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Rettenbach im Vorderen Bayerischen Wald: knapp am Schleudertrauma vorbei

Mitten im Naturpark Bayerischer Wald wollte BMW ein Fahrer-Trainingsgelände für schwere Geländewagen einrichten. Mit geschickter Pressearbeit, über 2000 Unterschriften und Auftritten in Hauptversammlungen der BMW AG gelang es dem Bund Naturschutz, den Autobauer doch noch vom Kollisionskurs abzubringen.

Wo gebrettert wird, da leiden Hähne: In der idyllischen Mittelgebirgslandschaft zwischen Sankt Englmar, Rettenbach und Lindberg im Landkreis Straubing lebt eine kleine Population des Auerhahns. Für ihn wäre das BMW-Projekt wohl zum Verhängnis geworden.

Auf über fünf Hektar wären Schneisen in den Wald geschlagen, Wege gebaut und die vorhandenen Gefälle zurechtplaniert worden. Den schlimmsten Eingriff hätte ein  Schutzwald am Steilhang oberhalb des Breithausbachs erlitten. Er sollte von Steilstrecken durchschnitten werden. Eine weitere ökologische und ästhetische Zumutung war auf einer großen Bergwiese geplant. Für Schleuderübungen sollte sie auf einer Fläche von 1,35 Hektar mit Asphalt versiegelt werden – inklusive Garagen und Tagungsgebäude.

Weil Lärm und Abgase aber nicht am Zaun Halt machen, wäre der ganze Talkessel betroffen gewesen. Besonders im Winter wären Motorengeheul und quietschende Reifen nicht nur für Erholungssuchende lästig gewesen, sondern eine tödliche Bedrohung für das Auerhuhn – häufiges Aufschrecken und Fliehen ohne Nahrungsreserven ist das Todesurteil für den empfindlichen Rote-Liste-Vogel.

Dass dem Huhn und der Rettenbacher Erholungslandschaft dieses spezielle Schleudertrauma erspart blieb, ist hartnäckigen Anwohnern und dem Bund Naturschutz zu verdanken. Sie setzten auf eine Strategie, die nicht nur auf Lokalpolitik und Planungsrecht zielte, sondern auf die Achillesferse des Verursachers: Sein Image.


Bund Naturschutz gegen BMW: Chronik einer Schleuderpartie

Am Ende wiegelten die BMW-Leute ab: Rettenbach sei ja nur einer von vielen möglichen Standorten für das Trainingsgelände und die Proteste völlig unerheblich für den Rückzug. Was der Autokonzern da im Mai 2007 verlautbarte, klang arg nach Schadensbegrenzung.

Hatte der Konzern doch jahrelang sehr konkret mit dem Grundbesitzer und Hotelier Josef Schmelmer verhandelt und geplant. Der konnte bieten, was BMW für die zahlungskräftige Klientel seiner Offroad- und Schleuderkurse suchte: ein schneesicheres bergiges Gelände in kaum besiedelter naturnaher Mittelgebirgslandschaft – mit benachbartem Wellness-Hotel.

Bereits die Pläne aus dem Jahr 2004, die dem Bund Naturschutz zur Stellungnahme vorlagen, waren weit mehr als nur Ideenskizzen: Detailliert wiesen sie die verschiedenen Übungsstrecken, Schikanen, Asphaltflächen und Geländemodellierungen aus. Auch Vorschläge für die fälligen Ausgleichsflächen waren enthalten sowie Klärungsteiche für das kontaminierte Oberflächenwasser der Schleuderplatte sowie kosmetische Gehölzpflanzungen.

Als der Rettenbacher Josef Muhr und seine Familie von dem geplanten Fahrtrainingsgelände in 200 Meter Entfernung Wind bekamen, waren die Weichen schon gestellt: Bürgermeister, Gemeinderat und die meisten Nachbarn erhofften sich Aufschwung für den schwächelnden Fremdenverkehr. Josef Muhr und andere besorgte Anwohner wie der Arzt Klaus Krumbacher sahen das anders: Besonders fürchteten sie den Schalltrichter-Effekt der umliegenden Berghänge. „Der sanfte Tourismus wäre im Lärm untergegangen“, ist Krumbacher überzeugt, „und das Prädikat Luftkurort stand ebenfalls auf dem Spiel“.

Trotzdem winkte im Oktober 2005 auch noch der Kreistag das Projekt durch – mit einer fragwürdigen Entscheidung von CSU und Freien Wählern. Denn eigentlich ist eine Asphalt-Orgie mitten im Landschaftsschutzgebiet gar nicht genehmigungsfähig. Deshalb beschloss der Kreistag im Oktober 2005 kurzerhand eine Änderung der Schutzgebietsgrenzen: Das Planungsgebiet wurde aus dem Naturpark Vorderer Bayerischer Wald gleichsam herausgestanzt.

„Eine krasse Fehlentscheidung“, kritisiert die Landschaftsarchitektin Karin Meindorfer aus Straubing. Sie hatte im Vorfeld der Sitzung für den Bund Naturschutz eine umfassende Stellungnahme verfasst. Denn Naturschutzbelange dürfen nur dann „weggewogen“ werden, wenn ihnen ein schwer wiegendes öffentliches Interesse  gegenüber steht. Profitiert hätten aber allein der Autobauer und sein Hotelier.

Außerdem hätten die Planer keinerlei Fakten über den Zustand der Natur und die ökologischen Auswirkungen geliefert. Die Kreistagsentscheidung war damit „formal und fachlich unhaltbar und verletzte bayerisches Naturschutzrecht“, so die Landschaftsarchitektin.

