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Spessartwälder brauchen mehr Schutz

Naturschutzverbände kritisieren Verweigerungshaltung der BaySF

Offener Brief der Naturschutzverbände an staatliche Spessartforstbetriebe mit Diskussionsangebot

Naturschutzgebiet Metzger im Spessart, Foto: Michael Kunkel

27.03.2018

Die Naturschutzverbände BUND Naturschutz in Bayern, Landesbund für Vogelschutz, WWF Deutschland, Greenpeace Bayern, Zoologische Gesellschaft Frankfurt und der Verein "Freunde des Spessart" wenden sich in einem offenen Brief an die Mitarbeiter der Bayerischen Staatsforsten (BaySF) im Spessart und werben für mehr Naturwälder im Spessart und für ein Waldverständnis, das über die reine Holznutzung hinausgeht. Die Naturschutzverbände erkennen ausdrücklich an, dass sich die Unterzeichner des Offenen Briefs der BaySF-Spessartforstbetriebe an die Naturschutzverbände um den ihnen anvertrauten Staatswald sorgen und bemühen. Die Naturschutzverbände appellieren an die Beschäftigten der Staatsforsten, sich den geänderten gesellschaftlichen Anliegen zu stellen und sich den naturschutzfachlich notwendigen Veränderungen nicht zu verweigern. Es gibt keinen Alleinvertretungsanspruch der Forstseite für den Umgang v.a. mit den öffentlichen Wäldern, sondern darüber muss gesellschaftlich debattiert und in den politischen Gremien entschieden werden. Die Naturschutzverbände bieten den Förstern, den Bediensteten und der BaySF selbst eine offene und vorurteilsfreie Diskussion über die Zukunft der Spessartwälder an, die ja Wälder aller Bürger, also Bürgerwald sind.

Die Naturschutzverbände bedauern, dass es im Kern des offenen Briefs der BaySF-Förster darum geht, mehr Schutzflächen in den staatlichen Spessartwäldern zu verhindern. Dies steht in klarem Widerspruch zum Beschluss der Staatsregierung vom 18.07.17, wonach im Spessart "weitere substanzielle Maßnahmen zur Förderung des Natur- und Artenschutzes sowie für den Naturtourismus" zu ergreifen sind.

Mehr Naturschutz im Wald braucht gerade im Spessart auch Naturwälder

Die Naturschutzverbände fordern für die Staatswälder eine naturnahe Waldwirtschaft auf 90 % der Fläche und Naturwälder auf 10% der Fläche. Sie berufen sich dabei auf einen Beschluss der Bundesregierung zu der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt, wonach sich zehn Prozent der öffentlichen Wälder wieder natürlich entwickeln dürfen. Die Behauptung der BaySF-Förster in ihrem Offenen Brief ist falsch, worin sie den Naturschutzverbänden unterstellen, sie wollen Naturschutz im Wald nur durch "Stilllegung" erreichen. Dabei ist der Begriff "Stilllegung" fachlich irreführend. Nur die forstwirtschaftliche Nutzung liegt still - das Leben erblüht in einem Wald, der sich wieder frei entwickeln darf, weil hier - im Gegensatz zum Wirtschaftswald - die Bäume richtig alt werden dürfen. Zahlreiche Arten brauchen diese älteren Entwicklungsstadien der Wälder. Nun ist es sicher richtig, dass es in der naturnahen Waldwirtschaft auch in den Betrieben der BaySF Fortschritte gegeben hat. Das wird auch von den Umweltverbänden sehr begrüßt und anerkannt. Dennoch haben die Naturschutzverbände immer wieder auf erhebliche Defizite in der Forstwirtschaft im Spessart hingewiesen. Dabei gab es neben Großkahlschlägen in Großprivatwäldern auch Kritik an dem Umgang mit Staatswäldern: an kahlschlagartigen Nutzungen, an der Umwandlung alter Buchenwälder in Eichenplantagen, an größeren Biotopbaumfällungen, an der verbreiteten Einbringung und Förderung der fremdländischen Douglasie und an den verbreiteten Bodenschäden durch die schweren Forstmaschinen. Aber unabhängig von den nachgewiesenen Verbesserungen oder von den Defiziten in der Waldbewirtschaftung im Spessart ist es unumgänglich, dass sich ein Mindestmaß an Wäldern auch natürlich entwickeln darf. Das fachliche Ziel, unverletzte Waldökosysteme auf Teilflächen zu schützen, lässt sich nur ohne Holznutzung erreichen. Viele Waldarten haben zudem so hohe Ansprüche an ihren Waldlebensraum, dass diese in bewirtschafteten Wäldern kaum oder gar nicht erfüllt werden können. Deshalb sind auch viele an Urwälder gebundene Arten in Bayerns Wäldern ausgestorben oder viele Artengruppen der alten Wälder kommen nur noch ganz selten vor. Es gibt mittlerweile klare wissenschaftliche Belege, dass Naturwälder unersetzlich sind. Die aktuellen Konzepte der BaySF für den Spessart berücksichtigen dies nicht.

