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Umweltschutz muss erst „verdient“ werden?

Wir brauchen eine boomende Wirtschaft, denn nur so bleibt genug übrig, damit wir uns Umweltschutz leisten können. Im ersten Moment erscheint dies schlüssig – tatsächlich aber ist es falsch.

Das Totschlagargument: Man kann nur verteilen, was man vorher erwirtschaftet hat.

Erst wenn viel produziert und verkauft wird, wenn die Fließbänder und die Roboter heiß laufen, kommt Geld zusammen. Umso mehr, je stärker die Wirtschaft wächst. Von diesem Geld erhält dann der Staat seinen Teil, als Lohn- und Gewinnsteuern, die Mehrwertsteuer und andere nicht zu vergessen. Dieses Geld aus den harten, den „produktiven“ Tätigkeiten steht dann zur Verfügung, für „weiche“ Sachen wie den Umweltschutz und andere öffentliche Aufgaben. So sagt man uns.

Die Wirklichkeit: Gesellschaft kann selbst entscheiden, wie sie die Arbeit aufteilen will

Zuerst werden die Menschen natürlich schauen, dass sie ihre Grundbedürfnisse wie Ernährung, Kleidung und Wohnung befriedigen. Früher brauchte man dafür jeden Mann und jede Frau. Erst als man produktiver wurde, also mit besseren Werkzeugen und Maschinen immer mehr herstellen konnte, da wurden dann systematisch Leute frei, die beispielsweise Lehrerinnen, Pfarrer oder Ärzte werden konnten. Mit der zunehmenden Arbeitsteilung wurde die Wirtschaft immer produktiver, alle konnten sich immer mehr leisten. Wurde dieser Zuwachs dann auch möglichst gerecht verteilt, dann ging es einem Land tatsächlich immer besser.

Deutschland ist ein hochproduktives Land

Schauen wir auf unser Land, heute, im 21. Jahrhundert. Die Grundbedürfnisse sind, wie in anderen, entwickelten Ländern, bei uns schon lange erfüllt. Auch wenn wir beim Wohnen und bei Vermögen oft unerträgliche Ungleichheiten haben. Aber dies ist eine schlimme Folge falscher Politik. Hier kann und muss dringend umverteilt werden! An der Tatsache jedoch, dass unsere Wirtschaft extrem leistungsfähig ist, ändert das nichts. Wer sich heutige Fabriken und Werkstätten anschaut, erkennt schnell, wie hochproduktiv bei uns Güter hergestellt werden. Damit haben wir also die Möglichkeit, immer wieder zu entscheiden, wofür wir jene Arbeitenden einsetzen, die durch Rationalisierung frei wurden und werden. Sollen noch mehr SUVs und Smartphones hergestellt werden, brauchen wir tatsächlich Raumfähren, um die Essgewohnheiten im Weltall zu erforschen, müssen wir weitere Thermen-Erlebniswelten bauen und Autobahnen? Oder wollen wir die Menschen beschäftigen, um Windräder zu errichten, Wohnungen zu dämmen und das Artensterben zu bremsen?

Wo wollen wir die Menschen einsetzen?

Und natürlich gibt es noch unzählige andere Aufgaben, von Gesundheit und Pflege bis zu Schule, Bildung und Kultur. All das kann sich eine Gesellschaft leisten, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt und dennoch Arbeitskräfte übrig sind. Nicht zu vergessen: Natürlich zahlt auch jeder Lehrer und jede Umweltingenieurin genauso ihre Steuern und Sozialbeiträge wie ein Mechatroniker bei BMW oder ein Schlachthoftierarzt bei der Südfleisch GmbH.

Etwas muss allerdings stets beachtet werden: Devisen, also das Zahlungsmittel für den Außenhandel, müssen tatsächlich „verdient“ werden. Wer Kaffeebohnen, Pflegekräfte oder Öl importieren möchte, muss in der eigenen Volkswirtschaft so viele Arbeitende bereitstellen, dass diese Exportgüter im gleichen Wert erstellen können. Deutschland als Exportüberschuss-Weltmeister muss jedoch am allerwenigsten Angst vor Devisenknappheit haben. Seit Jahren exportieren wir jährlich für 200 – 250 Milliarden Euro mehr als wir importieren. Wir sitzen also auf einem gigantischen Devisen-Polster. (siehe Thema „Exportnation“ in diesem Werkzeugkasten.)

Fazit: Umweltschutz muss nicht erst „verdient“ werden

In einem hochproduktiven Land wie Deutschland müssen wir uns nicht einreden lassen, wir bräuchten dauerndes und kräftiges Wachstum, um eben Klima- und Umweltschutz zu ermöglichen. Sind erst die Grundbedürfnisse befriedigt, kann die Gesellschaft entscheiden, ob sie den heutigen Konsum steigern oder in die Zukunft ihrer Enkel investieren will. Darüber intelligente Diskussionen zu führen und dann Mehrheitsentscheidungen zu treffen, das ist übrigens „Politik“. In der Demokratie können daran alle mitwirken.

Text und Redaktion: Heiner Müller-Ermann (Sprecher BN-Arbeitskreis Wirtschaft)

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