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Flächenfraß in Bayern – Alternativen für ein unterschätztes Problem

Der Flächenverbrauch ist im Alltag nicht so präsent wie etwa Müllvermeidung oder Energiesparlampen. Dabei betreffen die Folgen von Flächenfraß nicht nur ein gestörtes Landschaftsbild, sie reichen viel weiter: Natur und Artenvielfalt werden beeinträchtigt, Arbeits- und Einkaufswege verlängern sich, Lärm- und Luftbelastung nehmen zu. Der BUND Naturschutz in Bayern e.V. (BN) zeigt, dass wirksamer Flächenschutz nicht nur der Natur hilft, sondern auch die Lebensqualität erhöht.

Luftaufnahme der Bodenversiegelung durch eine Straßenverkehrslösung: der „Los Angeles-Kreisel“ in Gersthofen bei Augsburg. (Foto: Klaus Leidorf)
Oft wird das Ausmaß des Flächenverbrauchs erst aus der Luft sichtbar: Der sogenannte „Los Angeles-Kreisel“ in Gersthofen bei Augsburg. (Foto: Klaus Leidorf)

Rund 13 Hektar unbebauter Fläche werden in Bayern derzeit täglich „verbraucht“. Das entspricht einer Größe von etwa 18 Fußballfeldern nach FIFA-Standard. Rund die Hälfte davon wurden für Siedlungszwecke genutzt, ein Viertel für Straßen- und Verkehrswege sowie ein weiteres Viertel für Gewerbe- und Industrieflächen. Wohn- und Gewerbegebiete schießen wie Pilze aus dem Boden. Der Flächenfraß Bayern ist eines der größten regionalen Umweltprobleme unserer Zeit – und wird von vielen kaum wahrgenommen. Das bayerische Landschaftsbild ist allseits geschätzt, das wissen nicht nur die Bewohner, sondern auch die zahlreichen Touristen im Freistaat. Durch Landschaftszerschneidung gerät die Artenvielfalt weiter unter Druck, Tieren und Pflanzen fehlt nicht nur die Fläche selbst, sondern auch die Vernetzung der Lebensräume zum Austausch ihres Genpools. Und nicht zuletzt werden durch die Erschließung fruchtbare Bodenressourcen für immer vernichtet.

Flächenfraß kurz erklärt

Wozu werden Flächen "verbraucht"?

Wird Boden land- oder forstwirtschaftlich genutzt, so spricht man nicht von einem „Verbrauch“. Anders bei Bauvorhaben und Versiegelung, hier gehen die Bodenfunktionen verloren – selbst nach Aufgabe von Straßen oder Gebäuden wird in den wenigsten Fällen rückgebaut oder reaktiviert: Von den knapp dreizehn Hektar Boden, die in Bayern durchschnittlich jeden Tag „verbraucht“ werden, wird die Hälfte für neuen Wohnraum und je ein Viertel für Gewerbeansiedlungen und Verkehrswege verwendet.

Welche Probleme entstehen durch den Flächenverbrauch?

Werden Flächen versiegelt und verbaut, so ist dies auf zwei Ebenen problematisch: Die direkte Folge ist ein Verlust der natürlichen Funktion, an fruchtbarem Boden, Lebensraum für Pflanzen und Tiere und damit an Artenvielfalt. Zudem werden zusammenhängende Biotope gespalten und wird das Landschaftsbild gestört. Als indirekte Folge erhöht die sogenannte Zersiedelung das Verkehrsaufkommen mit allen negativen Konsequenzen als Luft-, Lärm- und Klimabelastung. Arbeits- und Einkaufswege verlängern sich, das kostet die Menschen Zeit und Geld und schließlich Lebensqualität, wenn Infrastruktur und Gemeinschaftsleben aus den Ortskernen verschwinden.

Welche Alternativen gibt es?

