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OHNE AUTOBAHN KEINE ARBEITSPLÄTZE?

Gerade in Zeiten der Globalisierung seien Autobahnen die Lebensadern der Wirtschaft. Wer das nicht einsehe - so wird immer wieder gewarnt - setze Arbeitsplätze aufs Spiel. 

Die Verkehrsanbindung ist oft kein entscheidender Faktor bei der Arbeitsplatzsituation (Foto: VRD/fotolia.com)

Da natürlich auch Umweltschützer keine Arbeitsplätze gefährden wollen, fühlen sie sich oft in einer Zwickmühle. Die tatsächlichen Zahlen zeigen jedoch ein völlig anderes Bild: Die Bundesagentur für Arbeit hat im Juli 2017 die Arbeitslosenquoten für alle bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte veröffentlicht. Legt man auf diese Karte das Netz der bayerischen Autobahnen, so lässt sich keinerlei Zusammenhang zwischen der Nähe zu Autobahnen und der Beschäftigung erkennen. Es gibt Gebiete mit Autobahnen und geringer Arbeitslosigkeit und es gibt das krasse Gegenteil. 

Nah an der Autobahn, hohe Arbeitslosigkeit

Die Stadt Hof wird direkt eingerahmt von der A 9, der A 72 und der A 93. Nach "herrschender Lehre" müsste also dort eine besonders niedrige Arbeitslosenquote zu finden sein. Genau das Gegenteil ist der Fall: Hof hat mit 6,9 Prozent die höchste Arbeitslosigkeit in Bayern. Auch die Stadt mit der zweithöchsten Arbeitslosigkeit, nämlich Schweinfurt (6,4 Prozent), ist direkt an der A 70 und der A 71 gelegen. Zudem sind es zur A 7 nur wenige Kilometer. Ähnlich im Landkreis Wunsiedel. Durch ihn geht in voller Länge die A 93, die A 9 verläuft nahe der westlichen Landkreisgrenze. Dennoch herrscht dort mit 4,2 Prozent eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit. Auch der Landkreis Bad Kissingen (3,1 Prozent) liegt über dem bayerischen Durchschnitt, trotz A 7 und A 71.

Natürlich existieren auch umgekehrte Beispiele, also Landkreise mit Autobahn und niedriger Arbeitslosigkeit. Aber es gibt eben keinerlei erkennbaren Zusammenhang. Im Gegenteil, es gibt in Bayern Landkreise ohne Autobahn, in denen die Arbeitslosenquote dennoch sehr niedrig ist. 

Weit von der Autobahn, geringe Arbeitslosigkeit

So gehört beispielsweise der Landkreis Cham im Bayerischen Wald mit 1,9 Prozent zu den  Landkreisen mit der geringsten Arbeitslosigkeit in Bayern. Aber ausgerechnet dort gibt es keine Autobahn. Von der Kreisstadt sind es 35 km zur A 3 und 49 km zur A 93. Von den weiteren Städten Furth im Wald sind es 69 km und 51 km, von Waldmünchen 46 km und 54 km. Ebenfalls nur 1,9 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote im autobahnlosen Landkreis Donauries. 

Im Landkreis Freyung-Grafenau, auch ohne Autobahn, ist man mit einer Arbeitslosigkeit von 2,3 Prozent ebenfalls deutlich besser als der Durchschnitt, obwohl es bereits von der Kreisstadt 40 km zur nächsten Auffahrt auf die A 3 sind. Besonders laut nach einer Autobahn ruft man im Landkreis Kronach. Dessen Industrieschwerpunkte liegen im Norden. Zur A 73 sind es von Tettau 36 km, von Steinbach/Wald 41 km und von Ludwigsstadt 50 km. Zur A9 ist es ähnlich weit, aber besonders bergig. Dennoch ist der Landkreis Kronach mit 2,8 Prozent besser als der bayerische Durchschnitt.

A 94 im Isental: ARBEITSPLATZVERLUST WEGEN AUTOBAHN

Jahrzehntelang erklärte die alteingesessene Firma „Meindl-Ziegel“ im oberbayerischen Dorfen, Landkreis Erding, sie müsse demnächst schließen oder ins Ausland verlagern, wenn nicht endlich die A 94 käme. Ebenso lange führten viele Menschen im Isental einen hartnäckigen Kampf gegen diese Planung. Anstatt den Bau einer neutrassierten Autobahn forderten sie den Ausbau der bestehenden B12.

