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Hochwasserkatastrophen sind Menschenwerk

Hochwasser an Flüssen und Bächen ist ein natürliches Phänomen: Während der Schneeschmelze oder stärkerer Niederschläge steigen die Pegel an. Die Natur profitiert, da das Wasser Nährstoffe in die Auen bringt, Fische und Amphibien ruhige Laichplätze finden und zahlreiche Vogelarten entlang der wassergefüllten Mulden und Flutrinnen auf Nahrungssuche gehen. Doch diese natürliche Dynamik der Flüsse wird immer häufiger zur Katastrophe für den Menschen.

Foto: fotolia.com/Stefan Bauer

Hochwasserkatastrophen gehen meist auf extreme Niederschläge zurück, doch immer ist auch der Mensch im Spiel. Wir haben in den letzten Jahrzehnten unsere Landschaft systematisch so umgebaut, dass sie „das Wasser nicht mehr halten kann“:

  • Immer mehr Fläche wurde versiegelt,
  • Wälder wurden gerodet,
  • Bäche und Flüsse begradigt und gestaut, ihrer Überschwemmungsflächen beraubt und zwischen viel zu enge Deiche gezwängt.

Die deutschen Flüsse haben nur noch rund 20 Prozent ihrer früheren natürlichen Überschwemmungsfläche, in Bayern sind 90 Prozent der Fließgewässer verbaut. Das kann nicht gut gehen. Wo das Land kein Wasser mehr aufnehmen kann und die Fließgewässer begradigt sind, fließt immer mehr Wasser immer schneller zusammen. Spätestens in den großen Flüssen sammelt sich dann innerhalb kurzer Zeit so viel Wasser an, dass die verbliebenen Überschwemmungsflächen nicht mehr ausreichen und Deiche brechen.

Ökologischer vor technischem Hochwasserschutz

Hochwasser in der Fluss-Aue (Foto: Willner)

Bis heute ist die Wasserwirtschaft überwiegend fixiert auf immer höhere Dämme und den Bau von Flutpoldern. Doch höhere Deiche bieten den Anwohnern nur eine trügerische Sicherheit und verschärfen die Hochwassergefahr für die Unterlieger. Dämme und Flutpolder können Hochwasserspitzen lediglich kappen, aber die Hochwasserwellen nicht dämpfen oder zeitlich verzögern.

Damit Hochwasser nicht wieder in Katastrophen mündet, reicht der technische Hochwasserschutz nicht aus. Gefordert ist ein Paradigmenwechsel: Vorrang für die naturnahen Maßnahmen, die durch technische Maßnahmen ergänzt werden – und nicht umgekehrt! Zu einem ganzheitlichen, flächendeckenden und ökologischen Hochwasserschutz gehören 

  • eine aktive Klimaschutzpolitik,
  • die Schaffung von natürlichen Überschwemmungsräumen an Gewässern aller Größenordnungen mit Renaturierung der Gewässerläufe und der Auen,
  • der Stopp weiterer Flächenversiegelung,
  • die Durchsetzung von Bauverboten auch für Straßen in Überschwemmungsgebieten und
  • eine Agrarförderpolitik, die eine bodenverbessernde und Wasser rückhaltende Land- und Forstwirtschaft wieder ermöglichen.

Beispielhaft für die Reaktivierung von natürlichen Wasserrückhalteräumen sind die zum Teil schon durchgeführten Deichrückverlegungen an der mittleren Isar. Der Auwald zwischen München und Freising hatte beim Hochwasser 2005 den Scheitelabfluss um rund 20 Prozent des Gesamtabflusses verringert und das Hochwasser verzögert. Mit einer Deichrückverlegung gewinnen der Hochwasserschutz und die Aue, deren Lebensräume weitgehend zerstört und gefährdet sind. Die natürliche Überflutung von Auen entschärft die Hochwassergefahren für die Menschen und belebt die Lebensräume der Aue.