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Leben mit dem Wolf - mit gutem Herdenschutz

Unsere Vorfahren haben den Wolf ausgerottet. Über Jahrtausende hinweg entwickelte und bewährte Herdenschutzsysteme verschwanden damit aus dem öffentlichen Gedächtnis. Heute scheint es selbstverständlich, dass wehrlose Nutztiere sich frei in der Landschaft bewegen – für unsere Vorfahren wäre das undenkbar gewesen. Es wird Zeit, dass wir unsere Nutztierhaltung an die Rückkehr des Wolfes anpassen.

Herdenschutz ist notwendig: Wolf schaut mit gesenktem Kopf in die Kamera
Der Wolf jagt jene Tiere, die am einfachsten zu erbeuten sind (Foto: Ralph Frank)

Wölfe sind wie Hunde vor allem Fleischfresser. Sie sind auf keine bestimmte Tierart spezialisiert, sondern jagen, was in ihrem Revier lebt. Der Wolf kann dabei nicht zwischen Wild- und Nutztier unterscheiden. Er sucht sich wie jedes Wildtier die am einfachsten zu jagende Nahrung.

Das sind überwiegend junge, alte oder schwache Wildtiere – aber eben auch die problemlos zu erlegenden Schafe. Diese haben inzwischen so gut wie keinen Fluchtinstinkt mehr und stehen im oberbayerischen Gebirge unbewacht auf den Almen. Und der Wolf weiß nicht, dass sie im Gegensatz zu den Wildtieren jemandem gehören.

Wölfe und Schafe: Ein Nebeneinander ist möglich

Im bayerischen Alpenraum weiden auf knapp 1.400 Almen und Alpen mit einer Fläche von fast 41.000 Hektar etwa 100 Tage im Jahr (Juni bis September) rund 55.000 Nutztiere. Das sind insbesondere Rinder, für die von einem einzelnen Wolf aber keine Bedrohung ausgeht. Unter diesen Nutztieren befinden sich jedoch auch etwa 3.000 Schafe und Ziegen, insbesondere im Werdenfelser Land. Diese meist frei laufenden Tiere sind für den Wolf einfache Beute, denn sie sind tags wie nachts völlig ungeschützt. Sie leben ohne schützende Zäune, Schäfer oder Hunde. Die Hirten kommen meist nur in großen Abständen auf den Almen vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Im Interesse der Almbauern und des Wolfes braucht es statt dieser „Freiweide“ eine gelenkte Beweidung mit bereits in anderen Ländern erprobten Schutzmaßnahmen.

Speziell die ständige Behirtung unter Einsatz von Hüte- und Schutzhunden mit nächtlichem Zäunen (Pferchung) bietet in anderen Alpenländern einen optimalen Schutz vor dem Wolf (mehr zu den Erfahrungen in der Schweiz, siehe Link am Ende der Seite). Sinnvoll einsetzbar ist diese Methode jedoch erst bei größeren Herden. Deshalb sollten die Halter auf bayerischen Almen kleine weit verstreut weidende Schafherden zusammenlegen und so zum Beispiel durch einen gemeinsamen Hirten und gemeinsame Nachtpferche auch Kosten und Aufwand sparen. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) hat aus den Erfahrungen anderer europäischer Länder mit dem Herdenschutz einen umfangreichen Handlungsleitfaden für Viehhalter erstellt.

Der Königsweg: Permanente Behirtung mit Herdenschutzhunden

Optimaler Herdenschutz: Zwei Herdenschutzhunde bewachen Schafe
Gut ausgebildete Herdenschutzhunde verteidigen die Herde gegen Wölfe (Foto: AGRIDEA)

Schutzhunde werden seit Jahrtausenden eingesetzt, um Nutztiere vor Wolf, Luchs oder Bär zu schützen. Oft reicht es bereits aus, wenn ein gut ausgebildeter Hund bei der Herde ist, sein Revier ständige abläuft und markiert und sich nähernde Beutegreifer verbellt. In der Regel versuchen diese, einen unnötigen Kampf zu vermeiden und suchen sich stattdessen eine leichter zugängliche Beute. In Zusammenarbeit mit einem Hirten und einem Nachtpferch stellen Herdenschutzhunde daher einen sehr effektiven Schutz für Nutztierherden dar.

Herdenschutzhunde sind allerdings nicht mit gewöhnlichen Hütehunden zu verwechseln. Hütehunde (oft z. B. Schäferhunde oder Border Collies) sind dazu ausgebildet, eine Herde zu lenken und damit dem Hirten bei der Arbeit zu helfen. Sie sind auf ihr „Herrchen“ fixiert und folgen diesem bei guter Ausbildung aufs Wort. Herdenschutzhunde hingegen wachsen im Schafstall auf und sind deshalb komplett auf das Zusammenleben mit diesen Tieren sozialisiert. Sie leben auf der Weide mit den Schafen und verteidigen diese und das entsprechende Gebiet vehement. Die dafür geeigneten Hunde (z. B. Maremmano Abruzzese, Patou des Pyrénées) kommen in nahezu jedem Gelände zurecht und organisieren die Verteidigung der Herde selbstständig. Die zusätzliche Anwesenheit eines Hirten verbessert die Schutzwirkung allerdings erheblich. Je nach Größe der Herde und Anzahl der Beutegreifer in der Region braucht es zwei bis mehrere Schutzhunde pro Herde.

