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BN fordert: Keine Vergiftung mehr in Eichenwäldern

Der BUND Naturschutz protestiert mit einer Fotoaktion gegen den großflächigen Gifteinsatz in Unter- und Mittelfranken und fordert den Stopp des Schmetterlingssterbens im Wald.

Foto: Hanns Peter Bacherle

27.04.2018

Mit einer Fotoaktion protestiert der BUND Naturschutz in Bayern (BN) gegen den großflächigen Gifteinsatz in Unter- und Mittelfranken. Per Hubschrauber vergiftet die Forstverwaltung die Schmetterlingsraupen des Schwammspinners in Eichenwäldern auf ca. 1.400 Hektar. "Wir kritisieren, dass die Forstverwaltung das Insektensterben im Wald forciert, ohne dass sie bisher belegt hat, dass die flächigen Gifteinsätze überhaupt notwendig sind, um die Eichenwälder in ihrer Substanz zu erhalten", so Ralf Straußberger, Waldreferent des BN. "Wir haben dem Forstministerium erst Anfang April Eichenwälder in der Region gezeigt, die bei früheren Massenvermehrungen nicht begiftet wurden und in denen die Eichen trotzdem überlebt haben", so Karin Eigenthaler, Vorsitzende der BN-Kreisgruppe Neustadt/ Aisch. Die Eichenwälder gelten als die artenreichsten Waldgesellschaften, gerade bei Schmetterlingen und Insekten. Wegen der früheren Gifteinsätze sind in den vergifteten Wäldern seltene Arten auch in Schutzgebieten verschwunden. "Wir fordern einen Stopp der flächigen Gifteinsätze gegen Schmetterlinge mit dem Hubschrauber, weil eine bestandsbedrohende Gefährdung nicht belegt ist und Untersuchungen zu langfristigen Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Umwelt schlicht fehlen. Wenn die Staatsregierung es ernst meint mit der Bekämpfung des Insektensterbens, muss die Begiftungsaktion im Wald gestoppt werden", so Richard Mergner, Landesbeauftragter des BN. "Wir kritisieren das Forstministerium, weil nicht transparent und viel zu spät informiert wird", so Edo Günther, der Schweinfurter BN-Kreisvorsitzende.

Kein Insektensterben in artenreichen Eichenwäldern

Die regelmäßigen Vergiftungsaktionen in Eichenwäldern sind besonders schwerwiegend, weil die Eiche die Baumart mit dem höchsten natürlichen Insektenreichtum aller Waldbäume ist. Auf keiner anderen heimischen Baum- oder Pflanzenart leben mehr Insektenarten als auf der Eiche, allein etwa 400 Schmetterlingsarten. Wegen der Vielfalt an Insekten, aber auch an Vogelarten stehen viele Eichenwälder unter Schutz. Der BN kritisiert, dass die Artenvorkommen für viele betroffene Waldgebiete nicht bekannt sind, weil der Forst diese nicht systematisch erfassen lässt, z.B. im Rahmen einer Waldbiotopkartierung. "Wir halten es für unverantwortbar, wenn der Forst in derartig artenreichen Waldökosystemen einfach "wegschaut", um dann zu behaupten, eine Begiftung sei möglich, weil kein Vorkommen schützenswerter oder seltener Arten bekannt ist", so Edo Günther. Der BN fordert, vom Forstministerium eine Neuausrichtung des sog. "Waldschutzes", der nicht mehr einseitig auf die "Giftspritze" setzt, sondern Waldökosysteme schützt und Gifteinsätze im Wald möglichst vermeidet, vor allem in Schutzgebieten.