Auf den Punkt gebracht: Bestandschutz und -modernisierung vor Neubau. Für das Gewerbe bedeutet dies Unterstützung für den Erhalt bestehender Standorte und innerörtliche Neubauten. Im Bereich Verkehr gelten die Stichwort Vermeidung und Verlagerung auf nachhaltigere Verkehrsmittel. Für das Wohnen gilt ein Mix aus Umdenken und „Down-Sizing“: Wer auf das Häuschen im Neubaugebiet verzichtet und auf weniger Raum im Ortskern lebt, gewinnt Lebensqualität durch kurze Wege, geringere Ausgaben für Mobilität und ein angenehmes Ortsklima.

Was fordert der Bund Naturschutz?

Aktuell wird das Problem Flächenfraß von der Politik nicht konsequent angegangen, nötig wären unter anderem:

  • Festschreibung des Zielwertes des Flächenverbrauchs im Landesentwicklungsprogramm und Ausweisung von Eignungsgebieten im Regionalplan
  • Stärkung der Innenentwicklung von Kommunen und Flächenverträglichkeitsprüfung
  • Straßenneubauten vermeiden
  • gerechtere Verteilung von Gewerbesteueraufkommen
  • Landesplanung an das Umweltministerium zurückverlagern

Weitere und ausführliche Forderungen des BN finden Sie hier.

Was unternimmt die Politik?

Im November 2017 wurde von der bayerischen Staatsregierung das sogenannte Anbindegebot im Landesentwicklungsplan gelockert: Gewerbegebiete können unter bestimmten Voraussetzungen nun auch ohne direkte Anbindung an eine Gemeinde genehmigt werden – das schafft neue Anreize zum Flächenverbrauch. Auf der anderen Seite ist auch der Politik das Problem bewusst, wurde bereits 2003 ein „Bündnis für Flächensparen“ ins Leben gerufen, bislang allerdings mit überschaubarem Erfolg.

Was kann ich selbst tun?

Ziehen Sie (selbst-)kritisch Bilanz: Wie viele Flächen beanspruchen Sie durch Ihr Wohnen und Arbeiten, durch Verkehr und Freizeit? Wenn Sie einen Ortswechsel planen: Berücksichtigen Sie in Ihren Überlegungen auch neue Wege und den eventuell damit verbundenen zusätzlichen Flächenverbrauch. Kaufen Sie im Ortskern ein und nicht bei Online-Händlern oder im Einkaufspark. Setzen Sie sich bei Unterschriftenaktionen, Petitionen oder der Gemeindeverwaltung gegen die Ausweisung neuer Gewerbe- und Baugebiete ein.