Ein Herdenschutzhund sollte laut Bayerischer Landesanstalt für Landwirtschaft (LFL) folgende Anforderungen erfüllen:

  • Gehorsam gegenüber Halter
  • Zugehörigkeitsgefühl zur Nutztierherde
  • Hohe Aufmerksamkeit
  • Erkennen und fernhalten von Störungen
  • Geringe Aggressivität gegenüber Menschen außerhalb der Herde
  • Verträglichkeit mit eventuell vorhandenen Hütehunden

Entsprechend gut ausgebildete Hunde sollten immer bei einem anerkannten Züchter gekauft werden. In der Schweiz gibt es bereits ein gut funktionierendes System von mobilen Herdenschutzhunden, die von Fachleuten ausgebildet und dann an Schafhalter verliehen werden. 

Vorbehalte gegen die Behirtung mit Herdenschutzhunden

Der Wolf bedeutet eine Herausforderung für den Herdenschutz. Ein Wolf schaut hinter einem Baum hervor.
Chance und Herausforderung in Sachen Herdenschutz: der Wolf (Foto: Ralph Frank)

Teilweise wird befürchtet, dass es zu Problemen zwischen Herdenschutzhunden und Naturnutzern in Tourismusgebieten kommt. Es hat sich aber gezeigt, dass Konflikte vermieden werden können, wenn die Schafhalter auf gut ausgebildete Hunde und eine gute Kommunikation mit der Öffentlichkeit Wert legen. Die schweizerische Agridea hat einen Ratgeber „Herdenschutzhunde im Weidegebiet“ ausgearbeitet, der eine gute Orientierung bietet.

Er enthält Empfehlungen und Checklisten für Schafhalter in Tourismusgebieten. Das Gelingen des Zusammenlebens von Herde, Hund und Touristen hängt auch sehr stark von einer guten Aufklärung der Öffentlichkeit ab. Hinweisschilder mit Verhaltenstipps, entsprechende Flyer in Tourismusbüros und Gaststätten sind hier eine große Hilfe.

Wie die Natur profitiert

Auch die Natur profitiert von einer gelenkten Beweidung mit permanenter Behirtung und Nachtpferchen. Wertvolle Biotope in den Alpen sind oft auf eine extensive Beweidung angewiesen. Damit diese aber auch tatsächlich naturverträglich ist, müssen die Schafe zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort sein. Bei zu intensiver Beweidung richten Verbiss, Trittschäden, Erosion und zu viel Nährstoffeintrag mehr Schaden als Nutzen an. Der Hirte kann hier lenkend eingreifen und Über- oder auch Unterbeweidung verhindern und somit die positiven Effekte für schutzwürdige Biotope verstärken. Sofern eine Zusammenlegung von Herden nötig ist, dürfen die Schafzahlen nicht erhöht und die Beweidung nicht auf ungeeigneten Flächen intensiviert werden. Der Wolf darf weder Anlass für eine Intensivierung noch für eine Aufgabe der Schafbeweidung sein – beides wäre kontraproduktiv für die Biodiversität.

Kritik am derzeitigen Managementplan Wolf

Jede Region hat ihre Besonderheiten. Trotzdem kann Bayern sehr vieles übernehmen, was anderswo gut funktioniert. Herdenschutz-Experten und Nutztierhalter müssen jetzt gemeinsam regional angepasste Lösungen entwickeln. Konflikte können so minimiert werden, wie es die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt.

Der BUND Naturschutz wünscht sich hier mehr politische und finanzielle Unterstützung für die Tierhalter. Wichtig ist, jetzt vorausschauend ein Förderprogramm für den Herden- und Nutztierschutz in Wolfsgebieten aufzulegen und nicht zu warten, bis wieder ein Wolf in Bayern auftaucht. Der BN und die weiteren Trägervereine der Arbeitsgruppe „Große Beutegreifer“ (Landesbund für Vogelschutz und WWF) kritisieren diesbezüglich den vorliegenden Managementplan Wolf Stufe II. Darin fehlen konkrete Konzepte und Maßnahmen um neue Arten des Herdenschutzes zu erproben und auf andere Beweidungskonzepte umzustellen. Alle konkreten Maßnahmen werden auf eine unbestimmte Zukunft verschoben, ohne die nötige Vorlaufzeit von schätzungsweise zwei Jahren einzuplanen. Die Verbände der Trägergemeinschaft haben diese Lücken während zahlreicher Sitzungen der AG „Große Beutegreifer“ aufgezeigt und Nachbesserungen gefordert, die aber nie umgesetzt wurden.

Dass der Wolf auch bei vorbildlichem Herdenschutz das eine oder andere Schaf frisst, wird nicht zu verhindern sein. Dadurch sollten sich BUND Naturschutz und Almbauern jedoch nicht auseinanderdividieren lassen. Letztendlich handelt es sich bei Wolfsrissen ebenso um Naturereignisse wie bei Blitzschlag oder Abstürzen im steilen Gelände. Vorkommnisse also, durch die Almbauern immer schon Tiere verloren haben und auch immer wieder verlieren werden. Für Schäden durch Wolfsrisse erhalten die Nutztierhalter Schadenersatz aus dem Ausgleichsfonds Große Beutegreifer, den der BUND Naturschutz gemeinsam mit dem LBV, WWF, dem Landesjagdverband (LJV) und dem Bayerischen Naturschutzfonds finanziert.


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