Rappenalpbach – Naturskandal im Rappenalptal

Es war einer der schlimmsten Naturskandale der letzten Jahre: Im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen wurde der naturnahe Rappenalpbach durch Bauarbeiten zerstört. Der einstige Wildbach war einem ausgebaggerten Kanal gewichen. Nach zwei Gerichtsverfahren wurde die Sanierung des Bachs im August 2026 abgeschlossen. Jetzt besteht die Chance, dass sich der Bach in den nächsten Jahren wieder naturnah entwickeln kann. Hier finden Sie die wichtigsten Infos rund um den Frevel im Rappenalptal und seine Aufarbeitung.
Illegale Baggerarbeiten zerstörten 1,6 Kilometer Wildbach
Der Rappenalpbach war einer der wenigen noch verbliebenen Wildbäche Bayerns, der intakt und in ökologisch sehr gutem Zustand war – ein seltener und besonders wertvoller Naturschatz. Er floss verzweigt in Schleifen durch das Rappenalptal. Mit den illegalen Baggerarbeiten war er in einen schmalen Kanal gezwängt, die Uferbereiche rigoros eingeebnet worden und auf rund 1,6 Kilometern zerstört worden. Auch unterhalb des Gebiets waren die Auswirkungen auf den Rappenalpbach drastisch.
Der Fall wurde vom BN aufgedeckt und ging vor Gericht
Aufgedeckt hatte den Naturfrevel der BUND Naturschutz. Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung im Oktober 2022 hatte unsere Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu die Zerstörung im Rappenalptal dokumentiert und den zuständigen Behörden gemeldet. Mitte November 2022 hatten wir den Skandal öffentlich gemacht. Staatsanwaltschaft und Polizei ermittelten. Im Juli 2023 und im Juli 2024 klärten zwei Gerichtsverfahren, wer verantwortlich ist und wer die Kosten für die Sanierung zu tragen hat.
Sanierung 2026 abgeschlossen – jetzt braucht die Natur Zeit
Nach einer ersten, unzureichenden Sanierung im Jahr 2023 ruhten die Arbeiten lange. Erst im Sommer 2026 wurden weitere Maßnahmen umgesetzt: Die verbliebenen Dämme wurden eingeebnet, die Sohle gesichert und 6,5 Hektar Auwald wieder an den Bach angebunden. Der BUND Naturschutz geht davon aus, dass sich der Rappenalpbach im Eingriffsbereich nun wieder selbst naturnah entwickeln kann. Bis sich Pflanzen- und Tierwelt vollständig erholt haben, kann es jedoch noch Jahrzehnte dauern.
- document.getElementById('c248030').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">1 Was ist im Rappenalptal passiert?
- document.getElementById('c279796').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">2 Was waren die Folgen für Natur und Umwelt?
- document.getElementById('c248032').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">3 Gegen welche Gesetze wurde verstoßen?
- document.getElementById('c248026').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">4 Wie wurde der Fall aufgearbeitet?
- document.getElementById('c279799').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">5 Sanierung abgeschlossen – wie geht es jetzt weiter?
- document.getElementById('c248028').scrollIntoView({ behavior: 'smooth' }), 10);">6 Neue Bedrohung: Wasserkraftwerk geplant
Was ist im Rappenalptal passiert?
Im September und Oktober 2022 war der Rappenalpbach auf einer Länge von 1,6 Kilometern ausgebaggert, tiefer gelegt, begradigt und kanalisiert worden. Bei den Arbeiten wurde zudem die Bachsohle aufgerissen, so dass das Wasser seither im Erdreich versickerte und der Bach von der Zerstörung auch unterhalb des betroffenen Gebietes stark betroffen war.
Seitlich des Rappenalpbaches wurden meterhohe Kiesdämme aufgeschüttet. Das Bachprofil hatte damit eine einheitliche Trapezform. Das übrige Steinmaterial wurde links und rechts des Baches auf bis zu zehn Metern Breite einplaniert, so dass die Flächen auf Höhe der angrenzenden Alpweiden lagen.
Zuvor war der Rappenalpbach ein naturnaher Wildbach, der sich verzweigend durch den Talgrund geschlängelt hat. Gemäß der Wasserrahmenrichtline galt der Rappenalpbach als einer der wenigen Flüsse und Bäche in Bayern mit einem sehr guten ökologischen Zustand.
Die Biotope des Bachs waren nach den illegalen Baggerarbeiten zerstört oder stark beschädigt: naturnahe Fließgewässer, Schotterfluren, Ufergehölz, alpine Hochstaudenfluren, alpine Rasen, Auwälder und naturnahe Quellen und Quellfluren.
