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Dritter Nationalpark: für mehr wilde Natur in Bayern

Bayern soll wilder werden! 64 Prozent der bayerischen Bevölkerung wünschen sich einen dritten Nationalpark in Bayern. Für den Schutz und das Erlebnis von seltenen Tieren in wilder Natur sind Nationalparke unersetzlich. Deshalb fordert der BUND Naturschutz die Staatsregierung auf, dem Wunsch der Bürger zu entsprechen und im Freistaat einen dritten Nationalpark einzurichten.

Zwei Dritteln der Deutschen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist. Die beiden existierenden Nationalparke im Bayerischen Wald und im Berchtesgadener Land sind wichtige Freiräume für Mensch und Natur. Sie dienen als Bollwerke gegen den dramatischen Artenschwund. Der Nationalpark Berchtesgaden beheimatet beispielsweise den majestätischen Steinbock und 60 Prozent aller Nachtfalterarten Bayerns. Durch den Nationalpark Bayerischer Wald streifen Luchs und Wildkatze und es wurden unglaubliche 2168 Käferarten nachgewiesen. 

Nur in Nationalparken können wir wilde Natur erleben

Für uns Menschen sind Nationalparke die einzige Chance, Natur auf großer Fläche in ihrer eigentlichen, ursprünglichen und wilden Form zu erleben – ohne dass der Mensch eingreift. Auch in Bayern soll sich die Natur auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln dürfen. Bisher sind lediglich 0,5 Prozent der Landesfläche ohne Nutzungsdruck. Doch wirklicher Naturschutz braucht unzerschnittene Räume. Verzichten wir auf die Nutzung in ausgewählten Gebieten, gewinnen wir inspirierende Naturlandschaften mit knorrig-alten Bäumen und verzweigten Flussläufen. 

Regierung Söder ist gegen dritten Nationalpark

Doch die bayerische Landesregierung unter Ministerpräsident Söder sperrt sich gegen einen dritten Nationalpark. Mit seiner Regierungserklärung im April 2018 hat Söder den bereits angelaufenen Suchprozess für ein passendes Nationalparkgebiet abgebrochen.

BUND Naturschutz und WWF rufen die Politik zum Umdenken auf

Wir fordern die kommende Landesregierung dazu auf, der wilden Natur endlich ein Zuhause zu geben. Möglichkeiten gibt es genug dafür in Bayern, etwa in den Laubwaldgebieten Frankens, den großen Auwäldern südbayerischer Flüsse oder im Hochgebirge. 


Kinder klettern auf einem umgefallenen Baumstamm (Foto: Thomas Stephan)
Baumpilze wachsen auf einem umgefallenen Baumstamm (Foto: Thomas Stephan)
Wald und Felstürme im Ammergebirge (Foto: Andreas P./fotolia.com)
Dramatische Herbststimmung in der Rhön (Foto: morgem/fotolia.com)
Biberbiotop in den Isarauen (Foto: Wolfgang Willner).
Hirschkäfer auf einem bemoosten Baumstamm im Spessart (Foto: Michael Kunkel)

Wo könnte in Bayern ein dritter Nationalpark entstehen?

Großflächige unzerschnittene Gebiete sind auch in Bayern selten geworden. Am ehesten findet man diese noch in den Laubwaldgebieten Frankens, den großflächigen Auwäldern südbayerischer Flüsse oder im Hochgebirge.

Steigerwald

Besucher bestaunen einen alten Baumriesen im Steigerwald

Der nördliche Steigerwald in Franken würde sich bestens für einen Buchen-Nationalpark eignen. Auf über 11.000 Hektar erstrecken sich zwischen Ebrach, Gerolzhofen und Eltmann Laubwälder, die überwiegend in einem ökologisch hochwertigen Zustand sind. Sie gehören dem Freistaat Bayern. Nur eine kleine Fläche ist bisher ausreichend geschützt. BUND Naturschutz in Bayern und WWF Deutschland erfassten bei einer Kartierung im Hohen Buchener Wald bei Ebrach über 7.600 dicke Altbäume auf einer Fläche von 775 Hektar. Dies belegt, wie wertvoll das urwüchsige Waldgebiet ist, das im Jahr 2014 vom ehemaligen CSU-Landrat Günther Denzler als „Geschützter Landschaftsbestandteil“ unter Schutz gestellt wurde. 

