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Reichswaldbilanz 2019

Reichswald durch Waldsterben 2.0 bedroht

15.07.2019

Der Klimawandel ist in Mitteleuropa angekommen, die Schäden an Gebäuden, Straßen und Schienen durch Stürme und Hochwasser erreichen bereits jährlich hohe Millionensummen. Insekten wie der Schwammspinner oder der Eichenprozessionsspinner sind nervige Boten dieser Entwicklung. Die Grundwasservorräte sinken seit Jahren. Auch in der Landwirtschaft sind die Dürreschäden und Ernteausfälle nicht mehr wegzudiskutieren. Nun trifft es auch den Wald. Die Jahrhundertsommer 2015 und 2018 haben zum ersten Mal in der Geschichte der Waldaufzeichnungen zu einem Kiefernsterben großen Ausmaßes geführt. Ausgerechnet bei der Baumart, die Trockenheit gut verträgt, sind es vor allem die ungewohnt hohen Temperaturen, die ihr zusetzen. Die Schäden scheinen sich 2019 deutlich auszuweiten.

"Wir stehen an einem Scheideweg: Entweder wir schaffen es, den Klimawandel aufzuhalten oder wir stehen vor einem Waldsterben 2.0. In den 1980er Jahren gelang es noch, mit der Entschwefelung der Kraftwerke und der Kraftstoffe die Versauerung der Waldböden einzudämmen und zu einer Erholung der sterbenden Wälder beizutragen. Das wird diesmal viel schwieriger, weil der Klimaschutz alle Lebensbereiche betrifft und schmerzhafter Entscheidungen bedarf", so Richard Mergner, BN-Landesvorsitzender. "Um die Wälder zu retten, brauchen wir umgehend politische Entscheidungen zum Schutz des Klimas, auch auf globaler Ebene. Dafür muss sich auch die Staatsregierung einsetzen."

"Im Reichswald, aber auch im Bamberger Hauptsmoorwald und in vielen Wäldern Mittelfrankens, überall sehen wir immer mehr Kiefern mit rotbraunen Baumkronen", so Dr. Ralf Straußberger, Waldreferent des BN. "Diese Kiefern sind i. d. R. dem Tod geweiht und nicht mehr zu retten."

Das Kiefernsterben hat dramatische Ausmaße angenommen. Ein Schadensschwerpunkt beim Kiefernsterben liegt sicher in Mittelfranken, weil hier zu der extremen Hitze auch eine extreme Trockenheit kommt. Dies verkraften die Nadelbaumarten Kiefer und Fichte nicht, weil sei nur an kühleres Klima angepasst sind. Als Alternativen zu diesen besonders gefährdeten Baumarten gelten Eichen, Buchen und Weißtannen, die eine moderate Erwärmung verkraften würden. Aber auch diese Baumarten stehen unter Stress und würden eine Klimaerwärmung von + 4° bis 5°C wohl nicht überleben. "Ein derartiges Mittelmeerklima würde wohl keine unserer heimischen Baumarten verkraften", so Straußberger. "Wir sehen die bisherigen erfolgreichen Waldumbaubemühungen gerade im Nürnberger Reichswald als stark gefährdet, wenn die Politik nicht endlich beim Klimaschutz handelt."

"In der dicht gebauten Stadt Nürnberg sind wir auf den Reichswald unmittelbar angewiesen. Gerade in Hitzesommern wie jetzt rettet uns der kühlende Wald. Etwa drei Grad Celsius wäre es in der Stadt heißer, wenn es den Reichswald nicht gäbe. Dabei sind die Temperaturen jetzt schon grenzwertig", so Oliver Schneider, stellv. Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Nürnberg-Stadt.

So wichtig der Reichswald für das Stadtklima ist, so kritisch kann sich das aufgeheizte Stadtklima lokal für den Reichswald auswirken: Im Siedlerwald am Tiergarten sind auf ein bis zwei Hektar genau dort die Kiefern abgestorben, wo die breiten Straßen und die Bebauung direkt an den Reichswald angrenzen und auch den Wald mit aufheizen. Nur 100 - 200 m weiter im Waldesinneren sind bei kühlerem Bestandsklima kaum noch Kiefern geschädigt.

Der Nürnberger Reichswald wird in seiner Substanz auch durch Eingriffe bedroht: Der sechsstreifige Ausbau der A 6 bei Schwabach, der sechsstreifige Ausbau der Autobahn A 73 südlich Nürnbergs (7 ha), der gigantische Umbau am Autobahnkreuz Nürnberg-Ost (A 9/A 6; 16 ha) und der Neubau einer Brücke am Autobahnkreuz Nürnberg (A3/A9) führten zu ca. 35 Hektar Waldrodungen. Der unsägliche "Los-Angeles-Knoten" bei Ottensoos an der B 14 kostete neben Acker auch 0,8 Hektar Wald.

"Leider konnten wir trotz guter Unterstützung durch Bürgerinitiativen diese Eingriffe nicht verhindern. Der Straßenbau kostet zu viel Wald und Landschaft. Wir brauchen dringend eine Verkehrswende, nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch, damit der Reichswald nicht noch mehr unter die Räder gerät", so Tom Konopka, Regionalreferent für Mittel- und Oberfranken.

Demnächst wird Reichswald für ein Wohngebiet an der Regensburger Straße fallen (ca. 2 ha).

Weiter kämpft der BN gemeinsam mit Bürgerinitiativen

  • gegen die geplante PWC-Anlage bei Moosbach (A6, 5 ha), 
  • gegen die Nordspange zum Flughafen Nürnberg (B4f, 40 ha),
  • gegen Waldeingriffe an der Wiener Straße in Nürnberg,
  • gegen eine mögliche Direktanbindung von Rummelsberg durch den Wald (ca. 6 ha),
  • gegen die Erweiterung der Fa. Tadano im bereits einmal geretteten Schulholz östlich der A 9 bei Lauf (10 ha),
  • gegen ein Gewerbegebiet von Ottensoos im Wald an der B 14 (4 ha).
  • Beim geplanten Ersatzneubau der Stromtrasse Raitersaich-Ludersheim (sog. Juraleitung P53, 45 km Länge) kämpft der BN mit Bürgerinitiativen für menschen- und waldfreundliche Lösungen. Hier stehen 135 Hektar Wald, möglicherweise sogar mehr, zur Disposition.
  • Ganz neu bekannt geworden ist ein Plan der Stadt Röthenbach an der Pegnitz, ein 10 Hektar großes Waldgebiet im Bereich Mühllach für ein Gewerbegebiet zu opfern. Hier beginnt soeben der Widerstand.

Erfreulich:

Durch Aktionen der BI Pro Grün Feucht mit dem BN konnte eine geplante Waldrodung im Rahmen der Flächennutzungsplanung soeben verhindert werden.

Erfreulich:

Im Rahmen einer Bannwalderweiterung werden soeben im Sebalder Reichswald etliche Flächen in den Bannwald aufgenommen. Der BN hat weitere Ergänzungen vorgeschlagen.

Mit einer Kundgebung werden die Bürgerinitiativen, der BN und viele befreundete Verbände beim Reichswaldfest am Sa., 20. Juli 2019 für den Klimaschutz und den Walderhalt demonstrieren. Hauptredner sind Dr. Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender B90-Die Grünen im Bundestag, Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND und Richard Mergner, Landesvorsitzender des BN.

Am So., 21. Juli steht der Festcharakter im Vordergrund.

Für Rückfragen: Tom Konopka Regionalreferent für Mittel- und Oberfranken Telefon 0911 81878-24, 0160 8531944 Mail: tom.konopka@bund-naturschutz.de