Der 1,6 Kilometer lange Abschnitt, in dem der Rappenalpbach zerstört wurde, ist strengstens geschützt. Er liegt im Naturschutzgebiet „Allgäuer Hochalpen“, ist Fauna-Flora-Habitat-Schutzgebiet (FFH), europäisches Vogelschutzgebiet (SPA) und gemäß dem Bundesnaturschutzgesetz zu 100 Prozent als Biotop geschützt.
Gemäß den Angaben des Umweltministeriums lassen sich die Ereignisse wie folgt rekonstruieren (ergänzt um Aktivitäten des BUND Naturschutz):
2022
19. August 2022
Schlagwetter mit Hochwasser, bei dem an einigen Stellen Kies aus dem Bachbett in angrenzende Weideflächen transportiert wird.
30. August 2022
Ortstermin von Alpgenossenschaft und Unterer Naturschutzbehörde. Im Nachhinein herrschen unterschiedliche Auffassungen über die vereinbarten Maßnahmen: Das Landratsamt geht von Maßnahmen an vier Stellen aus, die Alpgenossenschaft von einer Modellierung mit Trapezprofil auf 1,6 km Länge.
Ab September 2022
Massive Baumaßnahmen. Der Bach wird ausgebaggert, kanalisiert, Dämme werden errichtet, das Bachbett wird stellenweise um mehr als 2,5 Meter vertieft.
1. Oktober 2022
- Mündlicher Baustopp durch die untere Naturschutzbehörde.
- Gemeinsamer Ortstermin von Landratsamt, Markt Oberstdorf und Wasserwirtschaftsamt mit der Alpgenossenschaft. Es wird festgestellt, dass die Baggerarbeiten trotz Baustopp fortgesetzt und auf einer Länge von 1,6 km abgeschlossen wurden. Insgesamt wurden 9 Hektar FFH-Lebensraumtyp „Alpine Bäche mit krautiger Ufervegetation“ zerstört.
1. bis 30. Oktober 2022
Mitglieder der BN-Ortsgruppe Oberstdorf melden und dokumentieren die Zerstörungen. Die BN-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu begutachtet die Schäden.
1. November 2022
- Der BUND Naturschutz stellt einen Antrag auf Sanierung nach Umweltschadensgesetz mit einer ersten Schadenseinschätzung an die Regierung von Schwaben und das Landratsamt Oberallgäu.
- In einer ersten Pressemitteilung veröffentlicht der BUND Naturschutz die Zerstörungen am Rappenalpbach.
- Nach weiteren Begutachtungen stellt der BUND Naturschutz eine erste umfangreiche Schadenbilanz (PDF) samt Forderungen zur Sanierung vor.
- Der Alpgenossenschaft wird ein Bescheid des Landratsamtes zugestellt, der sie zu ersten Maßnahmen für den Hochwasserschutz der Unterlieger verpflichtet. Die Alpgenossenschaft zieht dagegen vor Gericht.
1. Dezember 2022
- Das Verwaltungsgericht Augsburg lehnt den Antrag der Alpgenossenschaft ab.
- Das Landratsamt führt die Sofortmaßnahmen selbst durch, um den akuten Hochwasserschutz sicherzustellen, und stellt der Alpgenossenschaft die Auslagen in Rechnung.
2023
1. Januar 2023
- Die Alpgenossenschaft legt gegen den Kostenbescheid Beschwerde beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof ein.
- Der Verwaltungsgerichtshof hält den Bescheid für formell rechtswidrig, weil die Alpgenossenschaft nicht angehört wurde. Durch das widersprüchliche Verhalten des Landratsamts und den missverständlichen Aktenvermerk sei ein Vertrauenstatbestand entstanden; dem Landratsamt wird damit eine gewisse Mitschuld zugeschrieben. Der Fall geht zurück an das Verwaltungsgericht Augsburg. Der VGH stellt zudem fest, dass ein Umweltschaden vorliegt.
- Der Umweltausschuss des Bayerischen Landtages beschäftigt sich mit dem Fall. Dort argumentierten einige Mitglieder, mit den Baumaßnahmen sei versucht worden, naturschutzfachlich wertvolles Grünland wiederherzustellen. Dabei wurde jedoch ein ökologisch wertvoller und mehrfach geschützter, hochdynamischer Lebensraum zerstört.
1. Februar 2023
- Der BUND Naturschutz warnt vor dem geplanten Bau eines Wasserkraftwerks am Rappenalpbach, nur wenige Kilometer unterhalb der Eingriffsstelle, und macht auf die hohe ökologische Bedeutung der Iller-Quellbäche aufmerksam.