Dies hätte ein ersten Schritt hin zu einem „Nationalpark Steigerwald“ mit dem Fernziel der Anerkennung als Weltnaturerbe sein können. Im September 2015 wurde das Schutzgebiet wieder aufgehoben, weil es kein Landschaftsbestandteil im Sinn des Bayerischen Naturschutzgesetzes sei. Die Organisationen BUND Naturschutz, WWF Deutschland und Landesbund für Vogelschutz sowie der Bürgerverein Nationalpark Nordsteigerwald stellten daraufhin einen Fünf-Punkte-Rettungsplan für den Steigerwald vor. Sie fordern einen Verzicht auf Holzeinschlag in den naturschutzfachlich wertvollsten Waldbereichen und die Ausweisung eines mindestens 5.000 Hektar umfassenden Schutzgebietes auf Staatswaldflächen.

Spessart

Umgefallener Baum mit Moos und Baumpilzen im Spessart

Der Norden des bayerischen Spessarts zählt mit seinen über 400-jährigen Eichen und weit über 180-jährigen Buchen zu den ältesten und schönsten Wäldern Mitteleuropas. In den alten Laubwäldern fühlen sich auch seltene Tier- und Pflanzenarten wohl, die in jungen Wäldern mit geringer Totholzdichte nicht überleben.

Die Naturschutzverbände BUND Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz, Greenpeace Bayern, WWF Deutschland, Zoologische Gesellschaft Frankfurt und die "Freunde des Spessarts" werben für ein Drei-Säulen-Konzept, das aus einem großen Kerngebiet, mehreren mittelgroßen Spenderflächen und etlichen kleinen Naturwaldflächen bzw. Trittsteinen besteht.

Diese über den gesamten Spessart verteilten Gebiete sollen im Biotopverbund dauerhaft als Naturschutzgebiete geschützt werden, insgesamt knapp 9.000 Hektar an Staatswäldern. In diesen Wäldern soll kein Holz geschlagen werden, damit sich langfristig "Urwälder von morgen" entwickeln kann.

Rhön

Panorama der Rhön (Foto: Thorsten Grohse/fotolia.com)

Ein Nationalpark Rhön, mit Schwerpunkt in Bayern und einer Teilfläche in Hessen, könnte das bestehende Biosphärenreservat ideal ergänzen.  Die Lage im Herzen Deutschlands macht die Rhön zu einem Treffpunkt von Tier- und Pflanzenarten, die hier gerade noch z.B. ihr östlichstes oder wie die Alpenspitzmaus ihr nördlichstes Vorkommen in Deutschland aufweisen. In der Rhön befindet sich der letzte außeralpine Bestand des Birkhuhns. Hier brüten die letzten Raubwürger Bayerns. Manche Arten, wie die Rhönquellschnecke, leben weltweit nur hier. 

Die sehr hohe geologische Vielfalt (vulkanischer Basalt, Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper), die Höhenstufen von warmem Weinbaulagen bis zum rauen Mittelgebirgsklima und das abwechslungsreiche Relief mit ausgeprägten Tälern und Hochflächen schaffen eine herausragende Vielfalt an Wuchsstandorten für Wälder, wie sie kaum ein zweiter deutscher Nationalpark aufweist. So verfügt die Rhön auf den Plateaus, den Bergrücken- und flanken noch über kilometerlange, zusammenhängende, naturnahe Buchen-, Eichen- und Schluchtwaldgesellschaften mit sehr alten, artenreichen Laubholzbeständen.

Donau und Isar

Felsen und Fluss im Donaudurchbruch zwischen Weltenburg und Kelheim

Die großen zusammenhängenden Auwälder der Donau zwischen Lechmündung und Ingolstadt bzw. der Isar zwischen Freising und Bruckberg zeichnen sich durch freifließende und sehr artenreiche Flussabschnitte aus. In den Donau-Auen kommen beispielsweise 55 Prozent aller in Bayern vorkommenden Libellenarten, 60 Prozent aller in Bayern vorkommenden Wasserschnecken-Arten , die gefährdeten Amphibien Gelbbauchunke, Laubfrosch und Kammolch, sowie alle sieben Spechtarten des Flachlandes vor. 

