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Schnelle Straße, gute Arbeit?

Das Argument ist fast so alt, wie die Autobahnen selbst. Durch diese schnellen Straßen gerate die Wirtschaft erst so richtig in Schwung. Überall wo Autobahnen seien, da kämen die Firmen von ganz allein. Schaut man sich genauer um, kann man jedoch keinen Zusammenhang erkennen.

Das Totschlagargument: „Ohne Autobahn keine Arbeitsplätze"

Gerade in Zeiten der Globalisierung seien Autobahnen die Lebensadern der Wirtschaft. Überall könne man sehen, wie abhängig die Betriebe von einer perfekten Straßenanbindung seien. Wer das nicht einsehe - so wird immer wieder gewarnt - setze Arbeitsplätze aufs Spiel. Da natürlich auch Umweltschützer keine Arbeitsplätze gefährden wollen, fühlen sie sich oft in einer Zwickmühle.

Die Wirklichkeit: Es gibt keinen Zusammenhang

Die tatsächlichen Zahlen zeigen ein völlig anderes Bild. Die Bundesagentur für Arbeit hat im November 2021 die Arbeitslosenquote für alle bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte veröffentlicht. Legt man auf diese Karte das Netz der bayerischen Autobahnen, so lässt sich keinerlei Zusammenhang zwischen der Nähe zu Autobahnen und der Beschäftigung erkennen. Zwar gibt es Gebiete mit Autobahnen und geringer Arbeitslosigkeit aber es gibt genauso das krasse Gegenteil. Hier einige Beispiele:

Nah an der Autobahn, hohe Arbeitslosigkeit

Ausgerechnet die Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit, nämlich Schweinfurt, ist direkt an der A 70 und der A 71 gelegen. Zudem sind es zur A 7 nur wenige Kilometer. Mit (5,8 %) hat Schweinfurt jedoch eine doppelt so hohe Arbeitslosenquote wie der gesamte Freistaat Bayern mit 2,9%.

Nächstes Beispiel: Hof wird direkt eingerahmt von drei Autobahnen, der A 9, der A 72 und der A 93. Nach "herrschender Lehre" müsste also dort eine besonders niedrige Arbeitslosenquote zu finden sein. Das Gegenteil ist der Fall: Hof weist die zweithöchste Arbeitslosenquote in Höhe von 5,2% auf.

Ähnlich im Landkreis Wunsiedel. Durch ihn geht in voller Länge die A 93, die A 9 verläuft nahe der westlichen Landkreisgrenze. Dennoch herrscht dort mit 3,8 % eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit. Auch der Landkreis Straubing (4,7 %) liegt über dem bayerischen Durchschnitt von 2,9 %, obwohl er von der A3 durchschnitten wird und die A 92 kaum fünf Kilometer entfernt der Landkreisgrenze verläuft. Augsburg an der A 8 gelegen, hat sogar eine Arbeitslosenquote von 5,0 %.

Natürlich existieren auch umgekehrte Beispiele, also Landkreise mit Autobahn und niedriger Arbeitslosigkeit. Aber es gibt eben keinerlei erkennbaren Zusammenhang. Im Gegenteil, es gibt in Bayern Landkreise ohne Autobahn, in denen die Arbeitslosenquote dennoch sehr niedrig ist.

Weit von der Autobahn, geringe Arbeitslosigkeit

So gehört beispielsweise der Landkreis Cham im Bayerischen Wald mit 1,9 % zu den  Landkreisen mit der geringsten Arbeitslosigkeit in Bayern. Aber ausgerechnet dort gibt es keine Autobahn. Von der Kreisstadt sind es 35 km zur A 3 und 49 km zur A 93. Von den weiteren Städten Furth im Wald sind es 69 km und 51 km, von Waldmünchen 46 km und 54 km. Ähnlich ist es im Landkreis Freyung-Grafenau. Auch hier gibt es keine Autobahn, mit einer Arbeitslosigkeit von 2,3 % ist man jedoch ebenfalls besser als der Durchschnitt, obwohl es bereits von der Kreisstadt 40 km zur nächsten Auffahrt auf die A 3 sind.

Besonders laut nach einer Autobahn ruft man im Landkreis Kronach. Dessen Industrieschwerpunkte liegen im Norden. Zur A 73 sind es von Tettau 36 km, von Steinbach/Wald 41 km und von Ludwigsstadt 50 km. Zur A9 ist es ähnlich weit und dazu noch besonders bergig. Dennoch ist der Landkreis Kronach ohne Autobahn mit 2,8 % immer noch besser als der bayerische Durchschnitt. Dass man ohne Autobahn bei der Arbeitslosigkeit sogar sehr gut dastehen kann, beweisen die Landkreise Donau-Ries (1,6%), Neuburg Schrobenhausen (1,7%) und Dillingen (2,0%).

Fazit: Andere Standortfaktoren viel wichtiger als eine Autobahn

Der oft behauptete Zusammenhang zwischen Arbeitsplätzen und Autobahnen lässt sich also in keiner Weise belegen. Wie auch in der Wissenschaft zunehmend erkannt wird, sind andere Faktoren ungleich wichtiger für die Standortwahl. Seien es geeignete Grundstücke, gute Fachkräfte, Nähe zu Partnerbetrieben oder - nicht zu unterschätzen - die "weichen" Standortfaktoren. Und was die laufenden Kosten anbelangt, liegen die Transportkosten für die Betriebe (Ausnahme Speditionen) ohnehin weit hinter Löhnen, Finanzierungskosten, Rohstoffen, Wechselkurs, Ölpreis, und anderem zurück. Mit Arbeitsplätzen jedenfalls lassen sich weitere Straßenbauorgien in unserem so gut erschlossenen Land nicht begründen.

Text und Redaktion: Heiner Müller-Ermann (Sprecher BN-Arbeitskreis Wirtschaft)