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Carl Freiherr von Tubeuf - Vordenker des Naturschutzes

„Mein Blick fällt auf die Zeitung, vor der ich mich in die Waldeinsamkeit flüchtete, um Hirn und Herz für ein paar Stunden Ruhe zu gönnen, die Gedanken und Nerven abzulenken von dem schaurigen Bilde des menschenmordenden Völkerkampfes“, schreibt Carl Freiherr von Tubeuf. In einer Schenke an einem „schwarzen Bergsee“ erfuhr er zufällig von den Plänen für den „Assyrischen Löwen“ in der Falkensteiner Wand. Empört schickte er einen Brief, der für Aufsehen sorgte, an die „Münchner Neuesten Nachrichten“.

Carl Freiherr von Tubeuf (Foto: BN-Archiv)

Die Münchner Zeitung druckte ihn am 5. Oktober 1916 mit folgender Einleitung ab: „Die Stellungnahme des Vorstandes des Bundes Naturschutz in Bayern erscheint uns zur Veröffentlichung umso wichtiger, als die Propaganda für das unglückselige ,Wahrzeichen-Projekt' in gewissen Münchner und Berliner Kreisen trotz aller warnenden Gegengründe weiter betrieben wird.“

„Ein Anschlag auf den Königssee – hier mitten im tiefsten Frieden“

Das von Tubeuf in der Schenke entdeckte Nachrichtenblatt war alt, enthielt keine aktuellen Kriegsnachrichten, doch was er da las, machte ihn zornig. Tubeuf: „Ein Anschlag auf den Königssee – hier mitten im tiefsten Frieden, im innersten Winkel der friedlichsten Berge – nicht von Russen, Serben und Rumänen – nicht von heimtückischen Granaten getroffen stürzen die Felstrümmer der hehren Steilwand in die smaragdene Flut des schwarzen Sees – nein, der Meißel der Kunst wagt sich an dieses Heiligtum, wie dichterische Irrlichter sollen die Funken unter seinem Klang aus dem Gestein springen, lauter Schlag soll hier ertönen, wo Lautlosigkeit das Heilige des Ortes gebaut“. In der für uns Heutige ein wenig blumig wirkenden Sprache mahnt er erschüttert zur Ehrfurcht vor der Natur: „Den Königssee sollen auch spätere Geschlechter in seiner Ursprünglichkeit und Kraft empfinden und lieben, seine Wände und Wälder sollen Natur bleiben, seine Ufer sollen Frieden atmen!“

Universitätsprofessor am Institut für Forstbotanik

Wer war dieser scharfsinnige und energische Vordenker des Naturschutzes? Tubeuf wurde 1862 im unterfränkischen Amorbach geboren und starb 1941 in München. Einem Tubeuf-Portrait seines ehemaligen Assistenten Ernst Münch 1942 im „Forstwissenschaftlichen Centralblatt“ (Quelle: European Journal of Forest Research) ist zu entnehmen, dass er nach dem humanistischen Gymnasium und dem Studium der Forstwissenschaft in Aschaffenburg und München einige Monate am Bayerischen Forstamt Freising arbeitete. An der Universität München wurde er zunächst botanischer Assistent von Robert Hartig, dessen Tochter er heiratete, und 1902, nach einer Tätigkeit am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin und nach Hartigs Tod, sein Nachfolger. Spezialgebiete des vielseitigen Forstbotanikers waren Gehölzkunde und Pflanzenkrankheiten; seine Abhandlung über die Mistel ist heute noch eine wichtige Forschungsgrundlage. Er hatte drei Töchter und einen Sohn, der wie etliche seiner Vorfahren mütterlicherseits Forstmann wurde. Seine Münchner Professur hatte Tubeuf 31 Jahre bis 1933 inne, zudem war er auch Mitglied der Bayerischen Forstlichen Versuchsanstalt. 1913 gründete er mit einer Gruppe Gleichgesinnter in München den „Bund Naturschutz in Bayern“ und wurde dessen erster Vorsitzender. In seiner Zeit als Vorsitzender bis 1934 gelang es Tubeuf, sich in etlichen bedeutenden Projekten für die gesteckten Ziele einzusetzen. 

Denkschrift von 1921 hatte bahnbrechende Wirkung

Seine Sommerfrische verbrachte er offenbar gern in den Berchtesgadener Bergen. Als Wissenschaftler lag ihm – neben der persönlichen Liebe zur Natur – auch hier die Forschung am Herzen. Dies geht aus seiner 1920 verfassten und 1921 veröffentlichen „Denkschrift für die Errichtung eines Naturschutzgebietes am Königssee“ hervor, die für Aufsehen sorgte. Tubeuf erwähnt darin botanische Forschungen von Karl Magnus im Pflanzenschonbezirk. „Diese Aufnahmen sind im Jubiläumsbande der bayerisch-botanischen Gesellschaft niedergelegt und sollen periodisch erneuert werden, um jede Veränderung der sich selbst überlassenen Natur zu erkennen“, regt er an. In dieser Schrift warnt er auch vor einem „größeren Hotelbetrieb“ auf St. Bartholomä, „lärmenden Dampfern“ und „aufdringlicher Industrie“. Er nennt es einen Fehler, dass man den Schutz 1910 nur auf die Pflanzenwelt beschränkt hat. „Der Schutz soll der gesamten Natur des Königssees und seiner Berge zugute kommen“, fordert Tubeuf. Offenbar hatte er auch ein kooperatives Talent und schaffte es, selbst auch Vorsitzender des Vereins für Naturkunde, dass diverse Naturschutzvereine und die zuständigen Behörden an einem Strang zogen, wie der „Verein zum Schutz der Alpenpflanzen“ und der „Verein zur Gründung von Naturparks“. Letzterer steuerte immerhin 1000 Mark zur Herausgabe der Broschüre „Das Naturschutzgebiet am Königssee“ bei, die auch Essays anderer Autoren enthält. Das Original dieses Büchleins, das damals drei Mark kostete, hat die BN-Kreisgruppe Berchtesgadener Land in ihrem Archiv und stellte sie in digitaler Form als Zusatzdokument zu diesem Beitrag zur Verfügung.