In den Isar-Auen finden sich 50 Prozent der in Bayern brütenden Vogelarten, 240 Arten von Totholz-Insekten und insgesamt 231 Wildbienen- und Wespenarten. In Teilbereichen gibt es aktuell zwar noch Einschränkungen der Flussdynamik durch Staustufen an der Donau, es wären aber umfangreiche Renaturierungen möglich. Das Gebiet ist zu einem großen Anteil bereits als Natura 2000-Gebiet ausgewiesen, an der Mittleren Isar und im Bereich der Weltenburger Enge zudem bereits als Naturschutzgebiet. Auch vier besonders wertvolle Naturwaldreservate wären enthalten.

Ammergebirge

Ammergauer Alpen

Im Ammergebirge existiert eine etwa 230 Quadratkilometer große Fläche, die kaum besiedelt oder von Straßen durchschnitten ist. Bis auf den Eibsee ist sie komplett in Staatsbesitz. Hier ist der größte zusammenhängende Karbonat-Bergmischwald in Deutschland zu finden, mit einem Anteil von 13 Teilen Bergmischwald zu einem Teil Bergfichtenwald. 

Das nationalparkwürdige Gebiet umfasst den kalkalpinen Teil des Ammergebirge zwischen dem Lech im Westen und der Loisach im Osten, den westlichen Abschnitt des Wettersteingebirges mit den Nordflanken der Zugspitze und der Höllentalspitzen, den Waxenstein, das Höllental und die Westflanke der Alpspitze. Mit der Zugspitze befände sich der höchste Berg Deutschlands im Nationalpark. Geprägt wird das Gebiet auch durch den malerischen Eibsee, die Loisach und nicht zuletzt durch die von König Ludwig II. erbauten Schlösser Neuschwanstein und Linderhof.


Warum ein dritter Nationalpark in Bayern?

Ein Stück Land nicht zu nutzen und nach unseren Vorstellungen zu formen: Was bringt uns das? Warum sollte man Natur einfach mal Natur sein lassen?

Besucher im Steigerwald betrachten einen umgekippten Baum.
In Nationalparken kann sich Natur frei entfalten und erlebt werden. Deshalb sind Nationalparke auch Besuchermagneten und Motoren der regionalen Wirtschaft (Foto: Thomas Stephan).

Es gibt viele Gründe, warum es sich lohnt, Nationalparke einzurichten:

  • Der großflächige Schutz schafft Platz für eine strukturreiche, wilde Natur – etwas, das in unserem Land fast gänzlich verloren gegangen ist.
  • Den gefährdeten Arten werden großräumige Lebensräume gesichert.
  • Vom Menschen weitgehend ungestörte Entwicklungsprozesse der Natur lassen sich erforschen und an vielen Stellen persönlich erleben.
  • Der Nationalpark ist ein Wirtschaftsfaktor für die ganze Region.
  • Der Tourismus und andere Wirtschaftszweige profitieren. So besuchen mehr Tages- und Übernachtungsgäste die Region.
  • Neue Angebote im Bereich Naturerfahrung und Bildung, gerade auch für Kinder, werden geschaffen.

Erfahrungen im Nationalpark Bayerischer Wald

Wildnis im Nationalpark Bayerischer Wald
Die Geschichte des Nationalparks Bayerischer Wald ist auch eine Erfolgsgeschichte des BUND Naturschutz. Den Anstoß zu seiner Gründung gab der langjährige BN-Vorsitzende Hubert Weinzierl in den sechziger Jahren. 1970 wurde der Traum eines Nationalparks in Deutschland Wirklichkeit (Foto: Holger Lieber).

Im Bayerischen Wald waren die Diskussionen anfangs sehr kontrovers. Aber: „Er hat sich hervorragend entwickelt“, bilanziert Helmut Vogl, Bürgermeister von St. Oswald-Riedlhütte im Nationalparkgebiet. „Heute identifizieren sich 80 Prozent der Menschen vor Ort mit dem Nationalpark“, so seine Einschätzung. Alfons Schinabeck, CSU-Bürgermeister von Neuschönau, freut sich, dass aus seiner 2300-Seelen-Gemeinde rund 30 Menschen direkt beim Nationalpark beschäftigt sind. Weitere 500 Arbeitsplätze in Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und dem Dienstleistungsbereich hingen seiner Einschätzung nach indirekt vom Nationalpark ab.

Erfahrungen im Nationalpark Berchtesgaden

Königssee im Nationalpark Berchtesgaden
Der BUND Naturschutz bewahrte den Königssee 1916 vor einer monumentalen Verschandelung. 1921 wurde das gesamte Gebiet um den See auf Initiative des BN unter Schutz gestellt. Es bildete die Basis für den 1978 eingerichteten Nationalpark (Foto: Serkat/fotolia.com).

