MenuBUND Naturschutz in Bayern e. V.

Ein künstliches Gebilde

Im Interview: Dr. Klaus Arbter, der die BN-Kreisgruppe Tirschenreuth seit dem Kampf um die Waldnaab-Aue fast dreieinhalb Jahrzehnte leitete. Für die Planer des Stausees war es Pech, für die Natur ein Glück, dass sich Klaus Arbter gerade in jenem Gebiet zu Hause fühlte, wo der Speichersee entstehen sollte.

Dr. Klaus Arbter (links) bei seinem Abschied als Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Tirschenreuth. Der BN-Landesvorsitzende Prof. Dr. Hubert Weiger (rechts) ehrte Arbter für sein beispielloses, über 30 Jahre währendes Engagement für den Bund Naturschutz.

Herr Arbter, wann haben Sie erkannt, dass der Plan für einen Gumpener Stausee einer der größten Fehler der Bayerischen Wasserwirtschaft gewesen wäre?

Arbter: Als ich die ersten Jahre als Lehrer am Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth arbeitete, gab es bereits Ende der 60er Jahre - damals noch von der Öffentlichkeit wenig beachtet - eine Welle, die wegen des damals nicht mehr zu bremsenden Wirtschaftswachstums von einer "zweiten Zerstörung Deutschlands nach dem Krieg" sprach. In dieser Zeit wurde sowohl wertvolle Bausubstanz als auch Natur vernichtet. Unter anderem wurde der "Vandalismus der Bautätigkeit" als ein in der Landschaft nicht mehr gut zu machender Fehler gesehen.


Wie habt Ihr Umweltschützer Euch damals organisiert?

1969 wurde in Waldau bei Vohenstrauß der Oberpfalzverein gegründet, der erste Grundstein für den Heimatschutz in der Region. Nachdem wir Jahre später im Kampf gegen den Stausee  Hilfe brauchten, wandten wir uns an den Bund Naturschutz in Bayern, der uns zuerst auf Landesebene unterstützte, woraus sich dann die Kreisgruppe im Landkreis Tirschenreuth bildete.


Welche Leute waren damals ebenso engagiert wie Sie?

Da muss ich auf alle Fälle Otmar Nickl nennen, ein hoch engagierter Mann aus Weiden. Er wollte für den Oberpfalzverein Ortsgruppen aufbauen und hat Mitstreiter gesucht. Nickls Lieblingssatz war "Die Welt wird immer mehr verschandelt". Mit mir gemeinsam engagierten sich im örtlichen Bereich Karl Berr, Edwin Langheinrich und Anton Hamm. Nicht vergessen werden darf der Mathematiker Wiedmeier, Lehrer an einem Bayreuther Gymnasium, der massive Fehlberechnungen in den Plänen des Wasserwirtschaftsamtes für den Speicher aufdeckte. Natürlich war auch Dr. Hubert Weiger, der heutige Landesvorsitzende des BN, an unserer Seite. Als erster Beauftragter für Nordbayern des Landesverbandes begann Weigers BN-Karriere in jungen Jahren unter anderem im Landkreis Tirschenreuth. Ebenfalls mehrmals vor Ort war der damalige BN-Landesvorsitzende, Hubert Weinzierl.


Wie sind Sie dann öffentlich engagierter Naturschützer geworden?

1970 habe ich den Vorsitz des Oberpfalzvereins Weiden übernommen und wenig später den des Ortsvereins Tirschenreuth, den ich gründete. Mitglieder wurden  zu Beginn auch viele meiner Lehrerkollegen. In den Arbeitskreisen haben mich unter anderem  Max Gleißner, Edwin Langheinrich, Werner Holzner, Richard Ohrner, Günter Träger, Luise Schröpf und vor allem Karl Berr unterstützt. Nur wenig später wurde ich Mitglied im Bund Naturschutz, wo ich viele Jahre als Vorsitzender der späteren Kreisgruppe Tirschenreuth tätig war.


Was  hat Sie dazu bewogen, den Kampf gegen den Stausee so unerbittlich durchzuführen?

Nachdem der Liebensteinspeicher fertig war, hat mich das Projekt beruflich interessiert. Ich bin mit meinen Schülern als Biologielehrer am Wandertag dort hingegangen und habe statt einem natürlichen See ein künstliches Gebilde vorgefunden, ohne Uferzonen, mit Schlammrändern und Baumstümpfen. Mitte der 60er Jahre hat man den Stausee Gumpen schon propagiert, während ich meinen Schülern genau dort seltene Amphibien, Laub- und Moorfrösche zwischen Pflanzen wie Türkenbund, Iris oder Maiglöckchen zeigte. Ich wollte mir nicht vorstellen, dass diese herrliche Natur einem Stausee wie dem Liebensteinspeicher zum Opfer fallen solle.


Mit welchen Mitteln haben Sie und Ihre Mitstreiter vom Oberpfalzverein und dem BN versucht, den Stauseebau aufzuhalten und was hat am Ende tatsächlich zum Erfolg geführt?

