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Ökosystem Fluss – Lebensraum in Bewegung

Naturnahe, lebendige Bäche und Flüsse sind das Rückgrat des Artenschutzes. So gehören die Auen zu den artenreichsten Naturräumen Europas. Ihr dynamisches Mosaik von unterschiedlichen Lebensräumen bietet vielen seltenen und gefährdeten Tier- und Pflanzenarten eine Heimat.

Das Ökosystem Fluss fordert seine Bewohner: So müssen Tiere und Pflanzen, die in oder an Bach, Fluss oder Aue leben, hervorragend an die dort herrschenden, extrem wechselnden Lebensbedingungen angepasst sein. Denn in naturbelassenen Fließgewässern schwanken mit dem Wechsel der Jahreszeiten die Wasserstände stark. So führen beispielsweise Bäche und Flüsse in Alpennähe nach der Schneeschmelze im Frühjahr oft Hochwasser. Ist der Sommer dann heiß und es regnet wenig müssen sich Tiere wie Pflanzen auf Niedrigwasser einstellen – keine leichte Aufgabe. Die ständig wechselnde Wasserführung, ein unterschiedlich starkes Gefälle und verschiedene Bodenarten von schlammig bis kiesig und ein ausgeprägtes Kleinrelief bedingen außerdem eine enorme Vielfalt an Lebensbedingungen von extrem trocken bis nass. Sie kennzeichnen das Ökosystem Aue: Reißende Strömung wechselt sich mit Stillwasser und ruhigen Altarmen ab, kahle Kiesbänke und trockene Sanddünen folgen auf feuchte Auwälder – viele, sich immer wieder verändernde Lebensräume für ebenso viele hoch spezialisierte Tier- und Pflanzenarten. So ist der Artenreichtum in unseren Auen durchaus vergleichbar mit dem der tropischen Regenwälder. Doch Flüsse und Auen sind nicht nur Lebensraum, sie sind auch zentrale Leitlinie und Wanderachse für viele Tierarten, ein natürlicher Biotopverbund und damit das Rückgrat des Artenschutzes.

Lebensraum Aue

Bei Hochwasser durchflutet der Fluss die Aue, das Grundwasser steigt. Bei Niedrigwasser fällt sie wieder trocken: Der Lebensraum Aue „atmet“. Solche „Wechselwasserstandorte“ kommen nur in Auen mit intakter Flussdynamik vor. Besonders die zahlreichen Gewässer und Flutrinnen mit ihren Rohböden, Flutrasen, Röhrichten, Silberweidenauen und natürlichen Auenwiesen der großen Ströme sind davon geprägt. Pionierarten oder junge Silberweiden sind Kinder des Hochwassers und auf den Lebensraum Aue angewiesen.

In den Auen der Alpenflüsse lagert das Hochwasser sehr viel „Geschiebe“, das heißt Gestein aus den Alpen ab. Sie werden von zahlreichen Flussarmen ständig umgelagert und weisen breite Kiesflächen mit kiesigen Pionierstandorten, orchideenreichen Magerrasen, Grauerlen-Auwäldern und lichten Kiefernwäldern auf. Arten wie die Blauflügelige Ödlandschrecke brauchen diese natürlichen Offenflächen. Nur wenn der Fluss bei Hochwasser immer wieder neues Geschiebe umlagert, bleibt die ganze Vielfalt von der lückig bis zur dicht bewachsenen Kiesbank mit ihren jeweils spezialisierten Bewohnern erhalten.

Lebensraum Weich- und Hartholzaue

An großen Flüssen ist die Aue mehrere Kilometer breit. Bei Hochwasser zeigt sie ihre ganze Ausdehnung, dann werden Fluss und Aue eins. Wo das Wasser in den Auwäldern häufiger und lange hoch steht – in der sogenannten Weichholzaue – ist die Silberweide konkurrenzlos. Sie kann bis zu 300 Tage im Nassen stehen. Nach dem Hochwasser keimt sie mit anderen Pionierarten auf dem trockenfallenden Rohboden. Das Hochwasser verjüngt die Aue.

Die Hartholzaue wird seltener und nur bei Spitzenhochwassern vom Fluss durchströmt. Die Wälder dort sind die struktur- und baumartenreichsten in Mitteleuropa: Knorrige Eichen sowie mächtige alte Ulmen und Eschen wachsen dort, darunter die kleineren Traubenkirschen. Lianen und Sträucher verweben sich zu einer schier undurchdringlichen Wildnis; alte Bäume und Totholz bieten Spechten und Fledermäusen lebenswichtige Höhlen. Übrigens ist die Hartholzaue auch die Heimat der Wilden Weinrebe und des Hopfens – also sozusagen der Ursprung der bayerischen Bierwürze. Besonders beeindruckend und weltweit einmalig ist aber der Reichtum der Hartholzaue an Frühjahrsblühern: Der Märzenbecher eröffnet den bunten Blütenreigen und der Blaustern verwandelt die Donauauen in ein Blütenmeer.

Wertvoll, aber leider gefährdet

Leider gehören die Flussauen heute zu den gefährdetsten Lebensräumen Europas. Wie schlecht es den Auen in Deutschland geht, zeigt der Auenzustandsbericht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) von 2009. Danach sind an Rhein, Elbe, Donau und Oder durch den Bau von Deichen nur noch zehn bis 20 Prozent der ehemaligen Auen und nur noch ein Prozent der naturnahen Hartholzauwälder übrig.

Um die bayerischen Auen ist es im bundesweiten Vergleich leider besonders schlecht bestellt. Flüsse wie Donau, Isar oder Lech haben bis zu 90 Prozent ihrer Überflutungsflächen und damit ihrer rezenten Auen verloren. Weitgehend intakte Auen finden sich nur noch an ganz wenigen Stellen, beispielsweise im alpinen Bereich der Isar, am Unterlauf des Inns oder an den nördlichen Donauzuflüssen Altmühl, Naab und Regen. Diese und alle anderen noch halbwegs intakten Auen in Bayern müssen streng geschützt und wo möglich, geschädigte Auen wieder reaktiviert werden. Dafür macht sich der BN stark. Und an vielen bayerischen Flüssen, kann man das jahrzehntelange Engagement des Verbandes und seiner Mitstreiter heute auch sehen:

  • An der Salzach, deren Auen heute renaturiert und nicht durch Staustufen zerstört sind.
  • An der Donau, die zwischen Straubing und Vilshofen noch frei und ungestaut strömen darf.
  • An der Isar, die durch Renaturierung nach und nach wieder zu einem reißenden Alpenfluss wird.

Auenzustandsbericht des Bundesamtes für Naturschutz (PDF)