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Sulzheimer Gipshügel: Steppenheide in Unterfranken

Es ist eine einzigartige Landschaft, deren Geschichte vor über 200 Millionen Jahren begann: Heute bieten die Sulzheimer Gipshügel eine Pflanzengesellschaft, wie sie hierzulande kein zweites Mal zu finden ist. Der Schutz des Gebiets geht auf den BUND Naturschutz zurück, doch Unkenntnis und mangelnde Besucherlenkung gefährden die empfindliche Vegetation auch heute noch.

Die Relikte einer „pontischen Pflanzengesellschaft“ finden sich an den Sulzheimer Gipshügeln. Der Begriff bezeichnet eine Steppenheide, wie man sie am Schwarzen Meer findet, etwa in Südrumänien, der Ukraine und in Südrussland. Eine direkte Verbindung ist indes kaum anzunehmen; wahrscheinlicher ist, dass es sich um eine uralte Vegetationsinsel handelt, die nicht nur die letzte Eiszeit überlebt hat, in der das Schweinfurter Becken gletscherfrei war, sondern auch die rund 20.000 Jahre seither. Deshalb spricht man auch von einer "postglazialen Steppenvegetation".

Gips ist wasserlöslich. Wo er mit Wasser in Berührung kommt, wird er rasch ausgeschwemmt. Das erklärt die skurrilen Wellen, Einbrüche und Buckel, die diese eigenwillige Landschaft auszeichnen, in der im Frühjahr Adonisröschen, Küchenschellen und Traubenhyazinthen blühen. Eine Fläche von 8,3 Hektar zu beiden Seiten des Unkenbachs wurde dort 1979 als Naturschutzgebiet ausgewiesen – zur Überraschung vieler Einheimischer, die das Gebiet schon längst für geschützt hielten. Was wohl auch an der jahrzehntelangen Vorarbeit der Naturschutzverbände lag…


Besonderer Wert der Sulzheimer Gipshügel schon vor einem Jahrhundert erkannt

Die erste Erwähnung der Sulzheimer Gipshügel in den "Blättern für Naturschutz", den Vorläufern der "Natur + Umwelt", liegt fast 100 Jahre zurück: Im Heft 1-1925 berichtet Studienprofessor Anton Jäckel, dass der Artenreichtum dieser Region bereits 1666 erstmals von Johann Michael Fehr, dem Mitbegründer der Leopoldina, beschrieben wurde. Fehr beklagt die rücksichtslose Ausbeutung der floristisch wertvollen Grettstadter Wiesen und fordert, „wenigstens einzelne, zur Kultivierung ohnedies weniger geeignete Stellen (Ried, Riedholz, am Froschbach, bei den Tümpeln, die Sulzheimer Gipshügel) als Naturschutzgebiet“ auszuweisen.

Im folgenden Jahr (Heft III/1926) berichtet wohl derselbe Autor:

„Gemeinsam vom Bund Naturschutz in Bayern, der Bayerischen Botanischen Gesellschaft und dem Naturhistorischen Verein in Schweinfurt wurde ein der Gemeinde Sulzheim gehörendes Grundstück von etwa 2,2 ha Größe zunächst auf 10 Jahre zu dem Zwecke gepachtet, um das reizvolle Florenbild dieser sogen. Sulzheimer Gipshügel zu erhalten.

In den Pachtverdingungen verpflichtet sich die Gemeinde Sulzheim, das Gelände in seinem bisherigen Zustande zu belassen und eine Nutzung für die Gewinnung von Wiesenheu nur unter der Bedingung zu gestatten, daß 1. das Mähen des Grases nicht vor dem 20. August geschehen darf, 2. landwirtschaftliche Bodenbewässerung jeder Art unzulässig ist, 3. das Gelände nur vom 1. November bis 1. März als Weide benutzt werden darf.“

In dem Beitrag gibt er auch einen Überblick über die dort angetroffenen Arten:

„Auf den sonnigen Kuppen und im Gebüsch finden sich u.a. Adonis vernalis (Adonisröschen), Pulsatilla vulgaris (Küchenschelle), Muscari botryoides (Traubenhyazinthe), Stipa capillata und pennata (Pfriemengras), Astragalus danicus (dänischer Tragant), Euphorbia Gerardiana (Wolfsmilch), Allium fallax und oleraceum (Lauche), Bupleurum falcatum (sichelförmiges Hasenohr), Eryngium (Mannstreu), Falcaria (Sichelmöhre), Seseli (Roßfenchel), Marrubium (Andorn), Phleum Boehmeri (Lieschgras), das sind hauptsächlich Heidepflanzen. An Flechten wurden beobachtet: Cornicularia (Hornflechte), Cladonia alcicornis (Säulchenflechte), Psoroma fulgens und lentigerum usw.“

Danach werden die Sulzheimer Gipshügel in den „Blättern“ jahrzehntelang nicht mehr erwähnt. Erst 1958 stellt Dr. h.c. Alfred Ade (Gemünden) sie in einem ausführlichen Artikel erneut vor. Der Pachtvertrag sei wohl längst erloschen, meint er, doch die Gemeinde hat ihn ohnehin nicht sehr ernst genommen:

„Leider hatte der Gemeinderat Sulzheim bereits 1933 den damaligen Pachtvertrag verletzt, indem er über die Hügel in schnurgerader Linie an 20 Roßkastanienbäume pflanzen ließ, obwohl nach den Pachtbedingungen jede Veränderung des Geländes untersagt worden war.“

Wie bedeutend die Gipshügel und die Grettstadter Wiesen aus naturhistorischer Sicht sind, wird aus Ades nachfolgender Darstellung deutlich:

