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Grünes Band: vom Todesstreifen zur Lebenslinie

Noch im Wendejahr, im Dezember 1989, organisierte der BUND Naturschutz (BN) das erste Treffen mit Naturschützern aus Ost und West in Hof. Hier wurden die Idee und der Name „Grünes Band“ geboren, das erste gesamtdeutsche Naturschutzprojekt.

Braunkehlchen auf einem Grenzpfahl (Foto: Kai Frobel)

Im Jahr 2014 konnte das Grüne Band seinen 25. Geburtstag  feiern – ein für ein Naturschutzprojekt beinahe schon ehrwürdiges Alter. In der Zeit seines bisherigen Bestehens hat sich ein großer Fundus von Wissen und Erfahrungen  angesammelt, der das Grüne Band zu einem vielbeachteten Vorbild für Naturschutzprojekte weltweit macht. Doch ehe es so weit kommen und dieses Projekt auch in Gesellschaft und Politik Fuß fassen konnte, war es ein langer, oft mühsam zu beschreitender Weg.

Aufmerksam geworden durch die zahlreichen seltenen Tiere, die er dort beobachtet hatte, begann im Jahr 1975 Kai Frobel, der heutige BN-Naturschutzreferent, mit systematischen Untersuchungen der Vogelwelt in den Brachflächen des „vorgelagerten Hoheitsgebiets“ der DDR. Er beschrieb bundesweit erstmals den hohen Naturschutzwert des für Artenschützer aus der DDR nicht zugänglichen Grenzstreifens.

Ab 1979 führte die BN-Kreisgruppe Coburg Aug´ in Aug´ mit argwöhnischen Grenzposten eine ornithologische Rasterkartierung von 1005 Quadratkilometern im Bereich Obermaintal und Landkreis Coburg durch. Dieser Landschaftsraum war auf drei Seiten von der DDR-Grenze umgeben. Gezielt wurde damals auch der Grenzstreifen zu Thüringen auf rund 140 Kilometern Länge erfasst. Der Vergleich zur umliegenden Agrarlandschaft war eindeutig: Seltene und bedrohte Vogelarten wie Braunkehlchen, Raubwürger, Ziegenmelker und Heidelerche brüteten zu weit über 90 Prozent im Grenzstreifen. Hätten die etwa 40 mitwirkenden Ehrenamtlichen nicht Jahre an idealistischer Kartierungsarbeit im Gelände investiert, gäbe es heute wahrscheinlich kein Grünes Band.

Unter dem provokanten Motto „Todesstreifen: Lebensader für seltene Arten“ legte der BN bereits Anfang der 80er-Jahre in Publikationen und bei der Pressearbeit den Finger in die Wunde. Das Ziel: Es sollte den für Natur und Landschaft politisch Verantwortlichen peinlich sein, dass eine ganze Reihe von seltenen Arten nur dadurch überlebt, dass es einen menschenverachtenden „Todesstreifen“ gibt. Bei diesen Ermahnungen blieb es nicht, der BN und seine Kreisgruppen handelten. So begannen 1981 gezielte Biotopneuanlagen und Flächenankäufe der Kreisgruppe Kronach direkt an der Grenze auf bayerischer Seite.

Als die innerdeutsche Grenze 1989 fiel, war den BN-Verantwortlichen klar, dass nun ein Zeichen gesetzt werden musste, um die seit über einem Jahrzehnt bekannten Schätze im Schatten der Grenzanlagen zu sichern. Am 9. Dezember 1989 luden Hubert Weiger, damals BN-Beauftragter für Nordbayern, und Kai Frobel 28 ihnen bekannte Naturschützer aus der DDR zu einem ersten deutsch-deutschen Treffen nach Hof ein. Die Resonanz war überwältigend, knapp 400 Personen aus der gesamten DDR und Nordbayern kamen, um einstimmig eine Resolution, in der erstmals von Kai Frobel der Begriff »Grünes Band« geprägt wurde, zu verabschieden.

Das Grüne Band zwischen Bayern und Tschechien bei Waldsassen (Foto: Klaus Leidorf)

Es war auch der Anfang einer nun 25-jährigen Lobbyarbeit von BUND Naturschutz in Bayern (BN) und Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Medienaufmerksamkeit half dabei – entgegen der damals verbreiteten Grundstimmung, diese Grenze und alle mit ihr verbundenen Anlagen sofort zu beseitigen – Verständnis und Unterstützung für den Erhalt der dort entstandenen Natur und einmaligen Erinnerungslandschaft zu wecken.

Dies mündete in ersten politischen Zielaussagen und konkreten Schritten: So wurden BN und Landesbund für Vogelschutz (LBV) 1990 von den Umweltministerien der Länder Bayern, Thüringen und Sachsen gemeinsam mit einer faunistischen Kartierung des 422 Kilometer langen Südabschnitts beauftragt. Die Kartierung bestätigte eindrucksvoll die früheren Befunde aus dem Coburger Raum und war die Grundlage für zahlreiche neue Schutzgebiete.

Besonders in den frühen 90er-Jahren war das Grüne Band massiv gefährdet. Über Jahrzehnte ungenutzte Biotope wurden in wenigen Stunden vor allem durch bayerische Landwirte umgepflügt, begünstigt durch den kurz nach der Wende entstandenen „rechtsfreien Raum“ im ehemaligen Grenzbereich. Vor allem in traditionellen Ackerbauregionen wie dem Grabfeld kam es zu hohen Verlusten. Auch der Neubau zahlreicher Straßen und Gewerbegebiete schränkte das Grüne Band weiter ein.

Im Europäischen Naturschutzjahr 1995 wurde das Grüne Band als modellhaftes Naturschutzprojekt ausgezeichnet. Mit einer ersten Wanderausstellung, gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, konnte erstmals auch außerhalb von Bayern, Thüringen und Sachsen für das Grüne Band geworben werden.

Doch bereits im Jahr 1996 kam die nächste Herausforderung: Der Bundestag beschloss ein „Mauergrundstücksgesetz“, wonach die bundeseigenen Flächen für ein Viertel des damaligen Verkaufswerts an die früheren Eigentümer bzw. deren Rechtsnachfolger verkauft werden sollten. Die Planungen dieser Rückübertragungen und noch dazu eines freien Verkaufs weiterer Flächen aus dem Bundesbesitz waren eine erhebliche Bedrohung des Grünen Bandes, machten sie doch etwa die Hälfte des wertvollen Biotopverbundes aus. Bis der BN die Politik so weit hatte, von diesen Plänen abzusehen, wurde die Geduld der Aktiven auf eine harte Probe gestellt: Volle zwölf Jahre dauerte das und zeitweise ging es nur sehr zäh vorwärts, fast bis zum Stillstand. Doch letztendlich hat sich die Ausdauer gelohnt, diese Flächen wurden tatsächlich dem Naturschutz übertragen und sind somit gerettet. 

Dass das Grüne Band einige Jahre später im Bundesnaturschutzgesetz verankert und somit auch rechtlich als Element des nationalen Biotopverbundes gewürdigt wurde, stellte einen großen Erfolg dar. Doch noch immer befinden sich über 30 Prozent der Fläche im Besitz von Privatleuten, Kommunen oder verschiedenen Institutionen und sind deshalb durch etwaige Nutzungspläne ihrer Besitzer bedroht. Aus diesem Grund setzen sich BN und BUND seit dem Jahr 2000 für den Kauf derartiger Flächen ein.