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Ausbaupläne am Grünten sind nicht genehmigungsfähig

Am Grünten im Allgäu ist ein Ausbau für den Sommer- wie Wintertourismus geplant, der völlig überdimensioniert ist. Er würde einen herben Verlust an Biotopflächen und an Artenvielfalt, erhebliche Eingriffe ins Landschaftsschutzgebiet und mehr Verkehr bedeuten. Der BUND Naturschutz legt eine detaillierte Stellungnahme dazu vor und prüft rechtliche Schritte.

27.10.2021

Mit dem geplanten Sommer- und Winterausbau am Grünten sind über 5,5 Hektar Flächenversiegelung, 3,3 Hektar Bergwaldrodung und circa zehn Hektar Zerstörung oder Beeinträchtigung von Biotopen verbunden. Mehr Verkehr und Tagestourismus sind die Folge. 

Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens zu den Ausbauplänen am Grünten in den Allgäuer Alpen hat der BUND Naturschutz (BN) eine umfangreiche Stellungnahme beim Landratsamt Oberallgäu eingereicht. „Die überdimensionierten Ausbaupläne am Grünten stehen im krassen Gegensatz zu den dringenden Klima- und Nachhaltigkeitszielen“, so der BN-Landesbeauftragte Martin Geilhufe. „Der Tourismus in den Allgäuer und Bayerischen Alpen muss qualitativ verbessert und nicht quantitativ ausgebaut werden.“

Die Geschäftsführerin der BN-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu, Julia Wehnert, bewertet die geplanten Eingriffe und Nutzungen als weitaus schwerer und dauerhafter als in den teils verharmlosenden Planunterlagen beschrieben: „Es geht hier nicht um den Ersatz von alten Liften durch modernere Lifte, es geht vielmehr um eine Neuerschließung für den Sommertourismus und zusätzlich um einen massiven Ausbau der künstlichen Beschneiung im Winter. Das gesamte Projekt ignoriert die Prognosen des Klimawandels, gleichzeitig werden der Verlust an Biotopflächen, an Biodiversität und erhebliche Eingriffe ins Landschaftsschutzgebiet in Kauf genommen.“

„Im Umfeld der Bergstation und im Gipfelbereich gibt es sehr wertvolle Biotope und Rückzugsräume für störungsempfindliche Tierarten“, erläutert der Artenschutzexperte der BN-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu Alfred Karle-Fendt. „Wenn mit der geplanten 10er-Gondelbahn auch im Sommer bis zu 1500 Menschen pro Stunde auf den Berg befördert werden können, droht eine erhebliche Beeinträchtigung der Tier- und Pflanzenwelt am Grünten.“

„Die massiven Eingriffe in ein Landschaftsschutzgebiet mit erheblichen Auswirkungen auf das europäische Fauna-Flora-Habitat-Gebiet am Gipfelstock des Grünten sind nicht genehmigungsfähig“, ergänzt der Rechtsanwalt des BUND Naturschutz Dirk Teßmer.

Der BUND Naturschutz hat in seiner 54-seitigen Stellungnahme an das Landratsamt Oberallgäu detailliert dargelegt, welche Folgen die Planung auf den Naturhaushalt am Grünten hat.

Aus den folgenden zentralen Gründen lehnt der BN das beantragte Vorhaben ab:

Das Projekt ist mit erheblichen Eingriffen in Natur- und Landschaft verbunden und es drohen Beeinträchtigungen von Schutzgebieten (FFH-Gebiet, Landschaftsschutzgebiet). Damit verbunden sind die Zerstörung und Beeinträchtigung von ca. 10 ha geschützten Offenland-Biotopen, die Rodung von 3,3 ha Bergwald, z. T. Schutzwald und eine Flächenversiegelung von ca. 5,5 ha. Es wird eine neue Seilbahntrasse gebaut. Die Talstation mit Großparkplatz und Parkhaus wird in eine bisher intakte Kulturlandschaft gebaut. Europäisch geschützte Lebensraumtypen, die zum europäischen Naturerbe gehören, drohen zerstört zu werden.

Durch die immer weiter fortschreitenden Auswirkungen der Klimakrise wäre ein Skibetrieb in dieser Höhenlage (Seilbahn zwischen 900 und 1.450 m) nur noch mit einem immensen Aufwand an künstlicher Beschneiung möglich und in absehbarer Zeit nach Prognosen selbst mit künstlicher Beschneiung kaum mehr möglich. Geplant ist die künstliche Beschneiung von ca. 9 auf ca. 24 ha auszuweiten. Dazu soll ein neues, zwei Fußballfelder großes Speicherbecken mit einem Volumen von über 43.000 m³ gebaut werden, dessen Dämme 15 Meter hoch würden. Für die über 100 neuen Beschneiungsschächte für Schneekanonen würden erhebliche Erdbaumaßnahmen am ganzen Berg, u. a. in geschützten Biotopen notwendig. Es soll eine neue über 6 km lange Wirtschaftsstraße bis zum Grüntengrat gebaut werden, die im Winter als Rodelbahn künstlich beschneit würde.

Mit der Sommerseilbahn wäre eine Kommerzialisierung des gesamten Berges verbunden und mit dem zusätzlichen Besucheransturm würden erhebliche Beeinträchtigungen sensibler Naturgüter drohen. Die 10er-Gondelbahn hat eine Kapazität von 1.500 Personen pro Stunde. Am Gipfelgrat sind zwei Großgastronomie-Angebote mit jeweils mehreren hundert Sitzplätzen vorgesehen. Hinzu kommt eine neue Alphütte, bei der auch ein Ausschank möglich ist. Die Großgastronomie und die Seilbahn sollen zweimal pro Woche bis 24:00 Uhr für Feiern und Veranstaltungen betrieben werden. Daneben werden in Shops diverse Outdoorangebote, wie Gleitschirmfliegen oder ein Kletterausrüstungsverleih angeboten. Auch Trailrunning-Events sind geplant.

Mit dem Projekt wären erhebliche zusätzliche Klimagasemissionen durch Bau, Anlage und Betrieb verbunden. Geplant sind bis zu vierstöckige Bauwerke als Talstation, Mittelstation und Bergstation, eine große Walzengarage, 6 km Wirtschaftsstraßen am Berg und im Tal ein vierstöckiges Parkhaus, ein Parkplatz, und eine 7 m breite Zufahrtstraße in geologisch labilem Gebiet. Das Projekt würde in erheblichem Umfang neue Tagesausflügler ins Allgäu locken, was nachhaltigen Tourismusleitbildern widerspricht und zusätzlichen Verkehr mit den entsprechenden Emissionen und neuen Straßenausbauvorhaben verursacht. Ca. 75 % des CO2-Ausstoßes im Alpentourismus kommen aus dem Verkehr.

Die Gefahr von Hochwasserereignissen nimmt durch die geplante Flächenversiegelung deutlich zu, wobei in den vergangenen vier Jahren bereits drei Extremniederschlagsereignisse am Grünten zu erheblichen Schäden im Bereich Kranzegg und Wagneritz führten.

Immer mehr Wanderer und Bergsteiger sind sommers wie winters in den Allgäuer Alpen unterwegs. Am Grünten sind bereits heute ohne sommerlichen Liftbetrieb an Spitzentagen bis zu 1.000 Menschen am Gipfel. In Kombination mit einer gezielten Besucherlenkung kann das aktuell vorhandene Besucheraufkommen auch ohne zusätzliche Infrastruktur für die bestehenden touristischen Talbetriebe tragfähig sein.