- Der BUND Naturschutz übergibt das langfristige Renaturierungskonzept „Mehr Platz für den Rappenalpbach“ an das Umweltministerium, die Regierung von Schwaben und das Landratsamt Oberallgäu. Ziel ist es, dem Bach angesichts häufigerer Starkniederschläge in der Klimakrise wieder mehr Platz zu geben. Eine Fläche der Bayerischen Staatsforsten eignet sich dafür besonders gut.
- Gespräch mit Landrätin Indra Baier-Müller, bei dem die Sanierungs- und Ausgleichsvorschläge des BN vorgestellt werden.
1. Juli 2023
- BN-Landesvorsitzender Richard Mergner begutachtet die Zerstörungen bei einer Exkursion.
- Vor dem Verwaltungsgericht Augsburg einigen sich der Freistaat Bayern (vertreten durch das Landratsamt Oberallgäu) und die Alpgenossenschaft in einem Vergleich auf eine Kostenteilung. Es sollen Initialmaßnahmen im Umfang von vier Baggerwochen umgesetzt werden, bei Bedarf weitere.
- Zwei vom BN beauftragte Gutachten ermitteln für eine Ersatzsanierung einen Kompensationsbedarf von rund 500.000 Wertpunkten (gehandelt wurden Wertpunkte seinerzeit zu 2,50 bis 5,00 Euro).
1. August 2023
Die Regierung von Schwaben legt das im Vergleich vereinbarte Fachkonzept zur Sanierung vor. Der BN stimmt dem Ansatz grundsätzlich zu: Initialsanierung und anschließende Selbstregeneration, vor allem durch Hochwasserereignisse.
August bis Oktober 2023
Die Initialsanierung wird durchgeführt. Die vereinbarten Baggerstunden reichen nicht aus, um die Dämme auf den gesamten 1,6 Kilometern abzutragen und die Auen wieder anzubinden. Eine Ersatzsanierung zur Deckung des Kompensationsbedarfs nach Umweltschadensgesetz wird nicht durchgeführt.
1. Oktober 2023
- Eine BN-Begutachtung zeigt, dass vor allem im oberen Bereich Dämme in erheblichem Umfang bestehen bleiben. Die Behörden hoffen, dass ein stärkeres Hochwasser die Dämme abträgt.
- Gespräch zwischen BN und Mitgliedern der Alpgenossenschaft; es zeigt sich wenig Verständnis für die ökologischen Folgen der Zerstörung.
2024
1. Juni 2024
Eine BN-Begutachtung zeigt, dass kein Frühjahrshochwasser die Dämme abtragen konnte. Dort, wo saniert wurde, bilden sich die wertgebenden Schwemmlingsfluren wieder gut aus.
1. und 12. Juli 2024
Der BN stellt in einem Schreiben an Landratsamt, Regierung von Schwaben und Wasserwirtschaftsamt fest, dass die Primärsanierung noch nicht abgeschlossen ist, und fordert in einer Pressemitteilung weitere Sanierungs- und Ausgleichsmaßnahmen.
1. Juli 2024
Ein Rechtsgutachten des BN klärt, ob eine Ersatzsanierung über die Primärsanierung hinaus rechtlich geboten ist und gerichtlich durchgesetzt werden könnte.
1. bis 18. Juli 2024
Strafprozess am Landgericht Kempten. Das Verfahren gegen zwei Männer der Alpgenossenschaft wird am 18. Juli 2024 gegen eine Geldauflage von insgesamt 25.000 Euro eingestellt, davon 10.000 Euro für den BN. Ein umfangreiches Gutachten der Staatsanwaltschaft stellt den Umweltschaden klar fest und zeigt weiteren Sanierungsbedarf auf.
1. August 2024
Der BN beantragt nach dem Umweltinformationsgesetz das Sanierungsgutachten der Staatsanwaltschaft. Trotz mehrerer Versuche bei verschiedenen Behörden bis ins Jahr 2025 wird das Gutachten aus rechtlichen Gründen nicht herausgegeben.
1. November 2024
- Ein weiteres Rechtsgutachten des BN prüft, ob die Sanierung nach Umweltschadensgesetz gerichtlich durchgesetzt werden kann.
- Eine vom Landkreis beauftragte Vermessungsstudie stellt fest, dass nach wie vor erhebliche Eintiefungs- und Dammbereiche vorhanden sind. Am selben Tag findet ein Gespräch zwischen BN, Landratsamt, Regierung von Schwaben und Wasserwirtschaftsamt statt. Die Behörden lehnen weitere Sanierungsmaßnahmen zunächst ab und verweisen auf eine Potenzialstudie.
