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Die Rückkehr des Bibers nach Bayern: eine Erfolgsgeschichte

Etwa 100 Jahre lang war der Biber aus Bayern verschwunden. Dann startete der BUND Naturschutz (BN) eines seiner größten Wiedereinbürgerungs-Projekte. Mit großem Erfolg! Doch dass der nützliche Baumeister heute noch im Freistaat lebt, ist im Wesentlichen dem BN-Bibermanagement mit den zwei hauptamtlichen Biberberatern zu verdanken.

Erst mühsam, dann erstaunlich flott: Die Rückkehr des Bibers

In den 1960er-Jahren stieß der damalige BN-Vorsitzende Hubert Weinzierl gemeinsam mit seinem Freund Professor Bernhard Grzimek das Projekt „Wiedereinbürgerung des Bibers in Bayern“ an. Grzimek war damals Direktor des Frankfurter Zoos, Präsident des Deutschen Naturschutzrings und der bekannteste deutsche Tierfilmer. Auf einer gemeinsamen Afrikareise berieten die beiden darüber, welche Tierarten man in dem so dicht besiedelten Deutschland überhaupt wiedereinbürgern könnte. In seinen Erinnerungen im Buch „Biber: Baumeister der Wildnis“ schreibt Hubert Weinzierl: „Schnell waren wir uns darüber klar, dass nur sehr wenige [Tierarten] dafür in Frage kommen würden, nämlich solche, die ausgerottet worden waren, deren Lebensraum aber noch vorhanden war. Wir einigten uns schließlich auf drei Projekte mit der zeitlichen Perspektive, dass für jede ‚Rückkehr’ einer Art ein Jahrzehnt anzusetzen sei, weil in der Natur ein langer Atem und für den Aufbau einer Population eine hohe Stückzahl notwendig sind.“ Schließlich war die Entscheidung gefallen: Die erste Art sollte der Biber, die zweite die Wildkatze und die dritte der Luchs sein.

Aufwendige Vorbereitungen für die Wiedereinbürgerung des Bibers

Gesagt, getan: Für die geplante Ansiedlung in Bayern wählte der BUND Naturschutz das Gebiet der mittleren Donau aus – genau dort also, wo vor einem Jahrhundert der letzte bayerische Biber geschossen worden war. Über die aufwendigen Vorbereitungen schreibt Hubert Weinzierl: „Monatelange Schriftwechsel mit allen bekannten Biberforschern und Zoos in den europäischen Bibergebieten sollten uns dem großen Ziel näherbringen. Reisen in die Bibergebiete Polens, Schwedens und an die Rhone in Frankreich schlossen sich an. Am wichtigsten aber war die russische Einbürgerungsstation von Grafskaja bei Woronesh, zu der Bernhard Grzimek mich im Auftrag der Deutschen Forschungsgesellschaft schickte, um über die Lieferung geeigneter Tiere nach Deutschland zu verhandeln.“

In der Heimat hatten die Naturschützer inzwischen schon ganze Arbeit geleistet: Ein ehemaliges Kiesabbaugebiet war rekultiviert und vier Baggerseen waren dem Charakter von Altwässern entsprechend gestaltet worden. So standen als Auswilderungsstation für die Biber 15 Hektar Wasserfläche, inmitten der Donau-Auwälder gelegen, zur Verfügung. Das gesamte Biberreservat war gut 50 Hektar groß. Es sollte gleichzeitig eine Zufluchtsstätte für die bedrohte Wasservogelwelt werden. Die Biberfreunde hatten vor, Graugänse und Eisvögel, Sumpfschildkröten und viele andere bedrohte Wassertiere wieder anzusiedeln. Wichtig war, das gesamte Reservat von Jagdstörungen frei zu halten. Vorsorglich pachtete der BN deshalb das über 1.000 Hektar große umliegende Jagdrevier.

Die Ankunft der Biber

Rückkehr: Der ehemalige BN-Vorsitzende Hubert Weinzierl mit Biber (1972) (Foto: BN)
Der ehemalige BN-Vorsitzende Hubert Weinzierl mit Biber (1972) (Foto: BN)

Am 4. November 1966 erhielt Weinzierl endlich die lang ersehnte Nachricht aus dem Frankfurter Zoo: „Biber per Expresszug um 16 Uhr 12 abgegangen.“ Die russischen Biber waren dort angeliefert worden und nun endlich unterwegs nach Bayern. Die mitgelieferten Informationen aus Grafskaja waren allerdings mehr als dürftig. So fehlte etwa die Geschlechtsbestimmung – ein schwieriges Unterfangen bei Bibern. Huber Weinzierl: „Kann sich jemand vorstellen, wie einfach es ist, einen ausgewachsenen Biber mit 20 Kilo Lebendgewicht unter einem für Menschen gebauten Röntengenschirm abzulichten? Das Ganze artete in eine Materialschlacht aus: Ein angenagtes Stuhlbein, eine reichlich verschmutzte und demolierte Arztpraxis und vier erschöpfte Männer blieben zurück, als spät nach Mitternacht einige wenige brauchbare Röntgenbilder mit den mutmaßlichen Geschlechtsmerkmalen unserer Biber auf dem Tisch lagen.“