Doch der Bund Naturschutz ging weiter in die Offensive. Der nächste Schauplatz war die Jahreshauptversammlung von BMW im Mai 2006. BN-Vorstandsmitglied und Unternehmensberater Winfried Berner und der Gynäkologe Klaus Krumbacher machten dort als Aktionäre gezielt von ihrem Rede- und Auskunftsrecht Gebrauch – nicht ohne vorher Presse und Fernsehen informiert zu haben. Zu ihrer eigenen Überraschung erhielten sie von etlichen Aktionären deutlichen Applaus. Zwei ältere Damen boten dem BN sogar ihre – nicht unerheblichen – Stimmrechtspakete an. Zusätzlich protestierte Berner pressewirksam mit einem Transparent am eigenen Auto: „Dies ist mein letzter BMW ...“.

So schafften die beiden BMW-Kritiker den Sprung in populäre Sendungen wie das Umweltmagazin “Unkraut“, „Jetzt red’ I“ und die "Abendschau". Fürs Image des Autokonzerns wurde der geplante Schleuderparcours zusehends zur Schleuderpartie.
Unterdessen reichte der Bund Naturschutz eine Petition beim Bayerischen Landtag ein, um die Bezirksregierung zum Stopp des Projekts zu bewegen. Der Umweltausschuss beschloss einstimmig eine „positive Würdigung“ – was einer politischen Ohrfeige für den Kreis- und Bezirkstag gleichkam. Die aber hatten nicht die politische Kraft, ihre Fehlentscheidung zu korrigieren.

In der Öffentlichkeit setzte sich langsam der Eindruck durch, BMW wolle sein Projekt ohne Rücksicht auf die bayerische Naturlandschaft durchziehen. Im Winter fanden Spaziergänger dann auch noch einen verletzten Auerhahn in der Nähe des Projektgebiets. Naturkenner hatten schon eine ganze Reihe Raritäten wie Schwarzstorch, Haselhuhn oder Hohltaube nachgewiesen. Aufgrund der Habitatstrukturen vermuteten sie auch das Auerhuhn. Jetzt war bewiesen, dass die Rote-Liste-Art tatsächlich hier lebt. Wie kaum ein anderes Tier kennzeichnet es intakte Waldlebensräume.

BMW fühlte sich nun nicht mehr ganz so willkommen – trotz des roten Teppichs, den Gemeinde und Landkreis ausgelegt hatten. Während die Gemeinde weitere Planungsschritte einleitete, gärte es hinter den Kulissen vom BMW. Immer deutlicher zeichnete sich die Gefahr eines Imageschadens ab. Just am Tag vor der Hauptversammlung 2007 düpierten dann „ungenannte Firmenkreise“ die willfährigen Provinzpolitiker, indem sie der Lokalpresse ihre Sicht der Dinge steckten: Rettenbach sei ja nur einer von vielen möglichen Standorten gewesen, und eigentlich nie in der engeren Wahl ...


Natur erleben durch die Windschutzscheibe?

Sportlich heizt der über zwei Tonnen schwere BMW X5 im frostigen Abendlicht durch die Kurve am Waldrand, dreht beim Runterschalten noch ein paar Dezibel auf und stürzt sich in die Steigung: 30 Grad bei zehn Grad Minus – ein Fall für xDrive und Traction Control. Noch Sekunden später rieselt Schnee von den Fichten ...

Auch wenn der Traum vom Naturgenuss durch die Windschutzscheibe platzte: Der Wald hat seinen Teil bereits abbekommen. Im Vorgriff auf das sicher geglaubte Projekt hatte der Eigentümer bereits die nötigen Schneisen geschlagen. So fand der Wind mehr Angriffsfläche: Viele Bäume wurden entwurzelt oder geschwächt, was wiederum den Borkenkäfer anlockte. Inzwischen ist vom oberen Teil des Waldes kaum noch etwas übrig.

Doch der Bergmischwald am südlichen Steilstück präsentiert sich noch immer in ganzer Pracht. Auch rings um das vereitelte Trainingsgelände finden sich viele naturnahe Biotope. An der nördlichen Flanke zum Beispiel plätschert der Breithausbach. Er prägt das Landschaftsbild mit Ufergehölzen und Quellfluren. In der Senke daneben bietet ein Flachmoor- und Nasswiesen-Biotopkomplex Lebensraum für geschützte Orchideenarten wie das Breitblättrige Knabenkraut oder das Geöhrte Läusekraut.

Der Steilhang im Süden des Geländes fällt hinab zum Bett des Rettenbacher Mühlbachs. Dort fischt und jagt der Schwarzstorch. Weitere geschützte Vogelarten, die hier einen geeigneten Lebensraum finden, sind das Haselhuhn, die Hohltaube und der Rauhfußkauz. Auch stark gefährdete Schmetterlinge konnten Naturschützer im Gebiet nachweisen, darunter Eisvogel und Schwarzblauer Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Für sie und ihre Raupen ist das gesamte Gebiet ein wichtiger Baustein im Lebensraumgefüge.

Vom Dachstuhl der Kirche aus machen sich nachts die Fledermäuse auf die Jagd. Stark gefährdete und streng geschützte Arten wie die Nord- oder die Zweifarbfledermaus unterstreichen den besonderen naturschützerischen Wert des Gebiets. Für diese Tiere ist der Wald bei Rettenbach eines der letzten verbliebenen Refugien. Der BMW X5 findet auch anderswo, an geeigneterer Stelle seinen Platz.