2025
1. Mai 2025
Die Regierung von Schwaben veröffentlicht die Potenzialstudie. Demnach konnte sich bisher erst auf 3,1 Hektar eine Fläche zur Ausbildung typischer Strukturen und Ansiedlung von Arten des FFH-Lebensraumtyps 3220 bilden; ursprünglich umfasste er dort rund 9 Hektar. Weitere Sanierungsmaßnahmen werden zunächst nicht für erforderlich gehalten.
Juni 2025
Der BN bereitet rechtliche Schritte nach Umweltschadensgesetz vor, bevorzugt aber eine einvernehmliche Lösung, da eine jahrelange Auseinandersetzung keine schnelle Sanierung erwarten ließe.
1. Juli 2025
Bei einem Ortstermin wird festgestellt, dass sich auf den 3,1 Hektar die wertgebenden Schwemmlingsfluren wieder gut entwickeln. Damit besteht die Chance, dass sich nach Einebnung der Dammstrukturen und einer Sohlstabilisierung das gesamte ehemalige Bachbett auf 9 Hektar wieder gut als FFH-Lebensraumtyp entwickelt.
1. Oktober 2025
Bei einem Termin in Augsburg wird dem BN ein Vergleich der Sanierungskonzepte von Staatsanwaltschaft und Regierung von Schwaben vorgestellt. Der BN und die Behörden sind sich einig, dass der Ansatz der Regierung von Schwaben (Initialsanierung und hochwasserunterstützte Selbstregeneration) zu bevorzugen ist; er ist auch deutlich kostengünstiger als der stark ingenieurtechnische Ansatz des Staatsanwaltschafts-Gutachtens. Erstmals werden weitere Sanierungsmaßnahmen im Sommer/Herbst 2026 in Aussicht gestellt.
Dezember 2025
In Hintergrundgesprächen wird eine Einigung über weitere Sanierungsmaßnahmen im Sommer/Herbst 2026 erzielt. Die noch bestehenden Deichstrukturen sollen abgebaut und die Fläche der Bayerischen Staatsforsten für eine naturnahe Auenentwicklung geöffnet werden. Der BN erklärt sich bereit, dann auf eine Klage zu verzichten.
2026
Frühjahr 2026
Das Wasserwirtschaftsamt plant gemeinsam mit den anderen Behörden und im Einvernehmen mit Alpgenossenschaft und Staatsforsten die noch durchzuführenden Maßnahmen.
1. Juli 2026
Das Landratsamt Oberallgäu stellt die geplanten Maßnahmen dem BN vor: Einebnung der Damm- und Wallbereiche, Ergänzung der Sohlsicherung im oberen Bereich und Wiederanbindung von 6,5 Hektar Auwaldfläche im unteren Bereich. Der BN unterstützt die Planung vollumfänglich und ist bereit, seinen Antrag nach Umweltschadensgesetz zurückzuziehen, wenn sie konzeptgemäß umgesetzt wird.
August 2026
- Die Sanierungs- und Auwaldöffnungsmaßnahmen werden wie geplant umgesetzt. Die Kosten teilen sich der Freistaat Bayern und die Alpgenossenschaft.
- Bei einer Begehung begutachtet der BN die Maßnahmen. Die Wälle sind größtenteils wieder abgeflacht, die Sohlstabilisierung ist ergänzt, die 6,5 Hektar Auwaldfläche sind durch die Öffnung eines alten Deiches wieder angebunden. Der BN geht davon aus, dass sich der Rappenalpbach im Eingriffsbereich wieder selbst naturnah entwickeln kann.
- Der Abschluss der Arbeiten wird öffentlich; der Bayerische Rundfunk und die dpa berichten.
September 2026
Der BN zieht seinen Antrag auf Sanierung nach Umweltschadensgesetz nach erfolgter Sanierung offiziell zurück.
Was waren die Folgen für Natur und Umwelt im Rappenalptal?
Das Rappenbachtal war ein Hotspot für die Artenvielfalt. Zu den geschützten Biotoptypen im Rappenalptal zählen das naturnahe Fließgewässer, die Schotterfluren, das Ufergehölz, alpine Hochstaudenfluren, alpine Rasen, Auwälder und naturnahe Quellen und Quellfluren. Der Bach selbst war einer der wenigen Flüsse und Bäche Bayerns in einem sehr guten ökologischen Zustand.
Alle diese Biotope waren drastisch geschädigt oder zerstört worden. Unter den Folgen wird der Rappenalpbach noch Jahrzehnte zu leiden haben.