Zuerst versuchten wir es ab 1971 mit sehr umfangreichem Schriftverkehr mit Behörden, Ministerien, Instituten, Politikern und Leuten, die mit dem Stauseebau zu tun hatten.  Als wir nach aufreibender Arbeit bemerkten, dass unser interner Schriftverkehr mit den Behörden nichts nützt, begannen wir an die Öffentlichkeit zu gehen, 1973 berichteten die ersten Zeitungen über den geplanten Bau des Stausees und unseren Widerstand. Gleichzeitig informierten wir den Bund Naturschutz, was hier in der Oberpfalz läuft. Ab dann wurde gemeinsam gekämpft. Der BN und wir Aktivisten an der Basis luden die Planer und die Gegner 1974 in die Burg Falkenberg zu einer Diskussionsrunde ein. Als sich dazu über 30 Journalisten aus ganz Bayern vor Ort auf unsere Einladung hin im Gumpener Gebiet einfanden, wurden wir zuversichtlicher, dass wir den Kampf noch gewinnen können. Bei einer Unterschriftenaktion bekamen wir 1976 immerhin über 4500 Unterschriften, zur damaligen Zeit ein riesengroßer Erfolg für uns. Im Oktober 1976 wurde der Gumpener Stausee Hauptthema bei der Sendung "Jetzt red i" im Bayerischen Fernsehen.

Dr. Klaus Arbter (rechts vorne) bei einer Exkursion in die Waldnaab-Aue.

Wie haben die bayerischen Journalisten die Exkursion ins Naturgebiet erlebt?

Ich erinnere mich noch gut, wie während der Exkursion immer wieder hunderte von Wildenten von den Teichen aufflogen. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne schien und die Natur zeigte sich von ihrer schönsten Seite - als hätte uns der liebe Gott alle seine Geschöpfe geschickt, damit wir die Presseleute live davon überzeugen konnten, dass wir Recht hatten, dieses Land vor der Zerstörung zu retten. Wir konnten den Presseleuten, darunter vielen Großstädtern, unter anderem Haubentaucher, jede Menge Frösche und allerlei seltene Insekten vorführen – alles Tiere, die manch einer noch nie gesehen hatte. Der Höhepunkt des Tages war jedoch, dass wie bestellt gleich fünf Gumpener Weißstörche über uns ihre Kreise zogen. Eine großartige Stimmung - wir hatten den Presseleute etwas geboten, was sie so noch kaum zu sehen bekommen hatten. Die Folge waren hervorragende Zeitungskritiken pro Natur und über die nachfolgende Diskussion pro und contra Stausee im Rittersaal der Burg Falkenberg.


All diese Anstrengungen haben trotzdem nicht zum Erfolg geführt?

Leider nein. Unser aufwändiger Schriftverkehr mit den Behörden hatte ja außer Beschwichtigungen und höflichen Floskeln als Antworten nichts gebracht. Erst als wir einige Landwirte auf unserer Seite hatten, konnten wir etwas bewegen. Viele Bauern hätten zum Teil erhebliche Grundstücksverluste hinnehmen müssen. Am Ende klagten  24 von ihnen gegen das Projekt. Unter anderem war dies auch ein Erfolg von Eduard Rupprecht, Busfahrer und Betriebsrat bei ESKA Tirschenreuth. Rupprecht hatte gute Verbindungen zu den Landwirten und konnte am Ende rund zwei Dutzend auf unsere Seite holen. Damit den Bauern keine Unannehmlichkeiten entstanden, hat die Kosten für das Verfahren der Bund Naturschutz übernommen. Die Landwirte mussten sich lediglich mit einem Anerkennungsbetrag von 50 Mark an den Gerichtskosten beteiligen. Maßgeblich in rechtlicher Hinsicht hat Rechtsanwalt Eike Schönefelder Großes für uns geleistet.


Wie konnten Sie und Ihre Mitstreiter dann am Ende die Richter überzeugen?

Der Prozess fand Ende Juni 1981 in Wiesau statt, bewusst in Ortsnähe. Die Richter vom Verwaltungsgericht Regensburg sind zwei Tage lang durch das Gebiet gewandert, um sich ein Bild von der Gegend zu machen. Wir haben ihnen die schützenswerten Stellen und die Problematik des Geländes gezeigt - und nach drei Tagen verkündeten die Richter das Urteil zu unseren Gunsten. Zum einen wurden die Sorgen der Landwirte, die Angst um ihre Existenz hatten, ernst genommen. Die Richter haben aber auch eingesehen, dass hier ein unwiederbringliches Stück Natur zerstört werden würde. Das Raumordnungsverfahren wurde gestoppt, da die Richter das vorhandene "Landschaftsbild" als erhaltenswert erachteten. Gleichzeitig wurde der Planfeststellungsbescheid des Landratsamtes wegen "Rechtswidrigkeit" gekippt, mit der Begründung, der Bescheid gefährde die Existenz der dortigen Landwirte.