Fakten im Überblick

  • Etwa 13 Hektar Fläche werden in Bayern täglich verbraucht, das entspricht 130.000 Quadratmetern und damit knapp 18 Fußballfeldern (Stand 2016).
  • Bayern führt beim Flächenverbrauch im Ranking der Bundesländer.
  • Gemäß der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie soll der Flächenverbrauch in Deutschland bis 2020 auf unter 30 Hektar pro Tag und bis zum Jahr 2050 auf null (Netto-Null-Prinzip) verringert werden. Verteilt auf die Bundesländer ergibt sich für Bayern daraus ein Flächenziel von 4,7 Hektar pro Tag im Jahr 2020. Auch in der Bayerischen Nachhaltigkeitsstrategie wird langfristig eine Flächenkreislaufwirtschaft ohne weiteren Flächenneuverbrauch angestrebt.
  • Im aktuellen Bundesverkehrswegeplan hat Bayern die meisten Straßenbauprojekte durchgesetzt.
  • Etwa 50 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche sind in Bayern versiegelt. Hier kann kein Wasser mehr eindringen. Die andere Hälfte wird zwar nicht versiegelt – etwa bei Frei- und Erholungsflächen –, doch auch sie sind der freien Landschaft entzogen.
  • Das Artensterben ist vielfach direkt auf den Verlust von Lebensräumen und damit auf Flächenverbrauch zurückzuführen.
  • Immer weniger Flächen werden in Bayern landwirtschaftlich genutzt, stattdessen nehmen Nahrungs- und Futtermittelimporte zu.
  • Ein gesundes „Biotop Boden“ erfüllt überlebenswichtige Funktionen: als Nährstoffreservoir, Lebensraum und – ganz entscheidend – zur Filterung und Speicherung von Trinkwasser
  • Extremwetterereignisse nehmen in Folge des Klimawandels zu, plötzliche Hochwasser sind auch auf versiegelte Böden zurückzuführen, die kein Wasser mehr aufnehmen und speichern können.
  • Landschaft und Erholungsraum sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der Tourismus ist für Bayern eine Leitökonomie – durch den Flächenverbrauch wird dieses Kapital aufs Spiel gesetzt. Das Tourismusland Nr. 1 in Deutschland zählt auch zu den führenden Ganzjahreszielen in Europa: 2016 gab es 100 Mio. Gästeübernachtungen, rund 30 Mrd. Euro geben Touristen hierzulande jährlich aus.
  • Pendeldistanzen von Wohnort zu Arbeitsplatz werden immer länger, zum Schaden von Natur und Menschen: zwischen 2000 und 2014 erhöhte sich die mittlere Strecke um 20 Prozent auf 10,5 Kilometer.
  • Gewerbe- und Wohngebiete am Ortsrand führen vielerorts zur Verödung der Innenstädte und tragen zu Existenzproblemen des Einzelhandels bei.

Nachhaltige Stadtentwicklung erhöht die Lebensqualität

Ein neues Haus wurde in einer Baulücke im historischen Ortskern errichtet. Maßnahmen wie diese begrenzen den Flächenfraß Bayern. (Foto: BN-Archiv)
Für diesen Neubau im traditionellen Stil wurde eine Baulücke im historischen Ortskern gegenüber der Kirche genutzt. (Foto: BN-Archiv)

Unter dem Flächenfraß leidet jedoch nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch. Durch längere Wege zur Arbeit, zum Einkaufen oder sozialen Aktivitäten verbringen die Einwohner immer mehr Zeit im Auto oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das kostet Geld und Lebenszeit – und es widerspricht den Zielen von Klimaschutz und Energiesparen.

Das Problem ist vielschichtig: Werden neue Flächen erschlossen, so folgen neue Straßen, Ortsumfahrungen, mehr (Auto-)Verkehr. Ob Wohn- oder Gewerbegebiet am Ortsrand: Innenstädte veröden, die durch den Onlinehandel bereits geschwächten Einzelhändler sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Eine nachhaltige Stadtentwicklung hingegen setzt auf Leben im Ortskern. Sanierung statt Neubau und eventuelle Nachverdichtung schont in jeder Hinsicht Ressourcen. Mit Ausnahme weniger Ballungsräume, in denen sich die Bevölkerungszahl effektiv erhöht, steigen die Einwohnerzahlen regelmäßig nur moderat, das gilt auch für ihre prognostizierte Entwicklung. Trotzdem ist der Flächenverbrauch in Bayern insbesondere ein Problem des ländlichen Raums, obwohl auch Bürgermeistern und Gemeinderäten bekannt sein dürfte, dass neue Erschließungsmaßnahmen teurer sind als Erhalt und Modernisierung des Bestands.

Staatsregierung steuert in die falsche Richtung

Im November 2017 wurde der bayerische Landesentwicklungsplan (LEP) geändert und dem Flächenverbrauch eine weitere Tür geöffnet. Die Staatsregierung weichte das sogenannte Anbindegebot für Gewerbegebiete auf: War zuvor vorgeschrieben, dass Gewerbegebiete an Siedlungsgebiete angeschlossen sein mussten, genügt heute das Vorhandensein einer Autobahnabfahrt, einer vierspurigen Bundesstraße oder eines Bahnanschlusses. Im selben Jahr wurde der § 13b ins Baugesetzbuch (BauGB) neu eingeführt, wenn auch als befristet geltende Ausnahme. Dieser Paragraf ermöglicht Wohnsiedlungserweiterungen in den Außenbereichen im vereinfachten Verfahren ohne Umweltprüfung und Ausgleichsflächen.

