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Fehlprognosen beim LKW-Verkehr

„Die Prognose für 2030 zeigt, dass unsere Infrastruktur vor einer Belastungsprobe steht. Wir müssen deshalb weiterhin kräftig in den Ausbau des Gesamtverkehrsnetzes investieren.“ Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt erklärt dies im Jahr 2014. Er setzt damit eine Tradition der Fehlprognosen fort, die den Straßenbau weiter anheizen und den Tiefbauunternehmen gigantische Projekte bescheren sollen. 

Die offiziellen Prognosen für den LKW-Verkehr liegen seit Jahrzehnten systematisch zu hoch. Das nützt den Baukonzernen und schadet einer vernüftigen Verkehrspolitik (Foto: Wellnhofer Design/fotolia.com).

1992 prognostizierte Bundesverkehrsminister Günther Krause: Bis zum Jahr 2000 wird der LKW-Verkehr um 95 Prozent ansteigen. Das wäre innerhalb von acht Jahren fast eine Verdoppelung gewesen. Tatsächlich ist er lediglich um 30 Prozent angestiegen. Die Prognose war also um mehr als das Dreifache (!) zu hoch. (Dafür kann man zwar gerichtlich nicht belangt werden, wohl aber für diverse andere Betrügereien, für die Krause in den letzten Jahren vom einfachen Strafbefehl bis zu 14 Monaten Gefängnis allerhand erhielt.)

Seinem Nachfolger Matthias Wissmann erschien dieser Zielwert zwei Jahre später doch etwas zu kurzfristig angesetzt. Die 95 Prozent Steigerung wollte er „erst“ 2010 erreichen. Aber beim höheren Basiswert und einer geringeren Zuwachsrate erreichte auch diese zweite Prognose nicht einmal 30 Prozent des Prognosewertes. Somit war auch diese Prognose um das Dreifache (!) zu hoch. (Dafür kann man zwar gerichtlich nicht belangt werden. Aber Wissmann wurde nach seiner Ministertätigkeit Präsident des Verbands der Automobilindustrie, wofür er allerhand erhielt.) 

Prognosen für LKW-Verkehr um das Dreifache zu hoch

Im Jahr 2004 wurden dem Verkehrsministerium diese extrem falschen Prognosen offensichtlich doch etwas peinlich. Bis zum Jahr 2025, so die dritte Prognose, soll der LKW-Verkehr „nur“ noch um 50 Prozent steigen. Schafft er wenigstens das? Eine Zwischenkontrolle im Jahr 2010 zeigt: Der LKW-Verkehr müsste zu diesem Zeitpunkt von 72,8 auf 82,8 Milliarden Fahrzeugkilometer angestiegen sein. Tatsächlich sind es nur 76,8. Die Prognose wurde lediglich zu 40 Prozent erreicht. Sie erweist sich also nach den ersten acht Jahren bereits als um das Zweieinhalbfache (!) zu hoch. 

Deshalb kommt aus dem Bundesverkehrsministerium im Jahr 2010 eine neue Prognose. Werden jetzt endlich die bisherigen, total überhöhten Prognosen nach unten korrigiert? Das  Gegenteil passiert. In der nun vierten Prognose wird die Fehlerquote wieder auf das alte Niveau der dreifachen (!) Überhöhung empor geführt. Warum? Bundesverkehrsminister Ramsauer bereitet einen zig Milliarden schweren Bundesverkehrswegeplan vor. Um diese Neu- und Ausbauorgie zu rechtfertigen, muss er riesige Verkehrszuwächse prognostizieren. Deshalb erklärt er im Jahr 2010: „Der LKW-Verkehr wird bis 2025 um über 80 Prozent zulegen.“

Die verquere Logik aus dem Bundesverkehrsministerium lautet also: Weil unsere Prognosen seit 20 Jahren vom tatsächlichen Verkehrszuwachs auch nicht annähernd erreicht werden, erhöhen wir die Prognosen! Im vollen Wissen, dass unsere Prognosen um den Faktor 2,5 bis 3 zu hoch sind, korrigieren wir diese nicht nach unten sondern nach oben. Damit bleibt diese „Praxis der Fehlprognosen“ erhalten. Dazu passend die aktuellen Zahlen: Ende 2017 hätte Ramsauer, gemäß seiner Prognose, wenigstens eine 40 prozentige Steigerung des Güterverkehrs erreichen müssen. Tatsächlich sind es jedoch gerade mal 14,2 Prozent. Diese vierte Prognose ist also wieder um das „übliche“ Dreifache zu hoch. 

Die Fehlprognosen haben Methode

Dass Prognosen einmal um 10 oder auch 20 Prozent daneben liegen, kann in allen Bereichen vorkommen. Dass aber Prognosen um 100 oder 200 Prozent falsch sind und zwar immer nur in eine Richtung, dies kann nicht mehr durch „Unvorhergesehenes“ oder durch Rechenfehler erklärt werden. Nein, die aberwitzig hohen Prognosen haben Methode. Sie sollen der Öffentlichkeit und hauptsächlich den Bundestagsabgeordneten signalisieren: Wenn wir nicht schnellstens neue Straßen bauen und bestehende erweitern, dann bricht alles zusammen. Und an erster Stelle die Wirtschaft, weshalb die massivsten Fehlprognosen für den LKW-Verkehr aufgestellt werden. 

Gut für Straßenbaukonzerne, schlecht für bessere Verkehrspolitik

Die bewusst angefertigten Fehlprognosen dienen nicht nur den Geschäften der Straßenbaukonzerne. Sie verhindern auch Alternativen in der Wirtschafts- und Verkehrspolitik. Denn wenn dem Bundestag suggeriert wird, das Straßennetz stünde, angesichts der ungeheuren Zuwächse, kurz vor dem Kollaps, dann wagt kaum mehr jemand, regionales Wirtschaften und eine größere Fertigungstiefe zu propagieren. Dann wird vielmehr die „Lagerhaltung auf der Straße“ (Lieferung just in time) quasi als ein betriebswirtschaftliches Grundrecht angesehen. 

Fazit

Für Ökologen heißt das: Bei allen Straßenbauvorhaben müssen vorrangig die Bedarfsprognosen überprüft werden. Denn nicht nur bei Autobahnen sondern auch bei nachgeordneten Straßen beruht die örtliche Bedarfsanalyse meist auf diesen zentralen Fehlprognosen aus dem Bundesverkehrsministerium. Dort verweist man zwar regelmäßig auf umfangreiche Verkehrsuntersuchungen auf wissenschaftlicher Basis und legt Rechenwerke von beeindruckender Formeldichte vor – eine Antwort, warum die Prognosen dann seit Jahrzehnten derartig falsch sind, wird damit jedoch nicht gegeben - siehe auch Fehlprognosen beim Stromverbrauch.