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Wirtschaft braucht Wachstum

"Nur wenn wir ein beständiges Wachstum haben, funktioniert unsere Wirtschaft. Andernfalls sinkt der Wohlstand aller Menschen im Land." Wirklich?

Wirtschaft und Wachstum: Was besagt das Bruttolinlandsprodukt? (Foto: Marco Scisetti/fotolia.com)
Wirtschaft und Wachstum: Was besagt das Bruttolinlandsprodukt? (Foto: Marco Scisetti/fotolia.com)

Sagt der Bäcker zur Bäckerin: „Dieser Monat war besonders gut, unser Umsatz ist um 16 Prozent gestiegen.“ Die Bäckerin stutzt, schaut in die Bücher. „He Bäcker, geht's noch?“ fragt sie ihren Mann, „Du hast ja die Reparaturkosten für den Lieferwagen auch mit gezählt. Und die Rechnung für diese ärgerliche Software-Havarie. Mann, das hat uns doch alles nur geschadet - lern endlich mal, wie man eine seriöse Gewinn- und Verlustrechnung macht!“ Der Bäcker reagiert beleidigt. „Aber ich mach's doch haargenau wie beim Bruttoinlandsprodukt, ich zähl alles zusammen. In diesem Monat ist es eben mehr, also geht's uns besser.“

Bruttoinlandsprodukt - als Messlatte ungeeignet

Es ist tatsächlich so. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zählt – wie der Mann der Bäckerin – einfach alle Zahlungsvorgänge zusammen. Denn das BIP will einfach wissen, wieviel in einer Volkswirtschaft produziert wird und wie viele Dienstleistungen erbracht werden. Das ist sicherlich eine interessante Statistik für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft im Land – aber mehr ist es nicht und darf es nicht sein.

Weil das BIP eben nicht sagen kann, ob die Lebensverhältnisse der Menschen besser oder schlechter werden. Es zählt ja nur alles zusammen, ganz gleich, ob es eine tatsächliche "Wertschöpfung" ist oder eher eine "Schadschöpfung." Die Bäckersleute beispielsweise haben die Reparaturkosten für Lieferwagen und Computer bestimmt nicht als Steigerung ihrer Lebensqualität eingestuft. 

Genauso wenig wie sich die Anrainerin über den neuen Flughafen freut. Aber die 14,90 Euro, die sie wegen des Lärms nun für Schlaftabletten ausgeben muss, die lassen das BIP um genau weitere 14,90 Euro wachsen. Oder wenn in Deutschland 100 Kommunen wegen der Agrargifte im Trinkwasser tiefere Brunnen brauchen, dann steigern alle Rechnungen der Bohrfirmen das BIP. Und wenn nach einem durch den Klimawandel verschärften Hochwasser neue Möbel angeschafft werden müssen, erhöht auch das das BIP. 

Nun wäre das nicht weiter schlimm, wenn das BIP nur eine der vielen Orientierungsgrößen aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wäre. Tatsächlich jedoch gilt sie als die zentrale Größe der Wirtschaftspolitik. Je kräftiger das BIP steigt, umso besser steht es um das Land - so ist die vorherrschende politische Meinung. Stagniert es, oder geht es gar zurück, herrscht Katastrophenstimmung. Dann muss das Wachstum wieder angekurbelt werden, koste es was es wolle. Da muss "die Umwelt eben zurückstehen", weil ja sonst der ganze Wohlstand zusammenbricht. Können dann wieder positive Zahlen vermeldet werden, ganz gleich, warum, dann freuen sich Wirtschafts- und Finanzminister um die Wette. Genauso  wie der etwas schlichte Mann der Bäckermeisterin.

Fazit

Das BIP ist zur Messung der Lebensqualität absolut ungeeignet. Deshalb sollten wir Ökologen uns auf keine Diskussionen über die "Höhe" der Wachstumsrate einlassen. Auch die Forderung nach "Nullwachstum" hilft nicht weiter. Wir sollten stattdessen diskutieren: "Was soll wachsen, was soll ungefähr gleich bleiben und was soll sinken?" Soll es mehr Lehrer und Solarenergie geben oder mehr Autobahnplaner und Kohlestrom? Soll der Biolandbau unterstützt werden oder die industrielle Landwirtschaft? Wollen wir auch schwächeren Ländern Chancen lassen oder unseren Exportüberschuss immer weiter nach oben treiben? Mit diesen Fragen entscheiden wir darüber, wie wir morgen leben wollen, welche Welt wir für unsere Enkel wünschen. Das ist übrigens Politik. Und es ist eine ungleich intelligentere Politik, als jedes Quartal lediglich auf eine das BIP beziffernde Prozentzahl zu starren, aus der niemand ersehen kann, ob sie unsere Lebensqualität steigert oder senkt.