Am dramatischsten war die Zerstörung der Bachsohle und der massive Verlust an Arten. Gewässerkleinlebewesen wie seltene Insektenlarven waren vollständig verschwunden. Alpine Steinfliege, Köcherfliege, Eintagsfliege, Idas-Bläuling, Rotflügelige Schnarrschrecke, Türksche Dornschrecke, Thymian-Ameisenbläuling, Mühlkoppe oder Alpensalamander und andere seltene Arten wurden entweder direkt getötet oder deren Lebensraum vernichtet.
Der Durchstich der Bachsohle führte dazu, dass der Bach war auf mehreren hundert Metern trockengefallen war. Durch die Kanalisierung fließt das Wasser bei Hochwasser außerdem weit schneller ab, was flussabwärts zu einem erhöhten Hochwasserrisiko führt.
Warum ist der Rappenalpbach besonders geschützt und gegen welche Gesetze wurde verstoßen?
Der Rappenalpbach und die gesamte Hochgebirgslandschaft drumherum sind geprägt von einer hohen Dynamik. Dadurch entsteht ein ganz besonderes Mosaik unterschiedlichster Biotoptypen und Lebensräume, die es in unserer vom Menschen intensiv genutzten Landschaft sonst kaum mehr gibt. Diese Dynamik bringt eine enorme Artenvielfalt hervor und ist Grund dafür, dass hier Tier- und Pflanzenarten leben, die es sonst kaum mehr gibt.
Der Managementplan des Fauna-Flora Habitat-Gebietes formuliert als Schutzziel sehr klar: „Zulassen dynamischer Prozesse in der Hochgebirgslandschaft. Die natürliche Dynamik an Felsmassiven, in Schuttfluren und an Wildbächen zählt zu den grundlegenden ökologischen Merkmalen dieser hochalpinen Landschaft. Soweit nicht wichtige Infrastruktureinrichtungen oder Menschen gefährdet sind, soll diese Dynamik ungestört erhalten bleiben.“
Auch wird klar formuliert, dass Baggerarbeiten im Wildbach zu unterlassen sind: „Jegliche wasserbauliche Maßnahmen, die die Aktivität der Wildflussabschnitte beeinträchtigen (wie beispielsweise Geschiebesperren, Wehre, Ausbaggerungen, Kiesentnahme oder Ufersicherungen), sollen daher unterlassen werden.“
Der Rappenalpenbach hat mehrfachen Schutzstatus, der ihn gemäß dem deutschen und europäischen Naturschutzrecht maximal schützen sollte. Der Rappenalpbach ist im Naturschutzgebiet „Allgäuer Hochalpen“ gelegen, Fauna-Flora-Habitat-Schutzgebiet (FFH), europäisches Vogelschutzgebiet (SPA), Landschaftsschutzgebiet, gemäß dem Bundesnaturschutzgesetz zu 100 Prozent als Biotop und gemäß der Wasserrahmenrichtlinie geschützt.
Gegen jedes dieser Gesetze wurde bei dem Naturskandal im Rappenalptal verstoßen:
Einschlägig sind mehrere Verbotstatbestände:
- „Bodenbestandteile abzubauen, Grabungen oder Bohrungen vorzunehmen oder die Bodengestalt in sonstiger Weise, insbesondere durch Boden- und Materialablagerungen, zu verändern;“
- „Gewässer und ihre Ufer, den Grundwasserstand sowie den Zu- und Ablauf des Wassers zu verändern, insbesondere Grundwasser zu entnehmen oder neue Gewässer anzulegen.“
- „die Lebensbereiche (Biotope) der Pflanzen und Tiere auf andere Weise zu stören oder nachteilig zu verändern, insbesondere durch chemische oder mechanische Maßnahmen“
Als Schutzziel benennt die Verordnung des Naturschutzgebiets, „die naturbedingten Veränderungen der Oberflächengestalt dieser Gebirgslandschaft unbeeinflusst zu lassen, insbesondere die natürlichen Gewässer unverändert zu erhalten; der Wiederherstellung der fließgewässertypischen Eigendynamik ist verstärkte Aufmerksamkeit zuzuwenden“.
In FFH Gebieten ist es verboten, streng geschützte Arten erheblich zu stören, zu töten oder deren Fortpflanzungs- und Ruhestätten erheblich zu beeinträchtigen. Ebenso ist es verboten, geschützte Lebensräume erheblich zu beeinträchtigen. Der Rappenalpenbach ist als FFH-Lebensraumtyp 3220 „Alpine Fließgewässer mit krautigen Pflanzen“ ausgewiesen. Durch den Eingriff wurde dieser FFH-Lebensraumtyp zerstört.