Zum 40jährigen Jubiläum des Nationalparks Berchtesgaden im August 2018 betonte der amtierende Umweltminister Marcel Huber: „Unser Nationalpark ist eines der großen Flaggschiffe für den Naturschutz und ein Besuchermagnet schlechthin. Nach 40 Jahren ist eine noch nie dagewesene Akzeptanz in der Bevölkerung erreicht: 96 Prozent der Menschen in Bayern stehen hinter dem Nationalpark, fast 90 Prozent sind in der Region der Meinung, er verbessere die Lebensqualität. Das sind nicht nur Zahlen, das ist eine Liebeserklärung."


Diskussion um einen dritten Nationalpark in Bayern

In der Gesellschaft gibt es einen Konsens für mehr wilde Natur. Die bayerische Politik wollte dem zunächst auch Rechnung tragen und einen dritten Nationalpark einrichten. Doch der neue Ministerpräsident Markus Söder stoppte das Vorhaben. Das Motto der Regierung lautet jetzt "Schützen durch nachhaltiges Nützen". Führt das allein zum Ziel?

Gesellschaftlicher Konsens für mehr wilde Natur

Der Luchs braucht weitläufige, naturnahe Wälder zum Überleben. In Bayern werden immer wieder Luchse illegal getötet, nur im Nationalpark Bayerischer Wald sind sie sicher. Dort ist er zum Symboltier und Sympathieträger geworden (Foto: Dieter Meyrl/iStock).

Der wilden Natur ein Zuhause geben, das will nicht nur die Große Koalition, sondern auch eine Mehrheit der Bevölkerung: Zwei Dritteln der Menschen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist. Das hat eine Naturbewusstseinsstudie aus dem Jahr 2013 ergeben. 

Am 7. November 2007 verabschiedet die schwarz-rote Bundesregierung unter Angela Merkel die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“. Die Koalitionspartner CDU, CSU und SPD machten deutlich: Wir alle sind auf eine intakte Natur und Landschaft angewiesen. Wir bewirtschaften und formen sie nach unseren Bedürfnissen. Böden, Flüsse, Wälder oder Wiesen sind aber nicht beliebig belastbar. Weltweit ist ein alarmierender Rückgang der natürlichen Vielfalt zu beobachten, auch in Deutschland. Die Koalitionspartner wollen daher alle gesellschaftlichen Kräfte mobilisieren, um den Verlust der Arten und Naturräume in Deutschland zu verringern und schließlich zu stoppen.

Zwei Prozent der deutschen Landesfläche für wilde Natur

Wie könnte das funktionieren? Zum Beispiel, indem sich der Mensch darauf beschränkt, nur 98 Prozent der Fläche Deutschlands als Kulturland zu nutzen und zu verändern. Auf mindestens zwei Prozent der Fläche (ca. 714.000 Hektar) sollte sich die Natur nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln dürfen, frei von menschlicher Prägung. Dieses Ziel soll nach dem Willen der schwarz-roten Regierung bis zum Jahr 2020 erreicht werden und zwar überwiegend auf großen Flächen (mindestens 500 bis 1000 ha), also etwa in Nationalparken, auf nicht mehr in der Nutzung befindlichen Truppenübungsflächen, im Hochgebirge oder entlang von Flussläufen.

Mehrheit der Bayern ist für dritten Nationalpark

Laut einer Emnid-Umfrage im März 2018 befürworten 64 Prozent der bayerischen Bevölkerung einen dritten Nationalpark im Freistaat. Einige Bundesländer bemühen sich bereits darum, dem visionären 2-Prozent-Ziel einen kleinen Schritt näher zu kommen: So etablierte etwa Baden-Württemberg 2014 einen Nationalpark im Schwarzwald. 2015 entstand der Nationalpark Hunsrück-Hochwald zwischen Saarland und Rheinland-Pfalz. Die hessische Landesregierung beschloss 2016, Naturwäldern wieder mehr Raum zu geben und mindestens fünf Prozent ihrer Waldfläche nicht mehr forstwirtschaftlich zu nutzen.