„Besiedelt sind die Sulzheimer Gipshügel von einer Pflanzengesellschaft, die im größten Gegensatz zu derjenigen der eigentlichen Grettstadter Wiesen steht; sie gleicht der die südrussischen Steppen nördlich vom Schwarzen Meer bewohnenden Flora und fällt daher unter dem Begriff einer 'pontischen Pflanzengesellschaft'. Daß sie aber tatsächlich von Südrußland stamme, ist weder bewiesen, noch auch nur wahrscheinlich; es kann sich hier ebenso gut um Eiszeitüberdauer handeln. Im eisfreien Maingebiete, selbst zur Rißeiszeit noch 150-200 km von den Binneneisrändern entfernt, konnte recht wohl die gegen kalte Winde und Trockenheit fast unempfindliche Steppenflora, wie sie vor Einbruch des Mittelmeeres schon zu Ende der Tertiärzeit, des jüngeren Pliocaens, im damals viel kontinentalerem Klima Mitteleuropas geherrscht haben mag, also vor rund 800000 Jahren, die klimatischen Wechsel und Unbilden überstanden haben; tauchen doch selbst im fernen Spanien, in den trockenheißen Steppen Kataloniens und Aragoniens die nämlichen Pflanzenarten, oft nur wenig verändert, fast restlos wieder auf, die sonst gewöhnlich als Eigenheiten der pontischen Flora Südosteuropas gelten. Im atlantischen Klima Frankreichs sind diese Pflanzen in den feuchtwarmen Zwischeneiszeiten allerdings vielfach zugrunde gegangen. Jedenfalls handelt es sich hier um die ältesten Bewohner unseres Frankenlandes, die wir mit Ehrfurcht betrachten, obendrein auch noch ihrer Schönheit und Eigenart wegen schützen und lieben müssen."

Alfred Ades Artikel von 1958 schließt mit einer seitenlangen Aufzählung der dort gefundenen Arten, die seine Sichtweise untermauern und zugleich unterstreichen, welche botanische Rarität diese Landschaft darstellt. Untersuchungen aus neuerer Zeit, die überprüfen, wie viele dieser Arten nicht nur die rund 20.000 Jahre seit dem Ende der letzten Eiszeit überlebt haben, sondern auch die letzten 65 Jahre, gibt es leider nicht.


Hauptgefährdung der Sulzheimer Gipshügel heute: unwissende Besucher

Den Gipsabbau selbst sieht Erich Rößner, der Vorsitzende der BN-Ortsgruppe Gerolzhofen, eher entspannt. Ihm liegen vor allem die wertvollen Gipshügel am Herzen, für die er auch Naturschutzwächter ist. Der Abbau findet jedoch auf landwirtschaftlich genutzten Flächen statt, sodass dort keine wertvollen Lebensgemeinschaften zerstört werden. Deshalb meint Rößner: „Der Bedarf für den Gips ist da, und er liegt hier an der Oberfläche. Die Flächen werden danach wieder landwirtschaftlich genutzt, also warum soll man den Gips nicht abbauen?“

Dagegen macht ihm das Naturschutzgebiet selbst Sorgen: Vor allem im Frühjahr zieht es Hunderte von Besuchern an, von denen sich viele nicht an das Wegegebot halten, sondern kreuz und quer über die empfindliche Vegetation laufen. Bei den allermeisten steht dahinter keine böse Absicht; sie reagieren erschrocken und verständnisvoll, wenn Rößner sie anspricht: Sie wissen schlicht nicht, wie trittempfindlich die Flächen sind, und kennen auch das Wegegebot nicht, weil vor Ort nicht deutlich genug darauf hingewiesen wird.

Das eigentliche Problem ist, dass die Besucherlenkung auf den ebenso wertvollen wie empfindlichen Flächen sehr zu wünschen übrig lässt. Das ist fatal, denn Adonisröschen und Küchenschellen locken zum Fotografieren, sodass die Versuchung groß ist, sie aus nächster Nähe zu knipsen – und dabei ahnungslos quer durch die trittempfindliche Vegetation zu laufen. Es wäre dringend erforderlich, dass die Untere Naturschutzbehörde in Schweinfurt ihrem Namen gerecht wird und die wertvollen Flächen, die zehntausende von Jahren überdauert haben, davor schützt, binnen weniger Jahrzehnte unbeabsichtigt zertrampelt zu werden!


Wanderung auf dem Gipsrundweg

Wer sich ein eigenes Bild von den Sulzheimer Gipshügeln und ihrer Vegetation machen will, nutzt am besten den sieben Kilometer langen „Gipsrundweg“, den das dortige Gipsinformationszentrum gestaltet hat. Er beginnt im Zentrum von Sulzheim und führt sowohl zu den Steinbrüchen, in denen auch heute noch Gips industriell abgebaut und verarbeitet wird, als auch durch Renaturierungsflächen sowie durch das Naturschutzgebiet und von dort zurück nach Sulzheim.

Im zeitigen Frühjahr leuchten auf den Gipshügeln gelb die Adonisröschen aus den noch matt-winterbraunen Rasenflächen, und die Küchenschellen bilden nicht nur einzelne Gruppen, wie man sie vom Jura kennt, sondern ganze Teppiche, wie wir sie noch nirgendwo anders gesehen haben. Später kommen in großer Zahl die Traubenhyazinthen, sodass die noch kahlen alten Eichen wie in einem blauen Schaum zu stehen scheinen. Und im Sommer schwirrt und summt dort alles. Damit das auch so bleibt, halten wir uns strikt an die Wege und die erkennbaren Trampelpfade.

  • Ausgangspunkt: Sulzheim (zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen)
  • Länge / Gehzeit: ca. 7 km / 2 Stunden
  • Wegcharakter: Straßen, Feldwege, markierte Pfade
  • Einkehr: Sulzheim, Kolitzheim-Herlheim