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„Das Thema Nationalpark war ein Lernprozess“

Im Interview: Hubert Zierl, Jahrgang 1936, Vorsitzender des Vereins „Freunde des Nationalparks Berchtesgaden“, seit vielen Jahrzehnten BN-Mitglied und Autor der Nationalpark-Eigenedition „Geschichte eines Schutzgebietes“. Der Förstersohn aus der Jachenau bei Bad Tölz war von 1978 bis 2001 erster Leiter des Nationalparks Berchtesgaden. 

Dr. Hubert Zierl (Foto: Veronika Mergenthal)

Was hat Sie am Nationalpark-Gedanken fasziniert?

Das Thema Nationalpark war für mich auch ein Lernprozess, den ich allerdings schon im Bayerischen Wald machen konnte. Hilfreich war für mich meine Doktorarbeit über Fichtenwälder in den Hochlagen des Bayerischen Waldes, wo es noch Reste von Naturwäldern gab. Mein Doktorvater gab mir den Tipp: „Schauen Sie sich mal in den Wäldern um, wo der Mensch nicht eingegriffen hat.“ Da bin ich zum ersten Mal mit dem Prinzip, die Natur sich selber zu überlassen, in Berührung gekommen. Ich habe gemerkt, dass der Wald das Problem der Verjüngung selber hervorragend löst.

Welchen Widerständen sind Sie in den ersten Jahren des Nationalparks Berchtesgaden begegnet?

Während der ersten Energiekrise Mitte der 70er-Jahre war vielfach Unverständnis da – und ist es bis heute -, dass man den Wald mit seinem Holz- und Energiewert nicht nutzt. Der nächste Vorwurf war, dass wir eine Schädlings- und Ungezieferzucht betreiben. Man befürchtete auch, dass der Wald ohne Pflege zusammenbricht und keinen Lawinenschutz mehr bietet. Es kursierte die Warnung vor „Unbewohnbarkeit der Täler“. Das Gegenteil ist der Fall. Der Wald hat sich hervorragend verjüngt. Wenn das Holz draußen liegen bleibt, entsteht ein ausgezeichneter Lawinenschutz und auch ein gewisser Schutz vor Wildverbiss. Dann gab es natürlich auch das Thema der Rückkehr der großen Beutegreifer. Die Angst vor diesen Tieren ist unendlich groß, obwohl sie es nicht sein müsste.

Warum nicht?

Für keinen der drei Beutegreifer Bär, Wolf oder Luchs ist der Mensch eine Beute. Ich bin im Bayerischen Wald einmal auf einer Straße zwei Wölfen begegnet, die aus dem Wald kamen. Sie sind 20 Meter vor mir wieder in den Schnee gelaufen. Im Grunde sind die Wildtiere scheu und meiden den Menschen. Was die Behirtung anbelangt, sind Hütehunde offenbar eine erfolgreiche Abwehr.

Haben Sie Konzepte für eine mögliche Rückkehr entwickelt?

In der Planungsphase des Nationalparks wurden dazu zwei Gutachten erstellt. Es wäre kurzsichtig zu sagen: Wir entwickeln da ein Konzept nur für den Nationalpark. Man geht davon aus, dass man mindestens 50 Paare haben müsste, um eine Population am Leben zu erhalten. Ein Bär braucht mindestens 1000 Hektar. Im Nationalpark gibt es vielleicht 10.000 Hektar „bärfähige“ Fläche, das heißt, es hätten höchstens zehn Bären Platz. Man kann das nicht auf die Region beschränken, sondern muss das alpenweit sehen. Wir hatten auch viele Diskussionen mit Almbauern und Jägern. Unsere Devise ist, dass wir diese Beutegreifer akzeptieren, wenn sie von selber kommen, sie aber nicht aktiv hier ansiedeln.

Wie verträgt sich der Schutzgebietsgedanke mit dem Tourismus?

Die Idee, den Nationalpark für den Menschen zu öffnen, war von Anfang an wichtig. Sein Vorbild, der Yellowstone-Nationalpark in den USA, wurde 1872 „zur Freude und Erbauung der Besucher“ gegründet. Der Mensch zu Fuß ist in Schutzgebieten kein großes Problem, wenn er sich an die markierten Wege hält und seinen Abfall mitnimmt. Die Wildtiere reagieren in der Regel angstfrei und ziehen sich nur langsam zurück, wenn sie Menschen an gewohnten Stellen antreffen. Das mit dem Abfall funktioniert auf Steigen ganz gut. Auf Forststraßen hat es eine Zeit lang gedauert: Viele meinten, dass da sowieso die Müllabfuhr kommt.

Was ist Ihr Lieblingsplatz im Nationalpark?

Altersbedingt bewege ich mich heute gerne im Wimbachtal oder Klausbachtal. Aber ich habe auch einen beruflich bedingten Lieblingsplatz, obwohl ich seit 2001 im Ruhestand bin: Oben am Hochkalter am Ofentalweg liegt ein Windwurf von 15  Hektar vom Sturm Wiebke 1990. Da gehe ich jedes Jahr hinauf und schaue, wie sich der neu entstehende Wald entwickelt. Es kommen unter anderem Eberesche, Ahorn, Birken, Weiden, Buchen, Lärchen und Fichten. Wissenschaftlich wurde dies gut begleitet: Am Anfang gab es eine Diplomarbeit dazu und vor einigen Jahren eine Facharbeit einer Gymnasiastin.