In Vogelschutzgebieten ist es verboten, den Lebensraum, die Ruhe- und Fortpflanzungsstätten von Vögeln erheblich zu beeinträchtigen.
Der Rappenalpenbach ist als Biotop nach §30 Bundesnaturschutzgesetz zu hundert Prozent geschützt. Handlungen, die zu einer Zerstörung oder einer sonstigen erheblichen Beeinträchtigung dieser Biotope führen können, sind verboten.
Betroffen ist der „Schutz von Landschaftsbestandteilen im Bereich der Allgäuer Hochalpenkette mit Einschluss der Oberstdorfer Täler und des Hintersteiner Tales im Landkreis Oberallgäu“.
In diesem Landschaftsschutzgebiet ist es verboten, Veränderungen vorzunehmen, die geeignet sind, die Landschaft zu verunstalten, die Natur zu schädigen oder den Naturgenuss zu beeinträchtigen.
Neben dem naturschutzfachlichen Schutz ergibt sich auch ein Schutzstatus aus der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Nach dieser ist es verboten Eingriffe in Gewässer vorzunehmen, die zu einer Verschlechterung des ökologischen Zustandes führen. Dies ist hier aber zweifelslos der Fall.
Wie wurde der Fall aufgearbeitet?
Die Ermittlungen und Gerichtsverfahren rund um den Skandal im Rappenalpbach sind seit Juli 2024 abgeschlossen. Im Zentrum standen die Fragen, warum der Bach zerstört wurde und wer dafür verantwortlich ist. In diesem Zusammenhang gab es zwei Gerichtsentscheidungen.

Im Juli 2023 wurde vor dem Verwaltungsgericht Augsburg geklärt, wie die Schäden möglichst schnell beseitigt werden können und wer die Kosten für die Sanierung des Rappenalpbachs zu tragen hat. Ergebnis: Alpgenossenschaft und Freistaat teilen sich die Kosten. Die Gesamtkosten inklusive der Arbeiten 2026 stehen nach Angaben des Landratsamts noch nicht fest. Der BUND Naturschutz sah den Vergleich grundsätzlich positiv, da er einen schnellen Start der Sanierung ermöglichte.
Im Juli 2024 ging es in einem Strafverfahren um die Verantwortung für die Zerstörungen im Rappenalptal. Das Verfahren gegen zwei Männer der Alpgenossenschaft, die für das Ausbaggern des Rappenalpbachs verantwortlich waren, wurde gegen die Zahlung einer Geldauflage in Höhe von insgesamt 25.000 Euro eingestellt. Davon wurden dem BUND Naturschutz 10.000 Euro zugesprochen, mit dem Hinweis des Richters, dass wir uns für eine weitere Sanierung des Rappenalpbachs einsetzen wollen. Ein umfangreiches Gutachten der Staatsanwaltschaft stellte den Umweltschaden klar fest und zeigte auf, dass weitere Sanierungsmaßnahmen nötig sind.
Bei der Entscheidung spielte unter anderem ein ungenau formulierter Aktenvermerk des Landratsamts eine Rolle, den die Alpmeister als Genehmigung für die Baggerarbeiten interpretiert hatten. Nach unserer Einschätzung hätte die Alpgenossenschaft aber wissen müssen, dass die durchgeführten Arbeiten einen illegalen Gewässerausbau darstellen und den Charakter von Unterhaltsmaßnahmen sprengen. Zudem wäre nach Ansicht des BUND Naturschutz eine FFH-Verträglichkeitsprüfung und ein naturschutzrechtliches Befreiungsverfahren notwendig gewesen.
Unterschiedliche Auffassungen über die Genehmigung
Nach den Baggerarbeiten im Rappenalpbach wiesen sich das Landratsamt und die örtliche Alpgenossenschaft gegenseitig die Verantwortung für die Zerstörung zu. Nach Darstellung des Landratsamts hatte die Untere Naturschutzbehörde der Alpgenossenschaft erlaubt, Kies „durch punktuelle Maßnahmen an vier kurzen Abschnitten des Bachlaufs“ zu beseitigen. Die Arbeiten seien als Gewässerunterhaltungsmaßnahmen bei einer Ortsbesichtigung im Detail besprochen worden.
Die Alpgenossenschaft berief sich dagegen auf einen Aktenvermerk eines Behördenmitarbeiters. Darin wurde die Modellierung des Flussbetts mit einem Bagger als „naturschutzfachlich wünschenswert“ eingeschätzt und festgehalten, dass die Arbeiten beginnen dürften. Die Alpgenossenschaft verstand dies nach eigenen Angaben als Genehmigung, auf einer Länge von 1,6 Kilometern ein Trapezprofil herzustellen.
