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Was ist eine „Stauhauptstadt“?

Man kann sich drauf verlassen: Regelmäßig wird zu Beginn des Jahres verkündet, wie viele Stunden unserer Lebenszeit wir „im Stau“ verbringen müssen. Die Siegerin wird dann gekürt zur „Stauhauptstadt“. And the winner 2022 ist München. Hier seien die Autofahrer sage und schreibe 74 Stunden im Stau gestanden. Klingt brutal, doch tatsächlich sind das in der Früh und am Abend gerade mal 11 Minuten.

Das Totschlagargument: Stau für Pendler aufgrund mangelnden Straßenbaus

Jahr für Jahr heißt es aufs Neue: Die Berufstätigen müssen unzählige Stunden nutzlos auf den Straßen unserer Städte verbringen, weil ideologisch verbohrte Politiker und Umweltschützerinnen ihnen den benötigten Raum nicht zugestehen wollen. Ohne Stau könnten sie pro Jahr fast zwei Wochen länger arbeiten. Ein volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe wäre damit zu vermeiden.

 

Die Wirklichkeit: 74 Stunden pro Jahr sind nur als 11 Minuten pro Tag

Im Durchschnitt kommt eine Beschäftigte in Deutschland auf etwas mehr als 200 Arbeitstage pro Jahr. Teilt man die 74 Stunden durch diese Arbeitstage, dann steht ein Pendler – wenn er in München mit dem Auto fährt – in der Früh und am Abend gerade mal 11 Minuten im Stau. Eigentlich kein so schlechtes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass er dabei ja auch mindestens eine Tonne Stahl transportiert und das noch mitten durch die Stadt. In Nürnberg sind es sogar nur 6 Minuten, die er „im Stau verliert“.

Aber „steht“ man überhaupt im Stau?

Es ist zum allgemeinen Sprachgebrauch geworden. Man „steht“ im Stau. Doch korrekterweise müsste es heißen: Der Autofahrer ist „langsamer unterwegs“. Dieses Stau-Ranking, das alljährlich von sogenannten Verkehrsdienstleistungsfirmen erstellt wird, vergleicht nämlich lediglich die morgendliche und abendliche Rushhour mit dem Idealzustand. Das heißt, Testfahrzeuge fahren irgendwann in der ruhigen Nacht mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit durch die leeren Städte und messen die Fahrzeiten. Sodann werden die selben Strecken im Berufsverkehr gefahren – die dort logischerweise längeren Fahrzeiten werden dem nächtlichen Idealzustand gegenübergestellt. Die Differenz von durchschnittlich 11 (München) oder 6 Minuten (Nürnberg) ist dann „der Stau“. Und ergibt, fürs ganze Jahr zusammengezählt, die so furchterregend klingenden Staustunden.

„Im Stau“ steckt man selbst nach der Christmette

Haben Sie schon einmal gestoppt, wie problemlos sie am Hl. Abend oder am Ostersonntag in die Kirche hinein gekommen sind und wie viel länger sie beim Rausgehen brauchten. Weil sich da nämlich alle zur selben Zeit auf den Weg machten und schlicht und einfach an den Flaschenhals kamen. Aber weder in der Kirche noch im Fußballstadion oder im Theater  käme jemand auf die Idee, die Türen so weit zu verbreitern, dass am Ende alle in der „Idealzeit“, also gleichzeitig, herauskönnten. Nur für die Autofahrer wird dies gefordert, Jahr für Jahr, von sämtlichen Medien. Und meist auch noch mit der gleichen Schlagzeile von der „Stauhauptstadt“.

Fazit: Ein bisschen nachrechnen ist nie verkehrt

Mit dramatisch klingenden Zahlen wird gerne Politik gemacht. Schaut man sich diese ein bisschen genauer an, dann schrumpeln sie oft zusammen wie ein billiges Schnitzel in der Pfanne. Dazu kommt, dass diese „unerträglichen Staus“ auch noch mit einer absolut ungeeigneten Methode erfasst werden. Deshalb kann auch weder die FDP noch der ADAC oder die CSU erklären, wie lang eigentlich ein „erträglicher Stau“ sein darf . Und hauptsächlich, welchen Preis man dafür in Kauf nehmen möchte.

Text und Redaktion: Heiner Müller-Ermann (Sprecher BN-Arbeitskreis Wirtschaft)

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