Wilde Natur in Bayern bislang nur auf 0,5 Prozent der Landesfläche

Doch während andere Bundesländer aktiv werden, setzt die bayerische Landesregierung weiter auf das Prinzip „Schützen durch Nützen“. Das Zwei-Prozent-Ziel wurde nie in die Bayerische Biodiversitätsstrategie aufgenommen. Dabei hat Bayern laut einer Studie des Bundesamt für Naturschutz aus dem Jahr 2015 das größte Potential aller Bundesländer zur Etablierung großflächiger Naturräume. Aktuell darf sich die Natur in Bayern nur auf knapp 0,5 Prozent der Fläche frei entfalten, vor allem in den beiden Nationalparkgebieten Berchtesgaden und Bayerischer Wald. Die Kernzonen im Biosphärenreservat Rhön und die 165 Naturwaldreservate in Bayern erlauben natürliche Prozesse dagegen nur auf kleinen Flächen . 99,5 Prozent der bayerischen Landschaft nutzen wir nach unseren Bedürfnissen… Das Zwei-Prozent-Ziel liegt in weiter Ferne.

Trauriger Verlauf der Diskussion um den Nationalpark

Der Dialogprozess für die Suche nach dem Gebiet für einen dritten Nationalpark lief bereits auf Hochtouren, als Ministerpräsident Markus Söder das Vorhaben abbrach (Im Bild: Bayerische Staatskanzlei, Sitz des Ministerpräsidenten. Foto: QUICKMILL/fotolia.com).

Zunächst sah es eigentlich gut aus für einen dritten Nationalpark in Bayern. Im Jahr 2016 beschloss der bayerische Regierung unter Horst Seehofer, einen dritten Nationalpark einzurichten. Der neue Ministerpräsident Markus Söder stoppte das Vorhaben aber gleich zu Beginn seiner Amtszeit.

Im Sommer 2016 beschließt der Bayerische Ministerrat auf Anregung von Ministerpräsident Horst Seehofer überraschend: Wir wollen ein Ausrufezeichen beim Naturschutz setzen. Wir wollen einen dritten Nationalpark in Bayern - und zwar ausschließlich auf Staatswaldflächen. Ulrike Scharf, damals noch bayerische Umweltministerin, beginnt einen engagierten Dialogprozess in potenziell geeigneten Regionen. Im Gespräch sind anfangs noch das Ammergebirge, der Steigerwald, der Spessart, der Frankenwald, die Rhön sowie die Donau- und Isarauen. 

Die großräumigen und noch relativ unzerschnittenen Staatswaldflächen im Spessart, im Nordsteigerwald und im Ammergebirge würden den Nationalparkkriterien am ehesten entsprechen. Im Rennen um einen dritten Nationalpark bleiben Mitte 2017 aber nur die Rhön und die Donau- und Isarauen. Hier sollte ein intensiver Dialogprozess mit allen Aktueren folgen. Den ausgeschiedenen Nationalpark-Kandidaten wurden als Trostpflaster „substanzielle Maßnahmen zur Förderung des Natur- und Artenschutzes“ versprochen.

Betonbauten statt wilder Natur

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit, in seiner Regierungserklärung im April 2018, stoppt Ministerpräsident Markus Söder das wichtigste Naturschutzprojekt Bayerns, den dritten Nationalpark. Der Dialogprozess wird abgebrochen. Den zuletzt diskutierten Regionen Rhön, Spessart und dem Donauraum um Neuburg verspricht er stattdessen Zentren für Umweltbildung und Naturerlebnis . Und das, obwohl im Biodiversitätsprogramm Bayern 2030 von der Staatsregierung erläutert wird, dass auch im „dicht besiedelten Mitteleuropa Strukturen oder Flächen, die der natürlichen Entwicklung überlassen werden, einen besonderen Wert“ haben, „weil bestimmte, vielfach selten gewordene Tier- und Pflanzenarten überwiegend oder ausschließlich dort vorkommen“. 

Bayern wird zum Schlusslicht bei der Ausweisung von Schutzgebieten

Umweltzentren sind schön und gut. Doch Naturschutz braucht Fläche. Schaustücke in der Vitrine ersetzen kein Stück Land, das sich selbst überlassen wird, um unbeeinflusstes Werden und Vergehen zu ermöglichen. Sind Eichenzentren und Großaquarien nun also die angekündigten „substanziellen Maßnahmen zur Förderung des Natur- und Artenschutzes“? Oder eher ein Ablenkungsmanöver? „Wir kritisieren, dass lediglich Informationszentren gebaut werden sollen, statt Lösungen für drängende Probleme wie das Insektensterben oder die Versiegelung der Landschaft aufzuzeigen und endlich mehr Flächen aus der Nutzung zu nehmen, um sie der eigenen Entwicklung zu überlassen“,  so Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland des WWF Deutschland. "Mit diesem Rückzieher wird Bayern zum Schlusslicht in Deutschland bei der Ausweisung neuer wirkungsvoller Schutzgebiete. Und es gibt seine frühere Vorreiterrolle im Naturschutz preis" so Richard Mergner, Vorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern.