Wie die Gerichte die Arbeiten bewerteten
Das Verwaltungsgericht Augsburg und der Bayerische Verwaltungsgerichtshof befassten sich mit der Frage, ob die Baggerarbeiten rechtmäßig waren. Beide Gerichte stuften sie als formal illegal ein, da es sich um einen planfeststellungsbedürftigen Gewässerausbau handelte.
Das Verwaltungsgericht Augsburg stellte am 6. Dezember 2022 fest, dass der Aktenvermerk die Bauarbeiten nicht rechtfertigte. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof kam am 18. Januar 2023 hingegen zu der Einschätzung, dass die Alpgenossenschaft den Vermerk durchaus als Genehmigung der Arbeiten verstehen konnte. Der zuständige Behördenmitarbeiter sei jedoch nicht befugt gewesen, eine solche Genehmigung zu erteilen. Dafür wäre die zuständige Untere Wasserrechtsbehörde verantwortlich gewesen.
Die Einordnung des BUND Naturschutz
Der BUND Naturschutz vertritt die Auffassung, dass die Alpgenossenschaft hätte erkennen müssen, dass die durchgeführten Arbeiten über gewöhnliche Unterhaltungsmaßnahmen hinausgingen und einen illegalen Gewässerausbau darstellten. Nach Einschätzung des BN wären zudem eine FFH-Verträglichkeitsprüfung und ein naturschutzrechtliches Befreiungsverfahren erforderlich gewesen.
Der BN vermutet außerdem, dass die Arbeiten nicht nur der Beseitigung unmittelbarer Hochwasserschäden dienten, sondern auch dazu genutzt wurden, die Wiesenflächen durch die Kanalisierung des Bachs und die Einebnung der Ufer zu vergrößern.
Der BN-Regionalreferent für Schwaben, Thomas Frey, verfolgte den Gerichtsprozess. Bei den Alpmeistern stellte er nach eigener Aussage „nur wenig Sensibilität gegenüber dieser einzigartigen Natur und den Schutzgütern“ fest. Er bedauerte, dass keine Worte des Bedauerns über die Taten geäußert worden seien.
Sanierung abgeschlossen – wie geht es jetzt weiter?
Die Sanierung des Rappenalpbachs wurde im August 2026 abgeschlossen. Vier Jahre nach den illegalen Baggerarbeiten ist der Bach im betroffenen Abschnitt weitgehend wiederhergestellt. Bei einer Begehung am 19. August 2026 überzeugte sich der BUND Naturschutz vom Stand der Arbeiten.

Was wurde 2026 umgesetzt?
- Die verbliebenen Damm- und Wallbereiche wurden größtenteils abgeflacht.
- Die Sohlstabilisierung im oberen Bereich wurde ergänzt.
- Im unteren Abschnitt wurden 6,5 Hektar Auwaldfläche durch die Öffnung eines alten Deiches wieder an den Rappenalpbach angebunden. Im Umfeld ehemaliger Flutrinnen kann der Bach diese Fläche bei Hochwasser nun wieder überfluten.
Das Landratsamt betont, dass kein „schematischer Rückbau“ in einen Urzustand vorgesehen gewesen sei, sondern die Wiederherstellung eines natürlichen Wildflusssystems. Ursprünglich sollten Regen und natürliche Hochwasser die Renaturierung vorantreiben. Da dies nicht wie geplant geschah, wurde nun gezielt nachgesteuert. Die Kosten für die Sanierung teilen sich der Freistaat Bayern und die Alpgenossenschaft.
Erste Erfolge der Sanierung sind bereits sichtbar: Typische Arten wie die Zwergglockenblume, das kriechende Gipskraut oder das Alpenleinkraut siedeln sich wieder an, und im Bach finden sich wieder Insektenlarven.
Wie kam es zu den Arbeiten 2026?
Nach der ersten Sanierung im Herbst 2023 blieben Dämme in erheblichem Umfang bestehen, die erhoffte Abtragung durch Hochwasser blieb aus. Eine Vermessungsstudie des Landkreises bestätigte im November 2024 weiterhin erhebliche Eintiefungs- und Dammbereiche. Die im Mai 2025 veröffentlichte Potenzialstudie der Regierung von Schwaben zeigte, dass sich erst auf 3,1 Hektar wieder typische Strukturen des FFH-Lebensraumtyps “Alpine Flüsse” ausbilden konnten – ursprünglich umfasste dieser Lebensraumtyp in dem Bereich rund neun Hektar.