Verlust für Mensch und Natur, kein Gewinn für Arbeitsmarkt

Die ehemalige Ziegelei Meindl (Foto: Andreas Hartl)

Leider konnten die Bürgerinitiative und der BUND Naturschutz diesen beispielhaften Kampf nicht gewinnen. Nach politischen Niederlagen und verlorenen Prozessen kam im November 2015 die endgültige Realisierungsnachricht für die A 94: Der ÖPP-Vertrag ist abgeschlossen, Fertigstellung der A94 ist somit verbindlich im Jahr 2019. Die jahrzehntelange Forderung des Unternehmens wurde also nun erfüllt.

Vier (!) Tage später, am 28. November 2015, meldet die Creaton AG – seit längerem Eigentümer von Meindl –, dass sie leider ihr Werk schließen müsste, es sei nicht mehr rentabel. Dabei waren vor vier Jahren noch 2 Mio. Euro in eine neue Produktionslinie investiert worden. Aber die Wirklichkeit ist, dass das über 20 Hektar großes Betriebsgelände direkt an der Auffahrt zur künftigen A 94 liegt – es ist offensichtlich, dass die Firma Creaton hier durch Verkauf oder Verpachtung eine höhere Rendite erzielen kann, als durch das Brennen von Dachplatten. Zumal man mittlerweile nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in Ungarn Werke hat, die die bisherige Dorfener Produktion übernehmen werden. Dorfen verliert also jetzt, wegen der Autobahn, einen seit mehr als 100 Jahren ansässigen Betrieb mit rund 80 Arbeitsplätzen für unterschiedlichste Qualifikationen.

Firma geschlossen, weil Autobahn kommt

Die jahrzehntelange Propaganda des Unternehmens  - ohne Autobahn müsse man demnächst abwandern  - hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Denn erstens hatte man noch 2011, als Finanzierung und Baubeginn der A 94 völlig unklar waren, zwei Millionen Euro in das Dorfener Werk investiert. Die Verkehrsanbindung war also in der Vergangenheit in keiner Weise ein wichtiger Faktor. Und für die Zukunft wird es vollkommen paradox: Die Schließung des Dorfener Werkes wurde genau dann beschlossen, als durch den ÖPP-Vertrag Bau und Fertigstellung unumstößlich verankert wurden. 

Die 80 Arbeitsplätze wurden also nicht - wie generell so gern behauptet wird - von Autobahngegnern und Umweltschützern vernichtet. Im Gegenteil: 40 Jahre lang funktionierte der Ziegeleibetrieb ohne Autobahn. Geschlossen wird er nun, weil die Autobahn kommt. Denn das Kapital, sprich das 20 Hektar große Betriebsgelände, verspricht nun in einer anderen Verwendung eine höhere Rendite. Und diese wird vom Eigentümer realisiert. 

Natürlich kann es sein, dass dort künftig sogar mehr Arbeitsplätze entstehen. Ökologisch und ökonomisch bleibt es dennoch ein Skandal. Durch die jahrzehntelange Propaganda, das Unternehmen brauche dringend die Isentalautobahn, wurde die falsche Trassenentscheidung unterstützt. Es wird eine einmalige Landschaft zerstört und die Isentalautobahn kostet – verglichen mit dem Ausbau der B 12 – den Steuerzahler mehrere Hundert Millionen Euro zusätzlich.

Fazit

Der oft behauptete Zusammenhang zwischen Arbeitsplätzen und Autobahnen lässt sich in keiner Weise belegen. Wie auch in der Wissenschaft zunehmend erkannt wird, sind andere Faktoren ungleich wichtiger für die Standortwahl. Seien es geeignete Grundstücke, gute Fachkräfte, die Höhe der Gewerbesteuer oder, nicht zu unterschätzen, die "weichen" Standortfaktoren. Und was die laufenden Kosten anbelangt, liegen die Transportkosten für die Betriebe (Ausnahme Speditionen) ohnehin weit hinter Löhnen, Finanzierungskosten, Rohstoffen, Wechselkurs, Ölpreis, und anderem zurück. Mit Arbeitsplätzen jedenfalls lassen sich weitere Straßenbauorgien in unserem so gut erschlossenen Land nicht begründen.