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Bund Naturschutz warnt vor weiterem Flächenfraß in Unterfranken

Negativbeispiele: IKEA-Verteilerzentrum bei Seligenstadt und Gewerbegebiet „Dettelbach 2000“

20.03.2003

Der galoppierende Landverbrauch entwickelt sich zunehmend zu einem der größten Umweltprobleme in Deutschland. Unrühmlicher „Tabellenführer“ unter allen Bundesländern ist dabei Bayern. Tagtäglich werden hier 28 Hektar Land (ca. 40 Fußballfelder) für Siedlungs-, Gewerbe- oder Verkehrsflächen zugebaut und gehen damit für die Grundwasserneubildung und Nahrungsmittelerzeugung ebenso verloren wie als Lebensraum für Pflanzen und Tiere oder als Freiraum für erholungssuchende Menschen. Großflächige Gewerbegebiete auf der ehemals „grünen Wiese“ bestimmen v. a. im Nahbereich der Autobahnen immer öfter das Bild unserer Landschaft.

Bayern verliert zunehmend sein Gesicht – die einst von Dichtern und Malern gerühmte unverwechselbare landschaftliche Schönheit Bayerns droht endgültig verloren zu gehen und zur Mogelpackung in Tourismusprospekten zu verkommen.
Diese Entwicklung ist umso widersinniger, als bereits heute landesweit ein Überangebot bestens erschlossener Gewerbegebiete (www.sisby.de) besteht. Viele Kommunen müssen fürchten, auf ihren Investitionsruinen sitzen zu bleiben und in den Städten geht unter den alteingesessenen Handwerksbetrieben und Einzelhändlern das „leise Sterben“ um.

Die drastische Verringerung des Flächenverbrauchs ist mittlerweile zwar erklärtes Ziel auf höchster politischer Ebene und wird sogar von Innenminister Beckstein in einem 6seitigen Rundschreiben an alle bayerischen Bürgermeister angemahnt. Dessen ungeachtet werden die gesetzlich formulierten Zielvorgaben von Bund und Land auch heute noch durch Subventionen aus dem Wirtschaftministerium förmlich konterkariert. Und: Nach wie vor müssen sich Kritiker am hemmungslosen Landverbrauch und an unsinnigen Prestigeprojekten vor allem auf kommunaler Ebene massive Vorwürfe und oft sogar persönliche Anfeindungen gefallen lassen.

Da von der Fa. IKEA bei Seligenstadt (Lkr. Würzburg) geplante Verteilerzentrum und das Mega-Gewerbegebiet „Dettelbach 2000“ am Autobahnkreuz Biebelrieth (Lkr. Kitzingen) sind in Unterfranken dafür zwei besonders negative Beispiele.

Nach Auffassung des Bundes Naturschutz dokumentieren diese Planungen bzw. Projekte überdeutlich, dass auf kommunaler Ebene nach wie vor ein für unsere natürlichen Lebensgrundlagen, die Schönheit unserer Heimat und jeden Steuerzahler ruinöser Wettbewerb um den Ausverkauf des unersetzlich und weltweit immer knapper werdenden Naturgutes „Boden“ läuft. Mit den Erfordernissen einer nachhaltigen Entwicklung ist dies ebenso wenig vereinbar, wie mit den unmissverständlichen Anforderungen der Bayerischen Verfassung (Art. 141 Abs. 2), den Zielvorgaben des Landesentwicklungsprogramms und dem Bodenschutzprogramm der Bayerischen Staatsregierung von 1991.

Der Bund Naturschutz hat deshalb auch in einem „Schwarzbuch Gewerbegebiete Bayern“ Negativbeispiele dokumentiert.

Der BN fordert die Gemeinden auf, sich endlich ihren Verpflichtungen zur nachhaltigen Entwicklung zu stellen. Er appelliert gleichzeitig an Bund und Land, Zuschüsse an Gemeinden für flächenverbrauchende Großprojekte und Mega-Gewerbegebiete zu streichen.

(Weitere allgemeine Forderungen des Bundes Naturschutz zur Reduzierung des Flächenverbrauches enthält die Pressemitteilung 024/LFG „Schwarzbuch Gewerbegebiete Bayern“ vom 10.03.03, zusammen mit dem Schwarzbuch im Internet abrufbar unter www.bund-naturschutz.de/presse/mitteilungen.html )

Geplantes Distributionszentrum der Fa. IKEA bei Seligenstadt (Lkr. Würzburg)