Im Dezember 2025 wurde in Hintergrundgesprächen eine Einigung über weitere Maßnahmen im Sommer/Herbst 2026 erzielt, auch weil neue Personen an der Spitze der Alpgenossenschaft dies möglich machten. Am 9. Juli 2026 stellte das Landratsamt Oberallgäu die geplanten Maßnahmen dem BUND Naturschutz vor, der sie vollumfänglich unterstützt.
Der BUND Naturschutz hat seinen Antrag auf Sanierung nach Umweltschadensgesetz nach erfolgter Sanierung im September 2026 offiziell zurückgezogen. Auf eine Klage verzichten wir damit.

Jetzt gilt es, die Entwicklung des Bachs zu beobachten.
Wir hoffen, dass sich der Rappenalpbach in den nächsten Jahren wieder naturnah entwickelt:
- Bei Hochwasser soll er wieder die gesamte Fläche des Bachbettes benetzen.
- Die Bachsohle soll sich wieder so abdichten, dass auch bei Niedrigwasser ein oberirdischer Wasserfluss erhalten bleibt.
- Die hochspezialisierten Gewässerkleinlebewesen sollen zurückkommen, ebenso die besondere Tier- und Pflanzenwelt des Bachbettes.
- Die Auen sollen bei Hochwasser wieder überschwemmt werden.
Erholung wird Jahrzehnte dauern
Selbst mit der abgeschlossenen Sanierung wird die Erholung von Flora und Fauna Jahrzehnte dauern. Wenn man den Zustand vor den Zerstörungen als Maßstab nimmt, werden zum Beispiel die Arten der stärker bewachsenen Kies- und Sandbänke günstigstenfalls erst in Jahrzehnten zurückgekehrt sein. Der Bach hat nun aber wieder die Chance, sich über Hochwasserereignisse selbst zu regenerieren und ein ähnlich verzweigtes Bett mit Umlagerungen, Aufsandungen und Kiesbänken auszubilden.
Der Naturzustand war Ergebnis von Jahrhunderten. Der Bachlauf vor dem Eingriff war das Ergebnis von Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden dynamischer geologischer Prozesse, bei der der Bach seinen Verlauf ständig verändert sowie Schluff, Sand, Kies, Grobblöcke und Totholz abgelagert hat – verbunden mit einer lebendigen Aue, die durch eine hoch spezialisierte Tiere und Pflanzen besiedelt war. Dazu kamen in den letzten zwei Jahrhunderten an den Rändern immer wieder kleinere Eingriffe durch die Alpwirtschaft, um die Weiden von Schutt frei zu halten und den Bach zu begrenzen.
Insofern kann der Vorzustand allein mit dem Bagger nicht wiederhergestellt werden. Es können aber die Grundlagen einer Wiederbesiedelung durch die spezialisierten Pflanzen und Tiere initiiert werden. Ohne die Baggerarbeiten würde sich außerdem die Gefahr für menschliche Schutzgüter unterhalb im Siedlungsbereich gerade durch die Begradigung und Kanalisierung verstärken.
Neue Bedrohung: Wasserkraftwerk am Rappenalpbach geplant

Der Umweltfrevel am Rappenalpbach im Allgäu geht weiter: Anfang Februar 2023 sind Pläne für ein Wasserkraftwerk bekanntgeworden.
Nachdem wir im Herbst 2022 die Zerstörung am Oberlauf des Rappenalpbachs aufgedeckt haben, wollen nun Investoren ein Wasserkraftwerk am unberührten Unterlauf des Rappenalpbachs und dem anschließenden Gebirgsbach Stillach bauen. Schon vor Jahren war ein Wasserkraftwerk in diesem Bereich geplant und dann wieder verworfen worden, nachdem wir erheblichen Widerstand geleistet hatten.
Die Wildbäche Rappenalpbach und Stillach sowie Trettach und Ostrach gehören zu den Iller-Quellbächen. Sie sind eines von nur noch zwei Gewässersystemen in Bayern, die die Wasserrahmenrichtlinie mit einem sehr guten ökologischen Zustand bewertet hat. Unter anderem, weil wir uns seit Jahren intensiv für die natürliche Erhaltung der Iller-Quellbäche einsetzen.
Deswegen hat uns die Nachricht über den erneuten Versuch, an Rappenalpbach und Stillach ein Wasserkraftwerk zu errichten, entsetzt – und wachsam gemacht.
Um Fälle wie im Rappenalptal künftig zu verhindern, haben wir ein Vorsorgekonzept (PDF) erarbeitet, das einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung des FFH-Managementplans in den Allgäuer Hochalpen leisten könnte, mit dem Ziel die letzten naturnahen Gebirgsbäche zu erhalten.




