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Anbindegebot in Bayern gelockert: drohen noch mehr Gewerbegebiete mitten im Grünen?

Gewerbegebiete = volle Stadtkasse? Die Rechnung geht oft nicht auf. Anstelle von Handwerk und produzierendem Gewerbe siedeln sich zunehmend Einkaufsparks, Logistikcenter und Fastfood-Ketten am Stadtrand an – die innerstädtische Entwicklung liegt brach. Der Verbrauch kostbarer Fläche führt zu mehr teuren Straßen und Verkehrsaufkommen, manche Kommunen bleiben auf den Erschließungskosten sitzen, dafür werden Natur und Landschaftsbild großflächig gestört.

Vogelperspektive auf einen fast leeren Discounterparkplatz: Das gelockerte Anbindegebot Bayern ebnet noch mehr Einkaufsparks den Weg auf die grüne Wiese. (Foto: Klaus Leidorf)
Es sind längst nicht nur Handwerk und produzierendes Gewerbe für den Flächenverbrauch außerorts verantwortlich, sondern auch Logistik-, Freizeit- und Gastrounternehmen oder Einzelhändler: hier ein Discounterparkplatz (Foto: Klaus Leidorf)

Industrie- und Gewerbegebiete folgen grundsätzlich einem hehren Ziel: die Luft- und Lärmbelastung im innerstädtischen (Wohn-)Bereich soll verringert werden, dasselbe gilt für Belastungen durch den Zulieferverkehr. Doch die Schattenseiten sind mittlerweile ebenso offensichtlich. Dazu zählt eine Zunahme des Verkehrs, weil die dort arbeitenden Menschen weitere Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen. Auch dafür werden wiederum Flächen in Anspruch genommen, etwa für Zufahrtswege und Umgehungsstraßen. Wer nicht wohnortnah arbeiten kann, verliert zudem kostbare (Frei-)Zeit auf dem Weg zu seinem Betrieb. Mit dem Anbindegebot Bayern BUND Naturschutz Dokumentation Anbindegebot Juni 2017 (pdf) mussten bis 2017 Gewerbegebiete in direkter Nähe zu bestehenden Siedlungen errichtet werden – seit der Lockerung im Landesentwicklungsplan durch die Staatsregierung genügen nun etwa Autobahnabfahrten oder Gleisanschlüsse.

Sicherlich käme niemand auf die Idee, eine große produzierende Fabrik im Ortskern neben der Kirche zu planen – umgekehrt aber wurde die Grundidee der Gewerbegebiete immer weiter verwässert, finden sich heute zunehmend auch Einkaufsparks, Bürogebäude und Versandunternehmen auf der grünen Wiese. Da Betriebe mit hohen Lärm- und Abgasemissionen bei der Genehmigung von Ausnahmeregelungen profitieren können, sind diese oft der (argumentative) Hebel, um fern von Wohnflächen bauen zu können. Doch neben dem direkten Verlust von Lebensraum durch die Inanspruchnahme der Fläche ist bei diesen außerörtlich gebauten Gebieten eine zusätzliche Barrierewirkung – etwa durch Licht und Lärm – zu erkennen, die die umliegende Flora und Fauna belastet.

Volle Stadtkassen auf Kosten der Fläche: ein Fehlschluss

Um das Problem zu verstehen und die Alternativen zu erkennen, hilft ein Blick in die deutsche Baunutzungsverordnung. Hier regeln die Paragrafen 8 und 9 die bauliche Nutzung von Grundstücken. Während im Industriegebiet (§ 9) vorwiegend solche Betriebe untergebracht werden sollen, die in anderen Baugebieten unzulässig sind, ist die Definition für Gewerbegebiete (§ 8) viel offener. Sie dienen der Ansiedlung „nicht erheblich belastender Gewerbebetriebe“, dazu werden ausdrücklich auch Geschäfts-, Büro- und Verwaltungsgebäude gezählt. So entstehen dann Bürokasernen, Einkaufsparks und Shopping-Center auf der grünen Wiese, während die Arbeitsmöglichkeiten im Ortskern abnehmen und der Einzelhandel um das Überleben kämpfen muss. Im Schwarzbuch Gewerbegebiete Bayern Schwarzbuch Gewerbeflächen BN-Flächenverbrauch (pdf) hat der BUND Naturschutz in Bayern e.V. (BN) die Situation analysiert: Bei fast allen näher untersuchten Beispielen kamen die in Anspruch genommenen Flächen nicht dem Handwerk oder produzierendem Gewerbe, sondern vor allem Handel und insbesondere dem Einzelhandel zugute. Neben Bau- und Möbelmärkten waren demnach Speditionen, Transport- und Logistikunternehmen sowie Filialen von Fast-Food-Ketten und Tankstellen vertreten.

In vielen Fällen konkurrieren die Gemeinden um die Ansiedlung neuer Unternehmen, indem sie günstiges Bauland für Gewerbegebiete am Ortsrand ausweisen. Dabei ist dies längst nicht die einzige Möglichkeit, um Arbeitsplätze und florierende Gemeindeeinnahmen zu erreichen. Vielmehr zeigen Beispiele, dass neue Gewerbegebiete in der Regel nicht wirtschaftlicher sind als eine kluge Innenstadtentwicklung – und manchmal bleiben die Kommunen auch auf teilerschlossenem Bauland sitzen, weil die gewerblichen Interessenten abgesprungen sind.