Die Firma. IKEA Lager und Service GmbH plant auf einer Hochfläche nahe dem 150-Seelen-Ort Seligenstadt (Lkr. Würzburg) ein so genanntes „Distributionszentrum“. Das Plangebiet nimmt eine Fläche von ca. 363.000 m2 ein, wovon ca. 65% überbaut werden. Kernstück der Planung sind zwei hintereinander liegende Flachdachhallen mit einer Fläche von je 320 m auf 170 m und einer gestaffelten Höhe. Während im Außenbereich jeder Halle eine Höhe von ca. 12 m erreicht wird, ist in der Gebäudemitte ein Hochregallager vorgesehen, das sich wie ein Turm mit einer Fläche von ca. 105 m auf 112 m und einer Höhe von über 30 m hervorhebt.
Von diesem Verteilungslager aus sollen die IKEA-Häuser insbesondere in ganz Süddeutschland per Lkw beliefert werden. Der Wareneingangsverkehr (aus Süd- und Südosteuropa) soll als Zielvorgabe zu 40% über die Schiene abgewickelt werden, somit rollen mindestens 60% der eingehenden Waren ebenfalls über die Straße. Dies heißt, dass mindestens 80% des gesamten Warenverkehrs über die Straße laufen werden.
Aufgrund der Dimensionen der geplanten Baukörper und der guten Einsehbarkeit der Fläche, stellt das Vorhaben einen erheblichen Eingriff in das Landschaftsbild dar. Außerdem ist ein Lebensraum für zahlreiche Offenlandarten der Roten Liste Bayern betroffen, wie Rebhuhn (gefährdet), Wachtel (stark gefährdet), Schafstelze (Bestandsrisiko durch Rückgang), Grauammer (stark gefährdet), Rohrweihe (vom Aussterben bedroht), Wiesenweihe (vom Aussterben bedroht), Feldhase (gefährdet), Feldhamster (stark gefährdet). Wiesenweihe und Rohrweihe sind zudem gemäß Vogelschutzrichtlinie besonders geschützte Arten, weshalb es sich hier faktisch um ein europäisches Vogelschutzgebiet handelt. Das betroffene Gebiet ist Teil des bundesweit bedeutendsten Wiesenweihenbrutgebietes und wurde von „birdlife international“ in die Liste der „important bird areas“ aufgenommen (Mitteilung des Landesbundes für Vogelschutz). Über das Artenhilfsprogramm wird die Wiesenweihe (brütet hier in Getreidefeldern) vom Landratsamt gefördert. Der geschützte Feldhamster (Berner Konvention, Bundesartenschutzverordnung, Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie) hat hier ebenfalls einen bundesweit bedeutenden Verbreitungsschwerpunkt. Zudem würden beste landwirtschaftliche Böden versiegelt werden und eine zusätzliche Verkehrsbelastung mit über 100 Lkw täglich entstehen.

Angesichts der besonderen Bedeutung des geplanten Standortes für verschiedene, auch nach europäischem Recht geschützte Arten hat sich der Bund Naturschutz mit einer Beschwerde an die Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission in Brüssel gewandt und v. a. wegen der unzureichenden Alternativenprüfung auch die IKEA-Zentrale in Schweden direkt angeschrieben.

Schreiben an die IKEA-Zentrale in Schweden

In seinem Brief (vom 21.02.03) hat der 1. Vorsitzende des Bundes Naturschutz, Prof. Weiger, auf die zu erwartenden negativen Auswirkungen des Vorhabens auf das Landschaftsbild und seltene Arten, aber auch auf den drohenden Verlust bester landwirtschaftlicher Böden und die zusätzliche Verkehrsbelastung für die Anwohnerinnen und Anwohner im weiteren Umkreis hingewiesen. Dabei wurden auch weitere umweltbelastende Planungen der Firma IKEA in Fürth (102.800 m2 großer Neu- und Erweiterungsbau) sowie in Taufkirchen (Rodung von 75.000 m2 Bannwald für Möbelhaus und Parkplätze) aufgeführt.

Der BN hat mit Hinweis auf das bisherige positive Umwelt-Image von IKEA die Firmenleitung gebeten, von diesen Planungen Abstand zu nehmen und nach anderen natur- und umweltverträglichen Lösungen zu suchen.

Nachdem lt. Aussage des deutschen Geschäftsführers von IKEA, Herrn Inberger, auf dem Scoping-Termin am 26.04.02 in Estenfeld der Firma weitere attraktive Standortangebote vorliegen und auch die Internetrecherche des BN in Bayern gleich mehrere bereits ausgewiesene Gewerbegebietsstandorte entsprechender Größe gebracht hat, erwartet der Bund Naturschutz, dass die Firma IKEA den Standort Seligenstadt aufgibt und eine ernsthafte Alternativenprüfung vornimmt.

Gewerbegebiet „Dettelbach 2000“

Aufgrund seiner Größendimension, der exponierten Lage auf einer weithin einsehbaren Kuppe, der Missachtung raum- und regionalplanerischer Vorgaben, der fragwürdigen Genehmigungspraxis und der zahlreichen Konflikte, die sich aus diesem Projekt ergeben haben, wurde „Dettelbach 2000“ als einer der 21 Negativbeispiele für das „Schwarzbuch Gewerbegebiete Bayerns“ ausgewählt. Es ist damit repräsentativ für den respektlosen Umgang mit der freien Landschaft in diesem unseren Lande und soll als abschreckendes Beispiel dienen, das hoffentlich keine Nachahmer findet.