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Interview mit Karl-Ludwig Schweisfurth

Der Lebensweg Karl Ludwig Schweisfurths ist geprägt von einer Kehrtwende: Einst war der heute 85-Jährige Besitzer des fleischverarbeitenden Industrieunternehmens Herta, heute ist er Biobauer aus Überzeugung.

Karl-Ludwig Schweisfurth bei der Verleihung des Bayerischen Naturschutzpreises im November 2014 (Foto: Toni Mader)

1986 gründete Schweisfurth die Herrmannsdorfer Landwerkstätten und baute einen ökologischen Betrieb auf  mit Landwirtschaft, Metzgerei, Bäckerei, Käserei, Brauerei, Hofmarkt und Wirtshaus. Sein Ziel war eine neue Agrar-und Ernährungskultur und Achtsamkeit im Umgang mit Tieren. Karl Ludwig Schweisfurth wurde 2014 mit dem Bayerischen Naturschutzpreis des BN ausgezeichnet.

Der Visionär des ökologischen Landbaus und der artgerechten Nutztierhaltung hat sich vor zehn Jahren an ein Experiment gewagt, an dessen Gelingen kaum jemand geglaubt hat: die symbiotische Landwirtschaft. Verschiedene Arten sollten auf gleichem Raum friedlich und zu gegenseitigem Nutzen zusammenleben, in diesem Fall Hühner und Schweine. Der Erfolg gab ihm Recht.

Herr Schweisfurth, Sie bezeichnen sich selbst als "Auswärts-Vegetarier": Sie essen Fleisch nur, wenn Sie wissen, wie das Tier gelebt hat und wie es gestorben ist. Warum?

Karl-Ludwig Schweisfurth: Der Begriff „Auswärtsvegetarier“ ist von den Medien geprägt worden. Seit einigen Jahren sage ich immer und immer wieder vor laufenden Kameras: „Ich bin Vegetarier geworden…., wenn ich nicht in Herrmannsdorf bin“. Das Fleisch, vor allem das vom Huhn und vom Schwein, sowie Schinken, Wurst und Eier, die in  normalen Restaurants auf den Tellern liegen oder in den Regalen des Supermarkts, das esse ich nicht mehr. Aus Empörung, weil ich ja genau weiß, wie extrem hochgezüchtet die Tiere heute sind, bis zur Qualzucht und wie unsäglich intensiv die Tiere dann gehalten werden. Ständige Cocktails von Medikamenten, Wachstumsförderern, etc. etc. vor allem aber von Antibiotika sind unausweichlich. Ich kenne auch die Bilder von den großen Schlachtfabriken. Tiere werden wie Sachen behandelt, rücksichtslos. 

Sie haben den Begriff "Symbiotische Landwirtschaft" mit Leben erfüllt. Welche Bilanz ziehen Sie nach zehn Jahren? 

Symbiose ist ein bekannter Begriff aus der Biologie. Symbiose ist aber in der Landwirtschaft in Vergessenheit geraten. Dort herrscht die Monokultur: ein Feld, eine Frucht, ein Stall, eine Sorte Tier. Da kann man Input und Output leicht messen. Die Reduzierung von Vielfalt ist das Prinzip der exakten Wissenschaften. Für Bauern und Agrarwissenschaftler ist diese Denkweise fremd, und die betreffenden Personen reagieren abweisend: Ökoromantik. Meine Veröffentlichung: Symbiose zum Nutzen unserer Nutztiere…. und zu unserer aller Nutzen, hat eine sehr starke Resonanz gefunden. Der Weg zu einer Umsetzung wird weit sein. 

Welche Ressourcen braucht es, um ein solches System an einem Betrieb zu etablieren? 

Es werden keine besonderen Ressourcen gebraucht, außer Land. Nicht unbedingt Land mit hoher Bodenqualität; sandiger, leicht hängiger Boden ist gut geeignet. Es wird keine Präzisionslandwirtschaft betrieben, es genügen einfache und leichte Maschinen. Es werden keine aufwendigen Ställe gebraucht, sondern leichte, mobile Hütten, die man selber machen kann. 

Ist es ein Modell, das Schule machen kann?

Symbiotische Landwirtschaft so und so ähnlich, ist die Zukunft. Es ist vor allen Dingen auch für Ökolandwirtschaft eine Möglichkeit, sich deutlicher zu profilieren. (Die ökologische Landwirtschaft ist leider häufig vom rechten Weg abgekommen; sie nähert sich industriellen Strukturen von Spezialisierung, Effizienz, etc. etc.)

Welche Größe sollte  ein bäuerlicher Betrieb haben, damit das realistisch ist und der Betrieb überleben kann?

Die untere Grenze liegt meines Erachten je nach Standort bei 10-20 Hektar. Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit ist allerdings eine Kooperation mit einem tüchtigen Metzger, der sein Handwerk versteht und mit achtsamem Töten, sauberem Schlachten sowie der Warmfleischtechnologie, Fleisch, Schinken und Würste dem Endverbraucher anbietet und dazu auch die richtigen Geschichte erzählen kann.

Was verstehen Sie unter dem Begriff "Agrarkultur"? 

„Landwirtschaft ist dem Wesen nach eine kulturelle Veranstaltung und erst dann eine technische“. Hinter dem Ursprung des Begriffes „Colere“ stehen drei Ebenen: Pflügen, also den Boden nutzen und bebauen, Pflegen, d.h. achtsamer Umgang mit der Natur sowie Anbeten und Verehren, das ist die spirituelle Komponente. 

Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven für die Tierhaltung in Deutschland?

Die Tierhaltung in Deutschland und in der Welt sowie die Schlachtung und Verarbeitung, wie sie zu mehr als 95 % in Deutschland üblich ist, hat keine Zukunft. Das System Tiere und Fleisch ist einer der größten Irrwege der jüngeren Geschichte. Immer mehr Verbraucher wenden sich empört ab. Humanmediziner schlagen Alarm wegen der multiresistenten Keime.

Wie können die Verbraucherinnen und Verbraucher davon überzeugt werden, dass hochwertige Lebensmittel, zum Beispiel Fleisch aus biologischer, artgerechter Tierhaltung, ihren Preis wert sind?

Ich werde nicht müde, immer wieder zu sagen, dass das Denken der Bauern über das Hoftor hinausgehen muss. Bauern, Metzger und Verbraucher müssen eine Allianz bilden und sich von dem bestehenden System verabschieden. Wenn der Verbraucher sehen und erleben kann, wie das alles gemacht wird, dann ist er auch bereit, den notwendig höheren Preis zu bezahlen, vorausgesetzt, das Fleisch, die Schinken, die Würste, die Eier, die Hähnchen, die Enten, etc. müssen deutlich besser schmecken. Das Ökosiegel alleine reicht nicht mehr.