Beispiele für Gewerbe

Positivbeispiel Nesselwang / Ostallgäu

Blick auf das Gewerbegebiet Nesselwang: Architektonische Anpassung an das Ortsbild und direkte Verkehrsanbindung an umliegende Gemeinden. (Foto: Thomas Frey)
Das Gewerbegebiet Nesselwang wurde ortsnah zu umliegenden Gemeinden und in Anlehnung an traditionelle Architektur erbaut. (Foto: Thomas Frey)

Anstatt Baugrund an der nahegelegenen Autobahn zu suchen, haben sich die Nesselwanger für eine ortsnahe Lösung entschieden: Auf 1,3 Hektar wurde ein kompaktes Gewerbegebiet mit direkter Verkehrsanbindung an die umliegenden Gemeinden errichtet. Der Ort wuchs damit zwar flächenmäßig, die Flächenstruktur blieb jedoch erhalten. Architektonisch haben sich die meisten Betriebe an das Ortsbild angepasst und kompakt wie auch mehrstöckig gebaut. Weitere Informationen: Flächenfraß und Flächenschutz im Allgäu – Negativ- und Positivbeispiele politischen Handelns Dokumentation Flächenfrass und Flächenschutz im Allgäu (pdf).

Positivbeispiel Kulmbach / Oberfranken

Ein großes Spinnereigelände stand in Kulmbach Mitte der 1990er-Jahre leer. Man entschied sich für die Entkernung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudekomplexes – und verzichtete auf das Projekt „Autobahn“, ein 44 Hektar großes neues Gewerbegebiet. In das Hauptgebäude der Spinnerei zogen nach der Sanierung ein Einkaufszentrum, im ehemaligen Verwaltungsgebäude entstanden moderne Büros, außerdem wurde ein neuer, überdachter Busbahnhof gebaut. Weitere Informationen in „Schwarzbuch Gewerbeflächen“ 

Schwarzbuch Gewerbeflächen (pdf)

Negativbeispiel Gewerbepark Rathsmannsdorf / Niederbayern

Luftbild von der gerodeten Fläche des Gewerbeparks Rathsmannsdorf umgeben von Wald und Wiesen. (Foto: Klaus Leidorf)
Der Gewerbepark Rathsmannsdorf wurde durch eine Ausnahmeregelung auf der grünen Wiese genehmigt. Bis heute ist das Gelände überwiegend unbebaut, die Landschaft aber zerstört. (Foto: Klaus Leidorf)

2012 wurde durch die Gemeinde Windorf im Landkreis Passau ein Bauleitverfahren für ein Gewerbegebiet eingeleitet. Trotz Protesten, weil das Anbindegebot durch eine Ausnahmeregelung umgangen wurde, und obwohl vier der fünf Unternehmer aus Kostengründen ihr Interesse verloren, setzte man die Pläne unverändert fort. Ab 2013 wurde die Fläche gerodet, zunächst errichtete nur ein Bauunternehmen ein einzelnes Gebäude. Seit 2017 gibt es ein zweites Unternehmen, ansonsten blieb das 19,5 ha große Gelände weiter unbebaut. Weitere Informationen in „Flächenfraß in Bayern – geplante Lockerung des Anbindegebotes: Fallbeispiele“ BUND Naturschutz Dokumentation Anbindegebot (pdf)

Negativbeispiel Gewerbegebiet Dettelbach / Unterfranken

Luftbild vom Mainfrankenpark auf der grünen Wiese: Kurz vor der Insolvenz 2004 beschloss der Dettelbacher Rat noch eine Erweiterung des Gewerbegebietes nach Norden. (Foto: Klaus Leidorf)
Der Mainfrankenpark auf der grünen Wiese schafft Verkehrsprobleme und bedroht die Existenz lokaler Einzelhändler und Freizeitveranstalter wie Kinos. (Foto: Klaus Leidorf)

Das Kleinzentrum Dettelbach zählt aktuell gut 7.000 Einwohner und verfügt mit dem Mainfrankenpark (35 Hektar) seit 1999 über einen weit vor den Stadttoren gelegenen Gewerbepark. Zahlreiche Gastronomie- und Freizeiteinrichtungen – etwa Kino und Spaßbad – sind für die meisten nur mit dem Auto erreichbar. Die Geschichte des „Parks“ ist von finanziellen Schieflagen (Insolvenz Mainfrankenparkbetreiber 2004), wachsenden Verkehrsprobleme und Leerständen geprägt, zudem wurde der Mainfrankenpark ohne Raumordnungsverfahren geplant. Weitere Informationen in „Gewerbeflächenausweisung und Flächenverbrauch – Beitrag zur naturverträglichen Siedlungsentwicklung. Teil II Fallbeispiele“ Gewerbeflächenausweisung und Flächenverbrauch - Beitrag zur naturverträglichen Siedlungsentwicklung - Teil II Fallbeispiele (pdf)



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