegen den Kanal

(Foto: BN-Archiv)

Formen des Widerstands waren ein bundesweite Unterschriftenkampagne gegen den Kanal, die 900.000 Unterzeichner fand, und eine Klage des Bundes Naturschutz als Besitzer eines Grundstücks in Prunn, die aber 1985 vor dem Bundesverwaltungsgericht scheiterte. In kleinen Schritten wurden durch Beteiligungen, Stellungnahmen und Gutachten Verbesserungen erzielt. In einem Sitzungsprotokoll aus dem Jahr 1986 steht zu lesen: "Jede getroffene Maßnahme zur Sanierung des Flußes ist praktisch unwiderruflich, wird große Auswirkungen auf den Fluß und das Umland haben, die sich über Generationen auswirken, so daß eine gewissenhafte, realistische Entscheidung unbedingt geboten erscheint." Festgestellt wurde, der "BN werde mit allen Mitteln der Verbands- und Öffentlichkeitsarbeit jede halbherzige Lösung bekämpfen, die ohne erschöpfende Sammlung flußmorphologischer Entscheidungsgrundlagen durchgepeischt wurde".

Frust und Wunden

Noch heute sind die gesellschaftlichen Verwundungen zu spüren, die im Kampf gegen den Kanal entstanden: "Man hat für die Heimat gekämpft, aber sie nicht hinter sich gehabt", sagt Krieger. Nicht wenige der damals Beteiligten sind heute nicht mehr am Leben, viele andere sind frustriert, haben sich zurückgezogen und erinnern sich nicht mehr gern. Peter Forstner, der heutige Vorsitzende der BN-Kreisgruppe Kelheim, sagt unumwunden: "Die meisten haben die Schnauze voll." Neben den Anfeindungen entstand der Frust vor allem wegen eines ständig präsenten Gefühls der Ohnmacht den Kanalbauern gegenüber. Veränderungen der Bauplanung und Verbesserungen des Naturschutzes erfolgten bestenfalls als Tagesgeschäft in kleinsten Schritten. Die Missachtung der Natur schmerzte. Im Zug des Baus der Riedenburger Schleuse beispielsweise wurden das Riedenbuger und das Haidhofer Altwasser einfach zugeschüttet, ohne vorher wenigstens abzufischen. Die Belange der Natur spielten dauerhaft bestenfalls eine untergeordnete Rolle.