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Amphibienschutz: Mit Kopf, Herz und Gummistiefeln!

Die Amphibienbestände Bayerns sind anhaltend rückläufig, immer mehr Arten müssen in die Rote Liste gefährdeter Tiere aufgenommen werden.

14.03.2003

An rund 350 Wanderwegen retten Tausende ehrenamtlicher Helfer in diesen Tagen fast 300.000 Amphibien – eine der größten Artenschutzaktionen Bayerns! Begleitet wird dieses Engagement von einem praxisorientierten Internetangebot des BN und einem neuen Schülerwettbewerb. Zum Schutz (nicht nur) der Amphibien fordert der BN einen Stopp der Landschaftszerschneidung mit Straßenneubauten und eine Renaturierung der Talauen, da diese für das Überleben der Amphibien entscheidende Bedeutung haben.

Nach einer aktuellen BN-Umfrage betreuen ehrenamtlich die Mitglieder des BN rund 350 Wanderwege. Diesem Einsatz von etwa 14.000 Arbeitsstunden an über 180 km bayerischer Straßen verdanken jedes Jahr ca. 300.000 Kröten, Frösche und Molche ihr Leben! Es handelt sich auch bundesweit um eine der größten Artenschutzaktionen überhaupt.

Viele lokale Amphibienvorkommen wären ohne diese Hilfsmaßnahmen schon ausgerottet. Die Aktionen im Frühjahr sind aber nur ein Teil der BN-Schutzmaßnahmen. Schutz, Kauf, Optimierung und Neuanlage ungezählter neuer Laichgewässern gehören ebenso dazu – ob von Maßnahmen für die Kreuzkröte im Projekt „SandAchse“ in Franken bis zu dem Einsatz für eine der landesweit größten Gelbbauchunken-Vorkommen auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz im niederbayerischen Landshut.
Das ist auch dringend notwendig: Bei der aktuellen Überarbeitung der „Roten Liste“ der Amphibien ergab die Diskussion mit den Amphibienexperten ein besorgniserregendes Bild. Voraussichtlich 14 der 19 heimischen Amphibienarten müssen als gefährdet eingestuft werden. Der Gefährdungsgrad hat sich erhöht z.B. bei Teichmolch, Kleiner Wasserfrosch, Gelbbauchunke, Kreuzkröte und in großen Landschaftsteilen beim Laubfrosch. In der offenen Agrarlandschaft, vor allem in ausgeräumten Ackerlagen, scheinen selbst Bestände früher kommuner Arten wie Erdkröte oder Grasfrosch wegzubrechen! Es drohen Amphibien-freie Landschaften als Ergebnis viel zu intensiver Landwirtschaft und einer zunehmenden Uniformierung und Nivellierung der Landnutzungsformen.

Zudem häufen sich die Fälle, wo der Flächenfraß durch neue Gewerbe- und Siedlungsgebiete wichtigste Amphibienvorkommen gefährden und auch die Zerschneidung der Landschaft mit ständig neuen Straßen ist bislang ungebremst. Im Gegensatz zu anderen Arten oder Artengruppen mit z.T. auch positiven Bestandsentwicklungen ist die Situation der Amphibien weiterhin prekär.
Jährlich abgesammelte Amphibienzäune sind Notbehelfe und Übergangslösungen, aber keine Dauerlösung. Verhandlungen und Forschungsvorhaben des BN mit der Obersten Baubehörde haben dazu geführt, dass sich die Zahl von Amphibientunneln und festen Leitsystemen deutlich erhöht hat. 1992 erhob der BN für die ca. 200 wichtigsten Übergänge Bayerns die Forderung nach einem Programm für Tunnelsysteme, was uns seit damals von der Obersten Baubehörde auch zugesagt ist. Damit gelang dem BN auch, dass erstmals auch an bereits bestehenden Bundes- und Staatsstraßen ein nachträglicher Einbau von Tunneln möglich ist. Vorher wurde dies aus rechtlichen Gründen abgelehnt. Die Kosten sind gemessen an den üblichen Straßenbau- und Unterhaltskosten lächerlich gering. Trotzdem läuft die Umsetzung schleppend.