Überraschungen vorprogrammiert

Es folgten Biber aus Frankreich, Polen und Schweden, die mit Genehmigung der Behörden nicht nur an der Donau, sondern beispielsweise auch an der Isarmündung, an der Tiroler Ache, am Ammersee und am Main ausgesiedelt wurden. Da der BUND Naturschutz auf keinerlei Erfahrungen bei Wiedereinbürgerung von Bibern in Deutschland zurückgreifen konnte, waren Überraschungen vorprogrammiert. So kamen etwa die Nager viel besser mit den vom Menschen veränderten Lebensräumen zurecht als erwartet: „Wir führten von Anfang an unsere Versuche mit möglichst vielen Tieren durch, damit Ausfälle die Wiedereinbürgerung nicht sogleich wieder unterbrechen würden“, schreibt Hubert Weinzierl. „Allein in Köglhaufen wurden in den Jahren 1966 und 1967 etwa zehn Paare eingebürgert, und ebenso viele erhielten wir im Laufe dieser Jahre zur Begründung neuer Kolonien. Dabei entwickelten unsere Biber [...] aber meist ganz andere Vorstellungen von einem ‚idealen Biberlebensraum’ als wir Menschen.“

Die Wiedereinbürgerung des Bibers gelingt

Gelungene Wiedereinbürgerung: Junger Biber schwimmt unter der Kelle der Mutter
Ein Junger Biber unter Mutters Kelle (Foto: Wolfgang Willner)

Die Anwohner der wiederbesiedelten Flussgebiete waren den neuen Nachbarn glücklicherweise überwiegend wohlgesonnen und die erfreulich wanderfreudigen Biber eroberten sich schneller als gedacht alte Lebensräume zurück. Als den größten Tag in der Geschichte der Wiedereinbürgerung beschreibt Hubert Weinzierl den 7. Juni 1969. „Schon kurz danach regte sich plötzlich auf der kleinen von Bibern abgeholzten Insel, etwa 50 Meter vom Ufer entfernt, ein geschäftiges Leben. Ein dunkelfarbener, demnach wohl russischer Biber kam angeschwommen – und hinter ihm zwei Junge! Wirklich und wahrhaftig zwei junge, winzige Biber, die von der Alten sorgsam umschwommen und gehegt wurden.“ Nach zwei mühevollen Aufbaujahren gab es also erstmals Nachwuchs bei den inzwischen frei lebenden Bibern: die ersten bayerischen Biber nach mehr als 100 Jahren! Hubert Weinzierl: „Ich gestehe gern, an diesem Abend sehr glücklich gewesen zu sein.“

Gekommen, um zu bleiben

Dass es in dem so dicht besiedelten Deutschland auch Konflikte zwischen Mensch und Biber geben würde, war den Experten vom BUND Naturschutz von Anfang an klar. Denn der Biber verhält sich so, wie er sich seit Jahrhunderten immer verhalten hat: Er baut und staut und erschafft Lebensraum für unzählige Arten. Er kann nicht anders, das ist seine Natur. Weil aber der Mensch in seiner Abwesenheit die Landschaft grundlegend verändert hat und nahezu jeden Quadratzentimeter nutzt, war es von Beginn an wichtig, die Annäherung von Biber und Mensch zu begleiten. 

Schon 1996 führte der BN deshalb ein erstes modellhaftes Bibermanagement im Raum Ingolstadt ein, das zwei Jahre später auf ganz Bayern ausgedehnt wurde. Zwei hauptamtliche Bibermanager sind seither quasi rund um die Uhr für die Verständigung zwischen Mensch und Tier unterwegs. Sie sorgen dafür, dass die Nachbarschaft gelingt, auch wenn es einmal Probleme gibt. Fundiertes Wissen, konkrete Hilfe und Schadensausgleich setzen sie übler Nachrede und Vorurteilen gegenüber dem Biber entgegen. Unterstützt werden sie dabei von Hunderten Freiwilligen aus den BN-Kreisgruppen und anderen Naturschutzverbänden, die sich ehrenamtlich und direkt vor Ort für den Rückkehrer einsetzen.

Der Erfolg: Der Biber ist immer noch da! Das Ziel für die Zukunft: Der nützliche Nager nimmt in der bayerischen Natur und in den Köpfen und Herzen der Menschen endlich den Platz ein, den er verdient hat. Jenen eines echten Bayern, der wie keine zweite Tierart den Menschen auf dem Weg hin zu mehr Natur, Arten- und Hochwasserschutz unterstützt.