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Mobilfunk und Rinder - Ein Beispiel aus dem Ries

Zusammenfassung aus NuU 2008/2

Rindersterben durch Strahlenschäden

Strahlenbelastung durch Mobilfunksender birgt ernsthafte Risiken für die Gesundheit von Mensch und Tier. Wer in der Nähe eines Sendemasts leben muss, hat oft eine langjährige Leidensgeschichte hinter sich – wie der Bauer Friedrich Stengel aus Oettingen im nördlichen Donau-Ries.

Vertreter des BUND Naturschutz (BN) informierten sich im Februar 2008 auf dem Milchvieh-Betrieb der Familie Stengel über die Probleme, die durch den Bau eines Mobilfunkmasts der Telekom Ende 1997 begonnen hatten. Er stand nun 80 Meter vom Haus und nur 20 Meter entfernt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Viehweide. Im Lauf des Jahres 1998 erkrankten die ersten Kühe und es häuften sich Fehl- und Totgeburten. Stechmücken und Bremsen, auf Viehweiden für gewöhnlich anzutreffen, mieden den Bereich um den Sendeturm, Schwalben und Singvögel bleiben aus. Zeitgleich traten bei Familie Stengel – Vater, Mutter und Sohn – Schlafstörungen, Unruhe- und Erschöpfungszustände und chronische Infekte auf.

Rätselhaftes Rindersterben
„Bis ins Jahr 2001 rätselten wir über die Ursachen“, erinnert sich Friedrich Stengel. Den Hinweis auf eine mögliche Strahlenbelastung durch den Sendemast gab schließlich der Tierarzt, nachdem im Jahr 2000 kein einziges gesundes Kälbchen zur Welt gekommen war und die noch lebenden Kühe schon im dritten Jahr unter Verhaltens-, Bewegungs- und Fortpflanzungsstörungen litten. Blutbilder der Tiere ergaben extrem geringe Werte für weiße Blutkörperchen (Leukozyten), ein Hinweis auf eine geschwächte Immunabwehr. Doch weder Infektionen noch Ernährungs- und Haltungsfehler ließen sich nachweisen. Stattdessen bestätigten mehrere Tierärzte, darunter selbst der vom Umweltministerium entsandte Amtstierarzt, unabhängig voneinander, die Blutwerte seien typisch für eine fortgesetzte Strahlenbelastung.

Friedrich Stengel auf seinem Hof. Im Hintergrund der Sendemast.

Unliebsame Ergebnisse
Doch davon will man im Bayerischen Umweltministerium nichts wissen: Seit 2008 war der Fall Stengel dort bekannt, amtstierärztlich untersucht und dokumentiert; auf Unterstützung wartete die gesundheitlich wie wirtschaftlich geschädigte Familie jedoch vergeblich. Vom Bundesumweltministerium und vom Bundesamt für Strahlenschutz gab es nicht einmal Stellungnahmen, und auf eine Eingabe beim Petitionsausschuss des Bundestags 2003 kam die Auskunft, die Bearbeitung verzögere sich wegen „der großen Anzahl sachgleicher Eingaben“. Ein Bescheid war 2008 noch nicht eingetroffen. Ähnlich wie bei der umstrittenen „Rinderstudie“ werden „missliebige Untersuchungsergebnisse unter Verschluss gehalten und totgeschwiegen“, vermutet BN-Mobilfunkbeauftragte Helga Krause. Zwar hatte sich die Situation der Familie Stengel leicht gebessert, nachdem 2003 die Sendeleistung der Antenne reduziert worden war und die Familie ihre Schlafräume auf die senderabgewandte Seite des Hauses verlegt hatte, doch als Bilanz blieben 14 tote Kühe, zwölf tote Kälber, über 50 Fehlgeburten und ein wirtschaftlicher Schaden von rund 60.000 Euro.* 

* Ergänzung 2011: Bis Mitte 2011 hatte sich die Anzahl der toten Kühe auf 26 und die Anzahl der Früh- und Fehlgeburten auf 76 erhöht. Der finanzielle Schaden betrug mittlerweile mindesten 70.000 €. Besonders deutlich wird der Schaden, wenn man bedenkt, dass die Familie Stengel nie mehr als 8 bis 9 Kühe im Stall stehen hatte!

Folgen für die Landwirtschaft
Hochfrequenzstrahlung von Mobilfunksendeanlagen kann zu schweren gesundheitlichen Störungen bei Tieren führen. Dafür sprechen nicht nur zahlreiche dokumentierte Fälle aus landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch die Ergebnisse der „Rinderstudie“, die einen Zusammenhang zwischen der Strahlenexposition und dem Krankheitsbild der Tiere ergab. Entsprechende Passagen des Abschlussberichts wurden in der Endfassung jedoch »entschärft«, monieren Mobilfunkkritiker. Auch aufgrund ihrer Probandenauswahl ist die Studie umstritten. Dass es auch anders als in Bayern geht, zeigt die Schweiz, wo der Netzbetreiber Orange seinen Sendemast nahe Winterthur 2006 demontierte, nachdem ein benachbarter Landwirt über Jahre Fehl-, Miss- und Totgeburten bei seinen Kälbern zu beklagen hatte.

Mehr Info zum Thema Rinder
www.hese-project.org/de/emf/Studien


Rückfragen
Helga Krause,
Bund Naturschutz in Bayern e.V.
helga.krause@bund-naturschutz.de