Eichenwälder sind an blattfressende Insekten angepasst und überleben Kahlfraß

"Wir haben Verständnis für die Sorgen der Waldbesitzer und Förster, die die Eichenwälder erhalten wollen", so Mergner. Ein Blick in Eichenwälder, die bei früheren Massenvermehrungen nicht begiftet wurden, zeigt aber, dass in etlichen Fällen hier die Eichen diesen Kahlfraß überlebt haben. So hatte Hans Seitz, Waldbesitzer aus Rüdisbronn (Landkreis Neustadt/Aisch) gegen große Widerstände des Forstes durchgesetzt, dass sein Eichenwald 1994 nicht vergiftet wurde, weil er der Meinung war, dass der Schwammspinner für seinen Wald keine bestandsgefährdende Bedrohung darstellt. Obwohl alle Eichen vom Schwammspinner kahlgefressen wurden, haben sie sich damals wieder erholt. Nur eine einzige Eiche ist abgestorben, was auch ohne Schwammspinner jedes Jahr passiert. Im Güterwald bei Ezelheim gibt es ein ähnliches Bild, er war 2009 sehr stark von Eichenprozessionsspinner befallen. Damals wurde die Hälfte des Waldes begiftet, die andere Hälfte nicht. Auch hier haben sich die kahlgefressenen Eichen im nicht begifteten Teil erholt und es ist kein augenfälliger Unterschied bei den Alteichen zwischen "begiftet" und "nicht begiftet" festzustellen. Auch im Krackentännig bei Neudorf im Landkreis Kitzingen hat der örtliche Forstamtsleiter Sperber 1993 gegen die Vorgaben aus dem Ministerium durchgesetzt, dass trotz Schwammspinner-Kahlfraß nicht begiftet wurde, und die Eichen haben überlebt. Vor diesem Hintergrund können Aussagen der Forstseite wie "wir müssen die Eichenwälder begiften, um sie zu retten" oft als unbegründete Horrorszenarien entlarvt werden. Die Eiche gilt als relativ robuste Baumart, die einen Kahlfraß auch wegstecken kann.

Langfristige Untersuchungen fehlen

Obwohl Eichenwälder im warm-trockenen Regionen Unterfrankens bereits seit 1975 regelmäßig mit dem Gift Dimilin besprüht wurden, wurde es bislang versäumt, die Notwendigkeit und die Auswirkungen der Gifteinsätze langfristig wissenschaftlich zu untersuchen und zu dokumentieren. "Es ist für uns völlig unverständlich, dass man nun ein neues Mittel flächig im Wald einsetzt, aber die negativen ökologischen Folgewirkungen der vergangenen Gifteinsätze bislang nicht langfristig und umfassend untersucht hat", so Eigenthaler. Der BN fordert von der Forstverwaltung keine Panikmache zu betreiben, sondern die Waldbesitzer und Öffentlichkeit auf Basis von Fakten und sauberen wissenschaftlichen Untersuchungen zu informieren.

Nicht Gift, sondern waldfreundliche Jagd rettet Eichenwälder in die Zukunft

Von der Forstseite werden die Gifteinsätze auch damit begründet, dass die Alteichen als Samenbäume erhalten werden sollen, damit sich die Eichen natürlich verjüngen können. Leider gelingt dies wegen der vielerorts überhöhten Rehwildbestände gerade in den betroffenen Eichenwäldern kaum. Deshalb fordert der BN die überhöhten Rehwildbestände deutlich abzusenken, damit waldtypische Baum- und Straucharten aufwachsen können. "Das "hehre" Ziel, die alten Eichenbestände mit der Giftspritze am Leben erhalten zu wollen, um eine Eichennaturverjüngung zu ermöglichen, wird seit Jahrzehnten auf großen Flächen verfehlt", beurteilt Straußberger den zu hohen Wildverbiss durch die überhöhten Rehwildbestände. "Wer artenreiche Eichenwälder in die Zukunft retten will, darf nicht die Alteichen begiften, sondern muss eine Eichenverjüngung ermöglichen, indem die Jagd die richtigen Schwerpunkte setzt", so Straußberger. "Wir fordern dazu klare Vorgaben zur Rehwildbejagung in der künftigen Abschussplanung durch das Landratsamt, die 2018 auf Grundlage des Vegetationsgutachtens erstellt wird." Der BN wünscht sich hierzu mehr Unterstützung durch die Waldbesitzer und vor allem durch die Jäger beim Ziel in Eichenwäldern auch Eichenverjüngung ohne Zaunschutz zu bekommen.

Für Rückfragen:

Dr. Ralf Straußberger
Waldreferent
Tel.: 0171 / 738 17 24
ralf.straussberger@bund-naturschutz.de