Verbessert hat sich häufig die organisatorisch-technische Unterstützung der ehrenamtlichen Helfer durch Straßenmeistereien oder kommunale Einrichtungen. Es kann jedoch nicht ewige Daueraufgabe eines ehrenamtlichen Verbandes sein, in jedem Frühjahr an bayerischen Straßenrändern so aktiv zu sein. Der BN fordert, dass die gesamte finanzielle, organisatorische und personelle Abwicklung des Amphibienschutzes an Straßen von den Verursachern, sprich den Straßenbauämtern, Landkreisen und Kommunen zu übernehmen ist. Problemursache sind ja nicht die Amphibien, sondern ist der Straßenbau durch Feuchtgebiete und die extrem hohe Straßendichte in unserem Land. Hilfsmaßnahmen für Amphibien an Straßen sind daher als Bestandteil des regulären Straßenunterhalts anzusehen, ebenso wie Böschungsmahd oder Säuberungen. Da im Bereich der Pflege von Straßen in Bayern um ein vielfaches mehr feste Mitarbeiter vorhanden sind als im Bereich der Pflege von Biotopen, ist dies auch möglich!

Auch Amphibien brauchen ein landesweites Biotopverbundsystems und naturnahe Strukturen in Agrarlandschaften. Dies sind nun auch Kernstücke des novellierten Bundesnaturschutzgesetzes. Pläne und Konzepte dafür gibt es zuhauf – was fehlt sind die staatlichen Mittel zur Umsetzung. Die Naturschutzmittel in Bayern müssen insgesamt wesentlich erhöht werden. Allein für die Pflege der Staatsstraßen (Bestandserhalt und Unterhalt; jährlich 168 Mio. Euro) wendet der Freistaat bislang 7xmal mehr auf als für die Pflege der wertvollsten Biotope in Bayern. Statt heute jährlich 40 Mio. Euro für den Naturschutz in Bayern sind durch Umschichtungen aus anderen umweltbelastenden Etats, wie dem Straßenbau, mittelfristig 100 Mio. Euro erforderlich – sonst bleibt der Biotopverbund auf der Ebene von verstreuten Modellprojekten stecken!

Ein zweites zentrales Element im zukünftigen Amphibienschutz ist die Renaturierung der bayerischen Talauen: Wiederherstellung natürlicher Flussdynamik durch Rücknahme von Hochwasserdämmen und Uferverbauungen sowie die Schaffung neuer naturnaher Hochwasser-Rückhalteräume. Dies würde nicht nur Hochwasserprobleme lösen, sondern auch zahlreichen Arten der Pionierstandorte und periodischer Überschwemmungsflächen, z.B. Kreuzkröte oder Laubfrosch, in Flutrinnen, an Kies- und Sandbänken, Uferanbrüchen und in Überschwemmungstümpel wieder natürliche, dynamische Lebensräume schaffen. Wenn Amphibien wirklich langfristig gesichert werden sollen, brauchen wir wieder die Pracht und Artenfülle der verlorengegangenen Auenbiotope!

Der Amphibienschutz ist damit unmittelbar verknüpft mit zentralen umweltpolitischen Herausforderungen: Agrarwende, Stopp des Flächenverbrauchs, eine neue Verkehrspolitik, ökologischer Hochwasserschutz. Amphibienschutz als integraler Bestandteil eines zukunftsträchtigen Einsatzes für nachhaltige Landnutzungen, gesunde Lebensmittel, für Verringerung der Stickoxidbelastung und Hochwassergefahr ist eben auch Einsatz für die Lebensqualität von uns allen und kommender Generationen.

gez.
Prof. Dr. Hubert Weiger
Landesvorsitzender

Dr. Kai Frobel
Artenschutzreferent

Ulrike Geise
BN-Landesarbeitskreis Artenschutz


Downloads:
internet.doc (912 kB)
resonanz.doc (1.58 MB)
garten.doc (46,1 kB)
schuelerwettbewerb.doc (450 kB)