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Mertinger Höll: das gerettete Biotop

Grüne Wiesen, Gräben, Tümpel und dazwischen kleine Ackerflächen – das Mertinger Ried mit seinem Kerngebiet, der Mertinger Höll, zählt zu den letzten ursprünglichen Wiesengebieten im schwäbischen Donauried. Hier hat der Bund Naturschutz seit den 70er-Jahren rund 90 Hektar Fläche angekauft und vor der Zerstörung bewahrt.

Auf 25 Quadratkilometern erstreckt sich das Niedermoorgebiet zwischen Donauwörth und Dillingen. Die feuchten Wiesen des Mertinger Rieds sind Heimat für Brachvogel, Kiebitz und viele andere seltene Vogelarten. Und auch Pflanzen, wie das stark bedrohte „Duftende Mariengras“ oder das vom Aussterben bedrohte „Graben-Veilchen“ fühlen sich hier wohl. Das Kerngebiet, die 142 Hektar große „Mertinger Höll“, ist heute ein Naturschutzgebiet, doch es hätte auch ganz anders kommen können: Flugplatz, Atomkraftwerk oder Magnetschwebebahn-Teststrecke – Regierung und Investoren hatten viele Pläne, die unbebaute Ebene zu nutzen.

Zum Glück scheiterten sie alle am Widerstand von engagierten Naturschützern. In den 70er-Jahren kaufte der Bund Naturschutz im Mertinger Ried die ersten Flächen als Sperrgrundstücke gegen den geplanten Atommeiler. Dies war der Grundstein für das bayernweit größte Flächenankaufsprojekt in der Geschichte des BN. Seither engagiert sich die Kreisgruppe Donau-Ries im Projektgebiet Mertinger Ried / Lauterbacher Ruten für den Schutz und die Pflege des Biotops und den Erwerb von weiteren Flächen.


Von der Hölle zum Naturschutzgebiet

Der Name „Mertinger Höll“ erinnert noch heute an die schwere Arbeit der Bauern in der sumpfigen Ebene. Geplagt von Hitze, feuchtem Untergrund und unzähligen Schnaken bauten sie bis in die 1960er-Jahre Torf ab oder mähten die Streuwiesen. Heute steht das Kerngebiet im Mertinger Ried unter Naturschutz  –  doch bis dahin war es ein langer Weg.

Über Jahrhunderte mühten sich die Bauern, dem sumpfigen Gelände zwischen Donauwörth und Dillingen Ertrag abzuringen. Die häufig überschwemmten Wiesen zwischen Donau, Schmutter und Zusam dienten lange als Streu- und Futterwiesen und dem Torfabbau. Im 20. Jahrhundert wurden, nach der künstlichen Senkung des Grundwasserspiegels, einige Teile des Rieds sogar als Acker genutzt, doch das genügte so manchem Planer nicht: In Zeiten der Wachstumseuphorie entstanden zahlreiche Ideen, was mit der weiten, wenig besiedelten Ebene geschehen könnte: So hatte man einen Jagdgeschwaderübungsplatz und einen Segelflugplatz im Visier, doch beides konnte durch Proteste verhindert werden.

Schütz‘ dies Land vor Unverstand

Kaum waren diese Pläne vom Tisch, war das Donauried Anfang der 70er-Jahre als Standort für eine Magnetschwebebahn-Teststrecke im Gespräch. Mit dem erbitterten Widerstand von Bund Naturschutz,  Anwohnern und der von den Landwirten gegründeten „Schutzgemeinschaft Donauried“ hatten die Macher allerdings nicht gerechnet. Nach einigen Jahren mit Protestaktionen, Verfahren und  Diskussionen gab die Regierung das Vorhaben 1977 wieder auf.

Doch ein Jahr später, 1978, musste die gleiche Abwehrfront wieder aktiv werden: Bei Pfaffenhofen war der Bau eines Atomkraftwerks geplant. Nach Jahren des Widerstands – und nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – wurden die Pläne auf Eis gelegt und 1990 endgültig aufgegeben. Heute erinnert ein Wegkreuz bei Pfaffenhofen an das Großvorhaben. Die Inschrift auf dem im Volksmund auch „Atomkreuz“ genannten Mahnmal stammt vom Lauterbacher Heimatdichter Alois Sailer und lautet: „Herr, schenk Du Fried’ dem Donauried, und schütz’ dies Land vor Unverstand."

Flächenankauf und Pflege

Am Ende siegte der Verstand über den Unverstand, und immer mehr Menschen erkannten die Bedeutung des Mertinger Rieds: Das Niedermoor ist Zufluchtsort für seltene Tier- und Pflanzenarten, dient als Wasserspeicher und leistet durch das Speichern von CO2  einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Ab 1962 pachtete der Tierschutzverein Augsburg die Mertinger Höll und wurde 1982 vom Landkreis Donau-Ries abgelöst. Die Ausweisung der Mertinger Höll als Naturschutzgebiet erfolgte 1984. Das gesamte Mertinger Ried wurde 2001 bis 2004 als Schutzgebiet für den europaweiten Biotopverbund „Natura 2000“ gemeldet.