Schlag ins Gesicht der Bürger

Die Absage an einen dritten Nationalpark ist nicht nur ein herber Rückschlag für den Naturschutz in Bayern. Es steht auch dem Willen der Mehrheit der Bürger in ganz Bayern entgegen, die laut einer Emnid-Umfrage vom März 2018 einen dritten Nationalpark befürworten. Und ein Schlag ins Gesicht all derjenigen Bürger, die sich in ihrer Heimat mit viel Engagement und Herzblut für einen Nationalpark einsetzen, wie der Verein für einen Nationalpark im Nordsteigerwald, die Freunde des Spessarts, die Bündnisse für die Nationalparke in der Rhön und in den Donauauen  sowie im Ammergebirge

BUND Naturschutz tritt für ein wilderes Bayern ein

Wir in Bayern haben Lust auf Vielfalt. Und wir können auch wild sein. Wir wollen ungenutzte Wälder und Flusslandschaften erleben dürfen, weil sie von berauschender Schönheit und von herausragender Bedeutung für den Naturschutz sind. Geben wir unserer wilden Natur ein Zuhause. Deshalb tritt der BUND Naturschutz  für einen dritten Nationalpark in Bayern ein.

Schützen durch Nützen?

Kein Platz für Natur: Weil Landwirte in Bayern nicht dazu verpflichtet sind, zwischen Acker und Wasser einen fünf Meter breiten Streifen Natur stehen zu lassen, ackern die meisten bis direkt an Gewässer heran (Foto: Ruud Morijn/fotolia.com).

Schützen durch nachhaltiges Nützen ist das Motto der bayerischen Regierung. Gemeinsam mit Landwirten, Waldbesitzern und Grundstückseigentümern will die bayerische Staatsregierung die biologische Vielfalt mit freiwilligen Maßnahmen erhalten. Führt das allein zum Ziel?

In die bayerische Biodiversitätsstrategie aus dem Jahr 2008 wurde das Zwei-Prozent-Ziel nicht aufgenommen. Stattdessen soll der „bayerische Weg“ verfolgt werden, nämlich der kooperative Naturschutz. So sind in Bayern beispielsweise die fünf Meter breiten Uferrandstreifen zum Schutz der Gewässer nicht wie in anderen Bundesländern verpflichtend, sondern freiwillig. Trittsteinbiotope sollen auf freiwilliger Basis ein Netz aus Schutzgebieten ergänzen. Ebenso freiwillig sollen laut Biodiversitätsstrategie „möglichst viele Bestände“ der über die europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützten Lebensräume und Arten erhalten werden. Immerhin sieht das „Biodiversitätsprogramm Bayern 2030“ von 2014 Artenhilfsprogramme für gefährdete Tier- und Pflanzenarten vor. 

Freiwilligkeit hat sich im Naturschutz nicht bewährt

Es stimmt, Kulturlandschaften tragen entscheidend zum Erhalt der Artenvielfalt bei, insbesondere die kleinteilig und extensiv bewirtschafteten Räume. Landwirte und Förster sind natürlich wichtige Akteure, ohne deren Kooperation Naturschutz nicht funktionieren kann. Doch in der bayerischen Biodiversitätsstrategie fehlen verbindliche Vorgaben und regelmäßige Kontrollen zur Zielerfüllung. "Der bayerische Weg der Freiwilligkeit hat sich ganz klar nicht bewährt“, erklärt Richard Mergner, Vorsitzender des BUND Naturschutz Bayern. „Die bayerische Heimat besteht nicht nur aus modellierten Kulturlandschaften“, fügt Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland des WWF Deutschland, hinzu. „Nur mit einem ausreichend großen Anteil nutzungsfreier Flächen ließe sich Bayern in seiner ganzen Vielfalt erhalten – zum Nutzen von Mensch und Natur.“