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Massive BN-Kritik am flächigen Gifteinsatz

Begiftung gegen Schwammspinner - Staatsregierung fördert Insektensterben in Eichenwäldern

02.05.2019

Der BUND Naturschutz in Bayern (BN) kritisiert massiv, dass die Forstverwaltung Eichenwälder mit dem Pestizid Mimic (Wirkstoff Tebufenozid) wegen einer Massenvermehrung des Schwammspinners vergiftet. Davon sind Eichenwälder auf einer Fläche von ca. 1.600 Hektar in etlichen Landkreisen in Ober-, Mittel- und Unterfranken betroffen. „Derartige flächige Vergiftungen der Eichenwälder vom Hubschrauber aus sind vor dem Hintergrund des sehr erfolgreichen Volksbegehrens „Artenvielfalt“ überhaupt nicht mehr zeitgemäß und ein verheerendes Signal zum Abschluss des Rundes Tisches Arten- und Naturschutz“, kritisiert Martin Geilhufe, Landesbeauftragter des BN. „Wir kritisieren diese flächigen Vergiftungen der artenreichen Eichenwälder massiv, weil dadurch das Artensterben gefördert wird, sogar in Schutzgebieten, in denen Arten eigentlich geschützt werden müssten.“ Dies steht in klarem Widerspruch zum erklärten Willen der Staatsregierung die Artenvielfalt zu fördern, deren Glaubwürdigkeit in Sachen Artenschutz damit auf dem Spiel steht. „Wir halten die Vergiftungen der Eichenwälder für unverantwortbar, weil das Risiko minimal ist, dass Eichenwälder durch den Schwammspinnerfraß flächig absterben“, so Ralf Straußberger, Waldreferent des BN. „Wir kritisieren zudem, dass die Eichenwälder vergiftet wurden, ohne dass für die betroffenen Flächen hinreichend erfasst wurde, ob schützenswerte und gefährdete Arten vorkommen.“ Das Pestizid wirkt nicht selektiv nur auf Schwammspinnerraupen, sondern kann alle an Blättern freifressenden Insekten, wie z.B. Schmetterlingsraupen töten. Mit diesem Insektensterben verlieren auch viele Fledermaus- und Vogelarten sowie Insektenarten wie der Laufkäfer Großer Puppenräuber wesentliche Teile ihre Nahrungsgrundlage, weil sie sich auch von Schmetterlingsraupen ernähren.

Staatlich organisiertes Insektensterben im Wald mit vielen Verfahrensmängeln

 „Wir kritisieren, dass die Forstverwaltung das Insektensterben im Wald forciert, ohne dass sie bisher belegen kann, dass die flächigen Gifteinsätze notwendig sind, um die Eichenwälder in ihrer Substanz zu erhalten“, so Straußberger. Der Fraß durch die Schwammspinnerraupen kann zwar auch zum Kahlfraß führen. Da die Eichen aber im Sommer i.d.R. einen Johannistrieb ausbilden, kommt es bei einem reinen Schwammspinnerfraß regelmäßig nur zum Ausfall einzelner Bäume. Dies schätzt selbst die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft so ein, dass sich die Ausfälle im Rahmen der üblichen Durchforstungen bewegen dürften. „Auch wenn wir nachvollziehen können, dass sich Waldbesitzer um ihren Wald sorgen, bedauern wir deren Entscheidungen ihre Wälder vergiften zu lassen“, so Geilhufe. Als besonders kritisch sieht der BN, dass die nach europäischen und nationalen Naturschutzgesetzen und –vorgaben erforderlichen Erfassungen von Schmetterlingen, Fledermäusen und Vögeln nicht wie vorgeschrieben für die Einzelflächen durchgeführt wurden. „Wenn die Forstverwaltung es ernst meint mit ihrer Antwort auf eine Anfrage aus dem Landtag[1], dass grundsätzlich Gebiete mit bekanntem Vorkommen gefährdeter Schmetterlinge vom Insektizideinsatz ausgenommen werden sollen, dann muss sie die betroffenen Gebiete auch auf entsprechende Vorkommen untersuchen und darf nicht wie bisher „beide Augen“ zudrücken“, so Straußberger. Der BN kritisiert auch methodische Mängel, die es unmöglich machen zu beurteilen, ob die Schwammspinnermassenvermehrung bereits am Zusammenbrechen ist, was einen Gifteinsatz überflüssig machen würde. „Wir halten es für völlig inakzeptabel, dass wir als BN bis zum Beginn der Vergiftungen trotz mehrfacher Nachfrage von den Forstämtern und vom Forstministerium keine aktuellen Informationen erhalten, welche Flächen von dem Gifteinsatz konkret betroffen sind“, kritisieren Geilhufe und Straußberger.

Drohendes Insektensterben in artenreichen Eichenwäldern

Die Vergiftungsaktionen in Eichenwäldern sind besonders gravierend, weil die Eiche von allem Baumarten den mit Abstand höchsten natürlichen Insektenreichtum aufweist. Auf keiner anderen heimischen Baum- oder Pflanzenart leben mehr Insektenarten als auf der Eiche. Vor allem bei pflanzenfressende Gliederfüßler-Arten ist die Vielfalt enorm: 305 Schmetterlingsarten, 208 Käferarten, 45 Gallwespen, 39 Wanzen, u.a.m.. Insgesamt sind es in Deutschland 699 Arten[2], die durch ein Fraßgift wie Mimic besonders bedroht sein können. Die Vergiftungsaktionen der Eichenwälder treffen alle frei fressenden Insektenarten, die sich von Blättern der vorhandenen Bäume, Sträucher, Gräser und Kräuter in diesen Wäldern ernähren, die mit dem Fraßgift benetzt werden. Wegen der Vielfalt an Insekten, Fledermaus- und Vogelarten stehen viele Eichenwälder unter Schutz.

Für Rückfragen:

Dr. Ralf Straußberger, BN-Waldreferent, Mobil 0171-738 17 24


[1] Antwort Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auf Anfrage MdL Ganserer, Grüne vom 01.02.2018

[2] Brunk, I., Sobczyk, T. & Lorenz J. (2017): Schutz des Naturhaushaltes vor den Auswirkungen der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln aus der Luft in Wäldern und im Weinbau; Umweltbundesamt Texte 21/2017, 250 S.