Obwohl sich die Staatsregierung zur „Bewahrung der Heimat“ bekennt, geht der Flächenverbrauch weiter. Klare Vorgaben zur Begrenzung fehlen, freiwillige Absichtserklärungen funktionieren nicht. Die Verantwortlichen setzen weiter auf eine überholte Wachstumsstrategie, dabei gibt es zahlreiche Argumente und Positivbeispiele, die zeigen, dass Wirtschaftlichkeit vom Verbrauch der Ressource Boden abgekoppelt werden kann. Diese Entwicklung sollte durch staatliche Förderung gestärkt und nicht torpediert werden. Die Instrumente heißen:

  • klare Obergrenze beziehungsweise Flächenverbrauchshöchstgrenze als Vorgabe für Kommunen und Behörden
  • Bedarfsnachweis bei Neuausweisung
  • Abschaffung der Pendlerpauschale

In Städten, Gemeinden und Landkreisen hingegen wird das Thema sehr unterschiedlich angegangen: Während die einen mit niedrigen Grundstückspreisen um Unternehmen oder Einwohner konkurrieren, haben andere die Vorteile vom Erhalt lebendiger Ortskerne und intaktem Landschaftsbild erkannt: Diese Alternativen sind mindestens auf längere Sicht günstiger, erhöhen die Lebensqualität und berücksichtigen die Prognosen zu Demografie und digitalem Wandel – sie sind nachhaltig.

Die Grafik „Entwicklung des Flächenverbrauchs in Bayern von 2001 bis 2016“ zeigt eine Halbierung zwischen 2013 und 2016, doch der Eindruck trügt: 2015 wurde die Berechnungsmethode geändert, die Zahlen sind nicht mehr vergleichbar. (Grafik: Janda&Roscher)
Entwicklung des Flächenverbrauchs in Bayern von 2001 bis 2016 (Grafik: Janda&Roscher)

Hat sich der Flächenverbrauch von 2013 bis 2016 halbiert? Was sich auf dem Papier positiv darstellt, basiert auf einer neuen Berechnungsmethode: Ab 2015 wurde die Erhebungsgrundlage von der Systematik der Automatisierten Liegenschaftsbücher (ALB) auf das Amtliche Liegenschaftskataster-Informationssystem (ALKIS) umgestellt, und der Katalog der Nutzungsarten verändert. Flächen, die zuvor zu „Siedlungs- und Verkehrsflächen“ gerechnet wurden, werden nun anderen Kategorien zugeordnet. So fallen etwa gewidmete, aber noch unbebaute Flächen, nicht mehr ins Gewicht, bis sie tatsächlich in Anspruch genommen werden. Die Berechnung des Flächenverbrauchs in Bayern ist immer wieder Thema für Debatten. Der direkte Vergleich der zwei Berechnungsmethoden zeigt aber, dass sich seit 2001 kaum etwas geändert hat. Pendelte der nach ALB ermittelte Verbrauch um 18 ha/Tag und zeigte keine Verringerung (Durchschnittswert 2001 – 2013: 17,8 ha/Tag) , so pendelt der Verbrauch nach ALKIS um 12 ha/Tag (Durchschnittswert 2012 – 2016: 11,67 ha/Tag), wobei auch hier keine Reduzierung festzustellen ist. Der niedrige Wert von 9,8 ha/Tag liegt im „Rauschen“ und zeigt noch keine Trendwende an. Der BN nutzt deshalb weiterhin den Wert von 2015 (13,1 ha/Tag). Überspitzt ausgedrückt kann man sagen: Die anderen 15 Bundesländer reduzieren ihren Verbrauch, Bayern ändert die Statistik.“