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Natur am Grünen Band: Biotopverbund im Grenzstreifen

Als Nationales Naturerbe gehört das Grüne Band zusammen mit den Nationalparken und Biosphärenreservaten zu den wichtigsten Naturlandschaften Deutschlands. Im Schatten einer für Menschen tödlichen Grenze entwickelte sich praktisch ungestört ein großer natürlicher Reichtum an Biotopen, Tieren und Pflanzen.

Naturschutzgebiet Pfrentschweiher im Landkreis Neustadt a. d. Waldnaab (Foto: Berndt Fischer)

Während der jahrzehntelangen Teilung unseres Landes war die innerdeutsche Grenze für den Menschen kein besonders lebensfreundlicher Ort: Auf 1400 Kilometern Länge sollten DDR-Bürger um jeden Preis daran gehindert werden, von Ost nach West zu gelangen. Grenzzäune, Mauern, Sperrgräben, Wachtürme und viele weitere Maßnahmen machten ein Durchkommen praktisch unmöglich.

Doch im Schatten dieser schrecklichen Grenze konnte sich die Natur über Jahrzehnte hinweg beinahe ungestört vom Menschen entwickeln, herausgekommen ist ein Biotopverbund, der für den Naturschutz von enormer Bedeutung ist. Seinen besonderen Wert hat das Grüne Band durch die beeindruckende Zahl eng verzahnter Lebensräume, die es aufweist: Auf seinen 177 Quadratkilometern Fläche sind 146 verschiedene Biotoptypen nachweisbar. Fast zwei Drittel der Fläche des Grünen Bandes stehen auf der Roten Liste der gefährdeten deutschen Lebensräume. Es durchquert siebzehn Naturräume und verknüpft über neun Bundesländer hinweg Lebensräume, die sonst in unserer Kulturlandschaft meist nicht mehr miteinander verbunden sind, zum Beispiel Altgrasbrachen mit Feuchtgebieten, Trockenrasen mit Altholzbeständen und Sumpfgebiete mit Heideflächen.

Naturnahe Fließgewässer, Feuchtwiesen, Moore, Busch- und Waldlandschaften und viele mehr bilden ein Verbundsystem, das über weite Strecken hinweg kaum unterbrochen ist. Hierdurch bietet sich vielen Tieren die Möglichkeit, das Grüne Band als Korridor für ihre Wanderungen innerhalb der häufig intensiv genutzten Agrarlandschaft zu nutzen. So kann ein genetischer Austausch zwischen den einzelnen Populationen einer Art stattfinden, die sonst genetisch isoliert und auf Dauer wohl kaum überlebensfähig wären.

Luchs im Grünen Band (Foto: Thomas Stephan)

Doch nicht nur auf ihren Wanderungen suchen Tiere aller Art Schutz im Grünen Band. Über 5000 Tier- und Pflanzenarten haben im Grünen Band selbst überlebt. Mehr als 1200 dieser Arten stehen auf der Roten Liste. Sie fanden und finden im Grünen Band einen einzigartigen Rückzugsraum in der ansonsten oft stark vom Menschen geprägten Landschaft Deutschlands. Arten, die bereits als verschollen oder ausgestorben galten wie der Kurzschwänzige Bläuling in Thüringen oder der wohlriechende Sumpfporst in Sachsen-Anhalt wurden wiederentdeckt. In Sachsen-Anhalt brüten die stark gefährdete Wiesenweihe der Steinkauz mitten im Grünen Band. Raritäten wie Wanstschrecke, Schwarzstorch, Braunkehlchen, Wachtelkönig, Fischotter, Luchs oder Wildkatze, Türkenbundlilie, Trollblume oder Küchenschelle finden im Grünen Band einen Lebensraum. Als ganz besondere Rarität hat sich im Dreiländereck Bayern-Sachsen-Böhmen die Flussperlmuschel erhalten.

Seit dem Jahr 2003 hat das Grüne Band in Deutschland eine noch größere Dimension bekommen: Es stand Pate für das Grüne Band Europa, ein Biotopverbundsprojekt, das entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs vom arktischen Norden durch 24 Länder bis zum mediterranen Süden reicht und eine beeindruckende Gesamtlänge von 12500 Kilometer aufweist. Auch entlang der außerdeutschen Grenzabschnitte konnte eine Fülle einzigartiger Lebensräume erhalten werden. Das Grüne Band Europa bildet so gemeinsam mit den mit ihm vernetzten Schutzgebieten einen Großteil der biologischen Vielfalt Europas ab: Die Urwälder in Karelien an der finnisch-russischen Grenze, die Donau-March-Auen an der österreichisch-slowakischen Grenze, eine der größten ursprünglichen Auenlandschaften Mitteleuropas, oder der grenzüberschreitende Nationalpark Fertö-Hanság/Neusiedler See zwischen Österreich und Ungarn sind nur einige Beispiele dafür.

Die 2011 beschlossene EU-Strategie zum Schutz der biologischen Vielfalt sieht es vor, die „Grüne Infrastruktur“ auszubauen, um die Funktionen der Natur zu erhalten und von ihnen zu profitieren. Das bedeutet, den Verbund von Schutzgebieten wie auch der Landschaft zwischen ihnen zu stärken. Hier könnte dem Grünen Band Europa als länderübergreifender ökologischer Korridor eine wichtige Rolle zukommen, wäre es doch ein prima Grundstock, auf den ein europaweites Netzwerk von Biotopen aufbauen und an ihn anknüpfen könnte. Tatsächlich konnten BUND Naturschutz (BN) und Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gemeinsam mit Partnern die EU-Kommission davon überzeugen, das Grüne Band Europa als Modellprojekt auszuwählen, wir können gespannt sein, wie es in Zukunft damit weitergeht.