Doch bereits in den 70er-Jahren hatte der Bund Naturschutz im Ried die ersten Flächen als Sperrgrundstücke gegen die Magnetbahn-Teststrecke und AKW angekauft. Dies war die Keimzelle für das bayernweit größte Flächenankaufsprojekt des Bundes Naturschutz. Mit Unterstützung des Bayerischen Naturschutzfonds und der Heinz-Sielmann-Stiftung konnten im Laufe der Jahre und Jahrzehnte weitere Flächen erworben werden. Mittlerweile besitzen Bund Naturschutz und Landkreis Donau-Ries rund 170 Hektar, weitere Flächen wurden von den Eigentümern gepachtet und so für den Naturschutz gesichert. In den kommenden Jahren sollen noch mindestens 50 Hektar hinzukommen.  Grundstücksankäufe, Recherchen und oft langwierige Verhandlungen mit Besitzern und Behörden betreut Projektleiter Alexander Helber gemeinsam mit Jürgen Scupin. Doch mit Kauf oder Pacht allein ist es nicht getan: Die Kreisgruppe Donau-Ries mit ihren Vorsitzenden Rudolf Schubert und Alexander Helber pflegt das Biotop in Zusammenarbeit mit über zwanzig Landwirten.


Bei Riedteufel und Himmelsziege

Hier trifft man Brachvogel, Laubfrosch, Riedteufel und viele andere seltene Tier- und Pflanzenarten: Durch das bayernweit größte Flächenankaufsprojekt ist es dem Bund Naturschutz  und vielen Helfern gelungen, im Mertinger Ried einen einzigartigen Lebensraum zu bewahren.

 

Landschaften wie das Mertinger Ried sind im 21. Jahrhundert selten geworden. Die meisten Niedermoor- und Anmoor-Flächen Europas wurden entwässert, um landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen, oder sie fielen Bauprojekten zum Opfer. Mittlerweile hat man aber die ökologische Bedeutung der wenigen noch verbliebenen Moore erkannt. Als die „Nieren der Landschaft“ speichern sie große Mengen Wasser und filtern es. Gleichzeitig sind Pflanzen und Boden hier in der Lage, Kohlenstoff zu binden. Damit leisten Moore – im Gegensatz zu intensiv bewirtschafteten Ackerflächen –  einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Durch den Einsatz vieler Helfer wurde im Projektgebiet Mertinger Ried / Lauterbacher Ruten die offene Riedlandschaft erhalten und optimiert. Heute sind die feuchten Flächen wieder Lebensraum für zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten wie Moorveilchen, Riedteufel, Ameisenbläuling oder Laubfrosch.

Eldorado für seltene Arten

Unzählige Vogelarten nutzen die weiten Wiesenflächen des Mertinger Rieds und der Lauterbacher Ruten als Brut-, Rast- oder Überwinterungsgebiet. Für seltene Wiesenbrüter wie Großen Brachvogel oder Kiebitz werden jedes Jahr neue Flachmulden oder Seigen angelegt. Altgrasstreifen in den Wiesen helfen den acht bis zehn Brutpaaren des Braunkehlchens, einer Art, die in Deutschland als gefährdet gilt. Andere Arten wie Regenpfeifer oder Kranich rasten im Mertinger Ried, während ihres Frühjahrs- und Herbstzuges. Als Durchzugsgäste beobachtet man außerdem Kiebitzschwärme, zahlreiche Watvogelarten oder einzelne Kranichtrupps. Die Kornweihe und die Sumpfohreule nutzen das Gebiet als Winterquartier.

An den Wasserstellen finden sich Laubfrösche und viele weitere Amphibien, Libellenarten und Insekten. Eine Besonderheiten sind Schmetterlinge, wie die Färberscharteneule, die auf der Roten Liste geführt wird, oder der Dunkle Wiesenkopf-Ameisenbläuling, der europaweit vom Aussterben bedroht ist, dessen Bestand im Ried aber noch als gut bewertet wird. Andere Tierarten hatten allerdings weniger Glück: Für Birkwild, Moorfrosch oder die Vierzähnige Windelschnecke kam die Hilfe zu spät, sie sind dort im Laufe des 20. Jahrhunderts ausgestorben.

Auf den Nass- und Streuwiesen findet man außerdem eine große Zahl seltener und gefährdeter Pflanzenarten: Im Jahr 2004 wurden bei einer botanischen Untersuchung des Mertinger Rieds  21 Arten der Roten Liste entdeckt, darunter zehn für große Talräume typische, heute selten gewordene Stromtalarten, die nur noch in den großen Flusstälern wie im Main- oder Donautal zu finden sind. Beispiele sind das das vom Aussterben bedrohte „Graben-Veilchen“ oder das stark bedrohte „Duftende Mariengras“.