Kritik am überholten Selbstverständnis der BaySF-Spessartförster

Die Naturschutzverbände sehen das überholte Selbstverständnis der BaySF-Bediensteten kritisch, das sich daran festmacht, dass sie die Naturwaldentwicklung als Naturschutzinstrument ausschließen und stattdessen nur auf eine forstliche Nutzung setzen. Dieses Leitbild geht auf ein veraltetes und nicht mehr zeitgemäßes forstliches Selbstverständnis aus dem letzten Jahrhundert zurück.

Bereits 1925 wies die Forstseite Forderungen des ersten Deutschen Naturschutztages in München zurück, in Unterfranken Laubwälder konsequent zu schützen. Dem Naturschutzengagement im Wald wurde eine Absage erteilt, mit der Begründung, "wenn überhaupt, dann erledigen Förster den Naturschutz im Wald selbst". Fortgesetzt wurde dies in der "Kielwassertheorie" aus den 1960er Jahren, die besagt, dass im Regelfall die Forstwirtschaft im Zuge ihrer ordnungsgemäßen Holzproduktion alle übrigen Funktionen mit erledigt. Wie in dem Offenen Brief an die Naturschutzverbände deutlich wird, prägt diese Anschauung im Grundsatz leider bis heute das forstliche Verständnis von Naturschutz im Wald. Die Naturschutzverbände kritisieren den von der Forstseite vertretenen Alleinvertretungsanspruch für die öffentlichen Wälder, der gesellschaftliche Anliegen, naturschutzfachliche Erfordernisse und wissenschaftliche Erkenntnisse weitgehend ausblendet.

Angebot für fairen Dialog

Die Naturschutzverbände haben bereits im Dezember 2017 das Naturwaldverbund-Konzept an die Vorstände der BaySF geschickt und um eine fachliche Stellungnahme und ein Gespräch Anfang 2018 gebeten. Es gab bis heute keine Antwort darauf. Stattdessen erreichte uns der betreffende Offene Brief. Die Naturschutzverbände laden die Staatsforsten sowie die Kommunen, Parteien und Interessensvertretungen im Spessart zu einem fairen, offenen und transparenten Dialog über die Möglichkeit für "substanzielle Maßnahmen zur Förderung des Natur- und Artenschutzes" ein. Mit den Vorschlägen der Naturschutzverbände würde dieser Beschluss der Bayerischen Staatsregierung vom 18.07.2017 vorbildlich umgesetzt.

Hintergrund:

Die o.g. Naturschutzverbände haben von BaySF-Förstern und -Mitarbeitern aus dem Spessart einen offenen Brief erhalten, in dem sie sich kritisch äußern, dass die Naturschutzverbände Vorschläge für ein Naturwaldverbundsystem im Spessart in der Öffentlichkeit vorgestellt haben, das die Ausweisung größerer und kleinerer Naturschutzgebiete mit Nutzungsverzicht beinhaltet. Dazu legen die Naturschutzverbände nun in einem offenen Brief eine detaillierte Stellungnahme vor.

Den Wortlaut des Briefes finden Sie unten zum download

Für Rückfragen:

Sebastian Schönauer, BUND Naturschutz, stellv. Landesvorsitzender
Telefon: 06094 984 022

Dr. Bernd Kempf, Bürgerbewegung Freunde des Spessarts, 1. Vorsitzender, mobil: 0173-8834791

Volker Oppermann, Greenpeace Bayern, Leiter Naturwaldprojekt,
mobil: 0172-8307491

Hartwig Brönner, LBV-Kreisgruppe Main-Spessart, Vorsitzender, ,
mobil: 0162 1065659

Prof. Dr. Detlef Drenckhahn, WWF Ehrenpräsident,
mobil: 0151 18854941

Manuel Schweiger, Zoologische Gesellschaft Frankfurt, Wildnisreferent Telefon: 069-94344633